Freitag spätnachmittags in Prenzlauer Berg. Ein Mann und seine Jungs gehen in schwarzem Anzug und Hut, Frau und Töchter mit Kopftuch und langem Rock. Wahrscheinlich orthodoxe Juden auf dem Weg zum Gottesdienst; die unter dem Jackett baumelnden weißen Fäden des Gebetsschals zeigen das. In New York, London, Paris, Antwerpen ist das ein gewohnter Anblick im Straßenbild. In Berlin, München oder Frankfurt am Main wird er das gerade wieder. Eines der vielen Zeichen einer Renaissance öffentlich gezeigten Judentums in Deutschland, die bis 1990 unvorstellbar war.

Andererseits: Wenn ein Rabbiner heute in Berlin antisemitisch attackiert wird, berichtet die ganze Welt darüber. In London bliebe es bei regionalem Aufsehen. So normal ist jüdisches Leben eben doch noch nicht in Deutschland. Und das hat nicht nur mit dem Holocaust zu tun. Es geht auch um die Erinnerung an die deutsch-jüdische Geschichte vor 1933.

Selbst in Berlin, dieser im Vergleich zu Trier, Köln oder Regensburg jungen Stadt, ist der älteste erhaltene Grabstein ein hebräisch beschrifteter von 1244. Deutsche Geschichte ist ohne Juden undenkbar. Besonders, seit im 19. Jahrhundert die juristischen und viele gesellschaftliche Beschränkungen zunehmend fielen. Im Deutschen Reich galt trotz religiösem Anti-Judaismus und rassistischem Antisemitismus die Assimilation von Juden und Nicht-Juden weithin als unumkehrbar. Kaiser Wilhelm II. schenkte der Synagoge in der Berliner Fasanenstraße 1912 die Ausstattung der Traukapelle, verteidigte im Ersten Weltkrieg jüdische Soldaten gegen den Vorwurf der Feigheit. Synagogen wie die in der Berliner Oranienburger Straße, in Essen oder München waren Stadtwahrzeichen.

Aus dem Zarenreich kannte man Pogrome, sogar aus den USA Diskriminierung. In Deutschland sahen viele Juden eine neue, tolerante Kultur aufstreben. Auch deswegen war der 9. November 1938 ein so tiefer Einschnitt: Er zeigte endgültig, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht willens war, die Minderheiten vor Verfolgung und Tod zu schützen. Alle Assimilation schien sinnlos geworden zu sein. Von den 160.000 in Berlins jüdischen Gemeinden 1933 eingeschriebenen Juden überlebten bis 1945 kaum 5000 in der Stadt. Von da an war Judentum in Deutschland über vier Jahrzehnte eine Sache des Noch-da-Seins, ein Ausdruck des Beharrens: Wir überlassen die Geschichte nicht den Nazis.

Doch 1990 änderte sich diese Exil-Position innerhalb weniger Monate. Der Zusammenbruch der sozialistischen Regimes in Mittel- und Osteuropa öffnete die Grenzen, Helmut Kohl garantierte Einwanderungsquoten für Juden aus der Sowjetunion. Die folgende Einwanderungswelle glich der nach den zaristischen Pogromen des späten 19. Jahrhunderts. Die jüdische Gemeinde Berlins wuchs von 6000 auf mehr als 12.000 Mitglieder an; die Zahl der Juden in Deutschland wird heute auf 120.000 geschätzt. Das neue Selbstbewusstsein verkörperte sich im früheren Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis, der vehement darauf bestand, deutscher Jude zu sein.

Neben die Erinnerung an das Überleben des Holocausts trat nun diejenige vom Überstehen des Judentums im Sozialismus. Und inzwischen kommt noch eine dritte Erzählung hinzu: Die von der kulturellen Freiheit, die amerikanische Juden, vor allem aber junge Israelis – jüdische wie nichtjüdische im Übrigen – ins hippe Berlin lockt. 17.000 sollen es inzwischen angeblich sein, die wenigsten haben eine Bindung an die religiösen Gemeinden.

In Israel wird schon die Auswanderung der Klügsten beklagt. Doch diese finden dort oft keine Arbeit, wollen nicht beständig im Kriegszustand leben, freuen sich über die niedrigen Lebenshaltungskosten: Eine Wohnung in Berlin, errechnete die Zeitung Haaretz, kostet kaum ein Drittel des Preises in Tel Aviv. Für Berlin und Deutschland ist das über alles Geschichtsbewusstsein hinaus eine Chance. Einwanderer sind meist die aktivsten, dynamischsten Teile einer Gesellschaft. Das gilt für Türken, Nigerianer, Chinesen oder eben Israelis. Die Konkurrenz um sie ist längst entbrannt – Berlin sollte nicht zurückstehen. Was wäre die Stadt heute ohne Bagel-Läden? So langweilig wie die, die einst keinen Döner kannte.