Berlin - Fast 52 Jahre war Peter G. mit seiner Frau Ilona verheiratet, die er immer noch „meine Kleene“ nennt. Vor sechs Monaten brachte der 84-Jährige offenbar seine neun Jahre ältere Frau in der gemeinsamen Wohnung in der Mahlower Straße in Neukölln um. Seit Montag muss sich der Rentner vor einer Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts wegen Mordes verantworten.

Peter G. ist ein gebeugter Mann, er kann schlecht hören, leidet unter Diabetes. Ab und an schüttelt er mit dem Kopf, als er mit deutlichem Berliner Dialekt erzählt, was er seiner „Kleenen“ angetan hat. Als könne er das alles selbst nicht glauben. „Es war furchtbar“, sagt er mit Tränen in den Augen. Das, was er getan habe, tue ihm in der Seele weh. „Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es tun.“

Peter G. soll in der Nacht zum 6. Februar gegen 2.15 Uhr seiner schlafenden Frau in Tötungsabsicht mit einem Hammer mindestens 30 Mal auf den Kopf und das Gesicht geschlagen habe. Er sei von seiner Tat auch nicht abgekommen, als die 93-jährige Ilona G. erwacht sei, die Hand abwehrend erhoben und geschrien habe, sagt Staatsanwältin Silke van Sweringen. Als seine hochbetagte Frau still geworden sei, habe der Angeklagte bei ihr noch einen Pulsschlag verspürt und ein Küchenmesser geholt. Damit schnitt er Ilona G. laut Anklage in die rechte Halsseite und stach ihr mehrfach in den Oberkörper.

Angeklagter hat nur noch wenige Erinnerung an die Tat

Stunden nach der Tat rief Peter G. selbst die Polizei, die den einstigen Werkzeugmacher festnahm. Der 84-Jährige hatte Verletzungen an beiden Armen, hatte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. „Wenn die Kleene nicht mehr da ist, brauche ich auch nicht mehr da sein“, erklärt er den Suizidversuch vor Gericht. Seit seiner Festnahme ist Peter G. im Haftkrankenhaus untergebracht. An die Tat hat er nach eigenen Angaben nur noch wenige Erinnerung. Alles sei wie im Nebel, wie im Traum, erklärt er.

Staatsanwältin van Sweringen sagt in einer Prozesspause, dass Peter G. wohl mit der Situation überfordert gewesen sei. Nach Angaben des Angeklagten habe seine Frau schon lange die im dritten Stock gelegene Wohnung nicht mehr verlassen können. Seitdem kümmerte sich Peter G. um alles. Er ging einkaufen, machte Behördengänge. Seine Frau habe sich unnütz und überflüssig gefühlt und deswegen heimlich immer mal wieder geweint, berichtet er. „Ich habe ihr das ausreden wollen, habe ihr gesagt, dass wir 50 Jahre geschafft haben, und wir auch noch die nächsten 50 Jahre schaffen.“ Einen Umzug ins betreute Wohnung oder in ein Seniorenheim habe Ilona G. abgelehnt. Auch Hilfe im Haushalt habe sie verweigert. „Sie wollte keinen Fremden in der Wohnung“, sagt der Angeklagte.

Am Tag vor der Tat war bei Peter G. bei einer Routineuntersuchung ein Tumor im Magen festgestellt worden. Er hätte in der Klinik bleiben sollen, doch er entließ sich selbst, weil er niemanden hatte, der sich um seine Frau kümmern konnte. So erzählt es Peter G. an diesem ersten Prozesstag. Zuhause machte er seiner Frau den Vorschlag, doch mit ins Krankenhaus zu kommen. Doch Ilona G. habe abgelehnt. Das Paar aß zu Abend, machte den Fernseher an, ging später schlafen. „Aber meine Kleene hat nicht geschlafen“, erzählt der Angeklagte. Er habe gehört, wie sie geweint habe. „Da hat es bei mir irgendwie Klick gemacht. Ich habe mir gesagt: Mach' dem jetzt ein Ende!“, erzählt der Senior. Er habe gewollt, dass das Weinen aufhört, dass seine „Kleene ruhig ist“.

Peter G. wollte sich nach der Tat das Leben nehmen

Er sei aufgestanden, habe den Hammer geholt. Peter G. sagt, dass es stimme, was er der Polizei erzählte: Er habe gedacht, mit einem Schlag sei es getan. Doch seine Frau schrie. Und je mehr sie sich gewehrt habe, desto kräftiger habe er zugeschlagen. An die Stiche, die er seiner Frau versetzt haben soll, kann er sich nicht erinnern. Er weiß nur noch, dass er sich ein Messer und ein Bier aus der Küche geholt habe. „Ich schaffte es aber nicht, mir die Pulsadern aufzuschneiden“, sagt er, und seine Stimme versagt ihm.

Polizisten, die als erste am Tatort eintrafen, erzählen an diesem Prozesstag, wie sie damals in die „extrem aufgeräumte und saubere Wohnung“ des alten Ehepaars gekommen seien. Peter G. habe im Wohnzimmer mit blutiger Nachtwäsche schlaff in einem Sessel gesessen und stumm auf die Schlafzimmertür gezeigt. Vor ihm auf dem Teppich habe das blutbeschmierte Messer gelegen. Eine Beamtin erzählt von einem Feuerwehrmann, der ihr am Tatort berichtete, dass Peter G. schon einmal den Notruf gewählt und gefleht habe: „Helft mir, bevor ich meiner Kleinen etwas antue“.

Der Feuerwehrmann wird am Freitag als Zeuge erwartet.