ARTUR BRAUNER war 28 Jahre alt, als er mit Engelszungen auf seine Schwiegermutter einredete, sie möge ihm doch bitte ihren Pelzmantel überlassen. Er hätte da eine Idee … 1946 war das und Brauner muss überzeugend gewirkt haben. Sie trennte sich von dem guten Stück, er verkaufte es für 200.000 Mark und hatte damit das Kapital für seinen ersten Film beisammen, an dem er als Koproduzent beteiligt war. Der Rest ist Geschichte. Brauners Firma CCC Filmkunst existiert nun genau 70 Jahre, was mit einem großen Fest am Freitagabend auf dem Studiogelände in Haselhorst gefeiert wurde. Schauspieler wie Armin Mueller-Stahl, Gudrun Landgrebe, Hannelore Elsner, Bruno Eyron, Götz Otto, Eleonore Weisgerber und Carolina Vera machten ihre Aufwartung. Und auch Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, Produzent Martin Moszkowicz (Constantin) sowie der Regisseur Dominik Graf (der bei der nächsten großen CCC-Produktion „Der Golem“ Regie führen soll) waren unter den Gästen.

ALICE BRAUNER hat die Vorbereitungen für das Fest in ihren Händen behalten. Die Tochter leitet mit ihrem Vater gemeinsam die Firma, er kommt mit seinen 98 Jahren noch einmal die Woche ins Büro und ist an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. Sie empfindet das nicht als Gängelei, sondern freut sich, ihn immer wieder fragen zu können: „Wer sonst hat das Glück, so einen erfahrenen Berater zu haben?“ Die meisten Meinungsverschiedenheiten drehen sich um dasselbe Thema: „Papa findet manchmal, dass ich zu leichtgläubig bin. Und ich glaube halt gern an das Gute im Menschen.“ Sie freut sich, dass sich ihr Vater nach dem Krieg für die Filmbranche entschieden hat: „Er wusste, er will entweder Opern singen oder Filme machen. Gott sei Dank, dass er keine Opern singt. Sonst wären wir wahrscheinlich alle verhungert.“ Rechtzeitig vor der großen Jubiläumsfeier wurden die Studios in Haselhorst renoviert. Vater Artur erzählte am Rande der Feier: „Alice hat dafür sehr viel Geld ausgegeben. Es lohnt sich aber schon, sie konnte einige Produktionen in die modernisierten Studios holen.“ Alice Brauner hatte für die Festgäste eine gute Nachricht: Eine große deutsche Netflix-Serie wird ab Januar in den CCC-Studios produziert. „Über 700 Filme wurden hier bislang gedreht. Und dazu viele Serien. Rainer Werner Fassbinder hat hier ,Querelle’ gedreht. Otto Waalkes, Caterina Valente, Heinz Rühmann und Romy Schneider standen hier vor der Kamera.“ Keine leichte Aufgabe, auf einen Artur Brauner zu folgen: „Ich wusste, dass ich in große Fußstapfen trete. Das Werk meines Vaters ist einzigartig. Ich möchte es weiterführen.“ Wobei sie sich bei allem Streben nach Modernität auch immer an den Lieblingsprojekten ihres Vaters messen lassen möchte: „Er fing gleich in den 40er-Jahren mit dem an, was ihm am wichtigsten war: die Vergangenheit aufzuarbeiten.“

DIETER KOSSLICK gehörte zu den Gratulanten, die Artur Brauner in einem Film mit dem Titel „Ein Leben für den Film“ würdigten, der für das 70. CCC-Jubiläum produziert wurde. Der Berlinale-Direktor gerät ins Schwärmen: „,Der Tiger von Eschnapur’, ,Das indische Grabmal’ und ,Doktor Mabuse' – das waren Lieblingsfilme von mir. Und von vielen Millionen Menschen.“ Wie ein echter Fan kann sich Kosslick an kleinste Details erinnern: „Ich habe den ,Tiger von Eschnapur' noch im Kopf. Das Maharadscha-Schloss, diese Gänge, den Tiger, die Liebesgeschichte.“

NICO HOFMANN bezeichnet Artur Brauner als eine „weltweite Marke“. Dem Ufa-Chef gefällt dabei besonders, dass Brauner ein kommerzieller Produzent ist. „Er hat die große Bühne bespielt. Er war auch sehr erfolgreich damit.“ Brauner habe „ganz viele Geschäftsfelder gesehen und ausprobiert, da gab es keine Grenzen. Das Portfolio ist schon ziemlich wild.“ Jedoch sei es ohne Beliebigkeit in den wesentlichen Dingen, wobei Hofmann die „sehr klare politische und menschliche Haltung bis zum heutigen Tag“ hervorhebt. Wolf Bauer, Hofmanns Ko-CEO bei der Ufa, kam persönlich, um zu gratulieren: „Ich schätze und verehre Artur Brauner und seine Tochter Alice, die eine würdige Nachfolgerin ist.“

MARIANNE SÄGEBRECHT hat schon mit beiden Generationen der Brauner-Produzenten gearbeitet. Und mit der nächsten – Alice Brauners Söhnen Ben und David – stand sie 2009 für den Film „So ein Schlamassel“ vor der Kamera. Die Information, dass Ben und David die Gala zum 70. CCC-Jubiläum moderieren, ließ sie nicht kalt: „Jetzt habe ich eine Gänsehaut!“ Die Jungs erklärten, wie sie zu ihrem Debüt als Moderatoren kamen: „Unser Opa sagt immer, dass kein Geld ausgegeben werden darf, wenn kein Geld ausgegeben werden muss. Deshalb stehen wir hier. Wir sind kostenlos!“

ANDREJ HERMLIN spielte mit seiner Swing Band zum Tanz auf. Er wusste, was von ihm erwartet wurde: „Wir haben schon öfter bei Festen der Brauners gespielt, er hat immer eine Liste mit Musikwünschen. Vor Jahren haben wir mal ein Arrangement des Liedes ,Ich hab dich zu sehr lieb’ geschrieben, weil Artur das für seine Maria singen wollte.“ Das Geheimnis für den Zusammenhalt der Sippe erklärt Alice Brauner so: „Wenn es in der Familie mal Streit gibt, wird der spätestens bei unserem Familienmittagessen an jedem Sonntag ausgeräumt. Länger als sieben Tage kann bei uns also niemand dem anderen böse sein.“