Berlin - Vor 100 Jahren war er ein Kampftag für das Frauenwahlrecht. In der DDR ein Jubeltag, an dem die Männer in den Betrieben ihre Kolleginnen mit Blumen, Speis und Trank verwöhnten. Im vereinten Deutschland geriet er bei vielen in Vergessenheit, erlebt jetzt aber in Berlin Wiederauferstehung: Der Internationale Frauentag wird in der Hauptstadt zum gesetzlichen Feiertag - erstmals in einem Bundesland. An diesem Donnerstag will das Abgeordnetenhaus mit der rot-rot-grünen Regierungsmehrheit ein Gesetz dazu beschließen.

Die Arbeitnehmer freut das natürlich. Warum sich Berlin den neuen Feiertag gönnt, ist indes nicht so recht klar. Offiziell wird der „Nachholbedarf“ ins Feld geführt: Tatsächlich steht der Stadtstaat mit bisher 9 Feiertagen am Ende des Bundesländervergleichs. Bayern hat 13, Baden-Württemberg 12. Doch die Umstände, wie es nun zum 8. März kam, lassen den Schluss zu: Eigentlich wollte niemand in der Hauptstadt einen neuen Feiertag - er kommt aber trotzdem.

Nördliche Bundesländer wollen Reformationstag als Feiertag

„Schuld“ daran sind die Nordländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Bremen. Deren Regierungschefs trafen sich im Februar und verkündeten anschließend, den Reformationstag am 31. Oktober zum Feiertag machen zu wollen. Bis dahin war das nur in den Ost-Ländern außer Berlin der Fall, 2017 war er zum 500. Reformationsgeburtstag einmalig bundesweit begangen worden.

Dass das Feiertagstreffen ausgerechnet in Berlin stattfand, gibt ihm eine besondere Note. „Wir waren nicht eingeladen“, merkte Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) dazu später an. Gleichwohl hätten danach Journalisten bei ihm angerufen und gefragt, wann seine Stadt nachziehe. „Und damit hatten wir die Feiertagsdebatte. Die wollte ich nicht. Die hätten wir aus eigener Kraft glaube ich auch nicht angefangen“, so Müller. „Aber sie war dann auch nicht mehr wegzubekommen.“ Es folgten monatelange Diskussionen, viele glänzten mit Vorschlägen.

Müller wollte 18. März, Linke 8. Mai als Feiertag

Die Kirchen plädierten für den Reformationstag am 31. Oktober, die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg schlossen sich an. Der Beauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Tom Sello, warb für den 9. November als Tag des Mauerfalls - als Tag der Pogromnacht 1938 auch in negativer Hinsicht ein historisches Datum. Müller brachte in Erinnerung an die Märzrevolution 1848 den 18. März ins Spiel, Linke-Politiker den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus. Die SPD-Abgeordnete Iris Spranger startete eine Internet-Petition für den 8. März. Grüne schlugen vor, jeder solle seine eigenen Feiertag wählen können, die CDU jährlich wechselnde Termine.

SPD legt sich auf 8. März als Feiertag für Berlin fest

An Ideen mangelte es also nicht, jedoch an der Umsetzung. Mitte November schließlich platzte der Linken der Kragen. Die Parteispitze legte sich als Signal gegen die „Endlosdiskussion“ überraschend auf den 8. März fest und setzte damit die Koalitionspartner SPD und Grüne unter Druck. „Wir hatten die Befürchtung, dass alles zerredet wird, aber kein Verfahren zur Entscheidungsfindung“, sagt Parteichefin Katina Schubert heute zu dem Schritt. SPD und Grüne kamen aus der Nummer nicht mehr heraus - und schlossen sich dem Terminvorschlag an.

Nun also der 8. März als „Frauenkampftag“, wie es Grünen- Fraktionschefin Silke Gebel formulierte. Ein Vorbild auch für andere Bundesländer, glaubt SPD-Politikerin Spranger. „Auch 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts gibt es in Deutschland keine Gleichberechtigung.“ Schubert sieht ein „emanzipatorisches Signal“.

Das kostet der neue Feiertag die Berliner

Berlins Wirtschaft blickt eher auf den schnöden Mammon und verweist auf praktische Probleme. Ein zusätzlicher Feiertag habe ein Minus beim Bruttoinlandprodukt von 0,3 Prozent zur Folge und koste Berlin 160 Millionen Euro, rechnet der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), Jan Eder, vor: „Ein ökonomisches Eigentor“.

Probleme für Pendler

Probleme bereitet Unternehmen laut IHK auch die kurze Frist zwischen Gesetzesbeschluss und Feiertag. Das könne teuer werden, weil Firmen ad hoc Lieferketten, Arbeitsprozesse und Dienstpläne ändern und anpassen müssten. Das betrifft auch Kliniken oder die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die an Sonn- und Feiertagen andere Fahrpläne haben. Für bis zu 180.000 Berliner, die nach Brandenburg pendeln und am 8. März - einem Freitag - nicht frei haben, könnte der „Inseltermin“ schwierig werden: Sie müssen wegen geschlossener Kitas und Schulen etwa eine Kinderbetreuung organisieren.

2020 fällt der 8. März übrigens auf einen Sonntag. Dennoch haben die Berliner im kommenden Jahr ebenfalls zehn Feiertage. Denn das Abgeordnetenhaus will auch beschließen, den 75. Jahrestag der Befreiung am 8. Mai 2020 einmalig als Feiertag zu begehen. (Stefan Kruse, dpa)