Sechs Meter Durchmesser hatte die Kuhle im Erdboden. Darin befand sich hauptsächlich schwarzes, verkohltes Papier. Als die zwei Deutschen und ihre Begleiter vom US-Militär-Nachrichtendienst CIC in dem Haufen wühlten, stießen sie unter der Deckschicht verbrannten Papiers auf intakte braune Umschläge. Auf den linierten Blättern erkannten die Agenten nur unleserliche Striche und Haken. Die beiden ehemaligen Reichstagsstenografen dagegen trauten ihren Augen nicht. Sie hatten ihre Stenogramme aus den militärischen Lagebesprechungen vor sich, die Adolf Hitler von September 1942 bis April 1945 mehrfach täglich in seinen Hauptquartieren abgehalten hatte.

Es war der 9. Mai 1945. Vor vier Tagen erst hatten US-Truppen Berchtesgaden erreicht. Zwei Tage vorher, am frühen Nachmittag des 7. Mai, als die bedingungslose Kapitulation NS-Deutschlands schon beschlossen war, offenbarte sich einer der beiden Stenografen, Gerhard Herrgesell, dem CIC und berichtete, er sei am 23. April direkt aus dem Führerbunker unter der Berliner Reichskanzlei gekommen – im Gepäck die Protokolle der Lagebesprechungen. Die Aussicht, solche Dokumente in die Hand zu bekommen, elektrisierte die Agenten des CIC.

Goebbels gefiel das nicht

In völliger Verkennung seiner militärischen Fähigkeiten hatte Hitler ab dem Frühherbst 1942, als sich der Kriegsverlauf immer mehr zuungunsten NS-Deutschlands entwickelte, alle Besprechungen mit Militärs Wort für Wort protokollieren lassen, um „die Verantwortlichkeiten“ für die Nachwelt festzuhalten. Zuvor waren nur Stichpunkte festgehalten worden. Diese Praxis stellte Hitler Anfang September 1942 abrupt ein, nachdem sich der Befehlshaber der Heeresgruppe A bei einer Operation im Kaukasus nicht sklavisch an seine Befehle gehalten und Wehrmachts-Chef Alfred Jodl dieses Verhalten dem „Führer“ gegenüber auch noch als militärisch sinnvoll verteidigt hatte.

Von nun an mussten ehemalige Reichstagsstenografen alle irgendwie bedeutsamen militärischen Besprechungen Hitlers aufzeichnen: größere und kleinere Runden, Vieraugengespräche und sogar Telefonate. Auch wenn eine offizielle Besprechung abgeschlossen war und noch eine zwangslose Unterhaltung Hitlers mit Einzelnen stattfand, mussten die Stenografen so lange im Raum bleiben, wie noch ein Offizier im Rang eines Generalmajors oder höher anwesend war. Hitler wollte sichergehen, dass etwaige militärische Gesprächsinhalte noch protokolliert werden könnten.

Nicht allen im Umfeld Hitlers gefiel die „Übung des Mitschreibens“. Joseph Goebbels etwa vertraute schon früh seinem Tagebuch an: „Auf die Dauer wird natürlich hier der Führer im Nachteil sein; denn der Führer macht nie aus seiner Meinung einen Hehl.“ Zudem belegten die Protokolle akribisch, welche Militärs in welche Maßnahmen verbrecherischer Kriegsführung des NS-Regimes zu welchem Zeitpunkt verstrickt waren. So verwundert es nicht, dass zu Kriegsende versucht wurde, diese Dokumente der Mitwisserschaft zu vernichten.

110.000 Protokollseiten

Ursprünglich existierten drei Exemplare: Die für die Reichskanzlei bestimmten Protokolle wurden mit allen anderen verbliebenen Akten der Reichskanzlei am 22. April 1945 in Berlin verbrannt. Ebenso verfuhr der Wehrmachtshistoriker Generalmajor Walter Scherff vor seinem Selbstmord mit seinem Kopiensatz. Das dritte Konvolut mit insgesamt 110.000 Protokollseiten sowie die originalen Stenogramme jedoch nahmen die letzten beiden Stenografen per Flugzeug mit nach Berchtesgaden.

Als der Rundfunk am 1. Mai Hitlers Tod vermeldete, beschlossen der Leiter des Stenografischen Dienstes im Führerhauptquartier, Kurt Peschel, und der persönliche Referent Martin Bormanns, Hans Müller, auch diese Ausfertigung der Protokolle mitsamt den Originalstenogrammen verbrennen zu lassen. Die SS brachte das Material dazu auf sechsrädrigen Militärfahrzeugen nach Hintersee, einen kleinen Ort hinter dem Königssee, und zündete es an.

So machten sich die CIC-Agenten keine großen Hoffnungen, als sie am 9. Mai nach Hintersee aufbrachen. Dass sie trotzdem Stenogramme von 52 Lagebesprechungen zwischen Dezember 1942 und März 1945 retten konnten, immerhin knapp fünf Prozent des Gesamtmaterials, ist zwei Zufällen zu verdanken: zum einen waren die für Nichtstenografen unleserlichen Aufzeichnungen als letzte ins Feuer geworfen worden; zum anderen regnete es am Abend noch einmal kräftig und blieb dann die ganze Zeit trocken.

Sofort liquidieren

In den folgenden zwei Monaten wurden aus den Fragmenten mit Hilfe der Stenografen und ihrer ebenfalls aus Berlin geflohenen Sekretärinnen die Protokolle rekonstruiert. Zunächst aber ging es weniger um das Geschriebene als um die Schreiber, die in Hitlers engstem Umfeld gearbeitet hatten. Anfang Mai interessierte es die Weltöffentlichkeit brennend, welches Ende der Diktator genommen habe. Für seinen Tod gab es bis dato keinen Beweis. Darum war Herrgesell, der länger als die übrigen Stenografen im Bunker unter der Reichskanzlei geblieben war, ein wertvoller Zeuge. Am 22. April 1945 hatte er die denkwürdige Besprechung stenografiert, in der Hitler gegen den Rat seiner Generäle verkündete, in Berlin zu bleiben und dort, wenn es so weit käme, auch zu sterben.

Herrgesell wusste überdies zu berichten, welche Offiziere bei Hitlers völkerrechtswidrigem Befehl anwesend waren, alle Piloten der Alliierten sofort zu liquidieren, wenn man ihrer nach dem Abschuss der Maschinen oder einer Notlandung habhaft würde. Diese und weitere Aussagen der Stenografen sowie ihre rekonstruierten Protokolle gingen umfangreich in die Nürnberger Prozesse ein.

Der Autor, geboren 1969, ist Parlamentsstenograf im Deutschen Bundestag und beschäftigt sich seit Längerem mit der Geschichte der Parlamentsstenografen in der NS-Zeit.