Für viele Ausflügler ist es eine böse Überraschung: Zahlreiche Regionalzüge in Deutschland nehmen an diesem Pfingstwochenende keine Fahrräder mehr mit. Um Platz für die vielen Reisenden zu schaffen, die mit dem Neun-Euro-Ticket unterwegs sind, wurde dort bis einschließlich Montag die Fahrradmitnahme verboten. Müsste dies auch in Berlin und Brandenburg geschehen? Sollten in der Hauptstadt-Region ebenfalls Regionalzüge für Fahrräder tabu sein? Ein Bahnexperte hält eine Sperrung als Notfallmaßnahme für notwendig. Aber zunächst einmal: Was sagen Reisende dazu?

Ein Fahrradverbot in der Bahn hätte eine klare Konsequenz, sagt der Mann, der am Sonnabendvormittag vom Bahnhof Gesundbrunnen zu einer Tour in die Uckermark starten möchte. „Ich würde mit dem Auto fahren“, so viel stünde fest. Und wahrscheinlich würden es andere Berliner auch so halten - mit der Folge, dass am Wochenende die Straßen und Autobahnen noch voller wären.

Kurzfristiges Fahrradverbot würde Urlauber kalt erwischen

Wenn Regionalzüge nun plötzlich für die Radmitnahme gesperrt würden, wäre das ganz schlecht. Dieser Meinung ist die Touristin aus Dresden, die mit einer Freundin im Berliner Hauptbahnhof auf den Regionalexpress RE5 nach Rostock wartet. Die beiden Frauen sind mit ihren Fahrrädern unterwegs nach Rostock, wo sie nach Dänemark übersetzen möchten, um den Radwege Berlin – Kopenhagen zu bereisen.

Das Duo ist auf Kurzurlaub, der lange im Voraus geplant werden musste. „Ich muss meinen Urlaubsplan im August des vorangehenden Jahres einreichen“, erzählt die Dresdenerin. Ein kurzfristiges Verbot der Fahrradmitnahme würde sie kalt erwischen.

Wie sollen sie dann nach Sachsen zurückkommen? „Beim nächsten Mal könnte ich vielleicht für die ganze Reise den Flixbus nehmen“, überlegt die Radtouristin. Die meisten Busse, die für dieses Unternehmen fahren, nehmen bis zu fünf Räder mit. Doch bei dieser Reise wollte sie bereits einen Fernbus nutzen. In Dresden sei sie aber versetzt worden. Der Bus kam am Freitag nicht zum erwarteten Ort, berichtet sie.

Berliner Zeitung/Peter Neumann
Auch das gab es am Pfingstsonnabend: Eine Anzeigetafel im Hauptbahnhof meldet, dass der Zug nach Elsterwerda heute ohne Fahrradwagen verkehrt. Reisende mit Velos müssen kleinere Mehrzweckabteile nutzen.

Fahrradmitnahme: Ja oder Nein? Diese Alternative sehen einige Zugbetreiber offensichtlich nicht mehr, seitdem das Neun-Euro-Ticket einen Ansturm auf den Regionalverkehr ausgelöst hat. Für sie lautet die Antwort ganz klar: Nein!

Die Züge seien deutlich voller als sonst, wird berichtet. Da müsse man Prioritäten setzen. Wichtig sei, dass so viele Reisende wie möglich mitkommen, heißt es. Der Platz, der normalerweise Fahrrädern zur Verfügung steht, müsse nun dafür genutzt werden.

Den Anfang machten die Unternehmen Metronom, Enno und Erixx. Sie betreiben in Niedersachsen mehrere wichtige Regionalzuglinien – unter anderem nach Hannover, Göttingen, Braunschweig und Wolfsburg, aber auch über das Bundesland hinaus nach Bremen und Hamburg. „Die Fahrradmitnahme ist ab sofort bis einschließlich Pfingstmontag, 06.06.2022, auf allen Zügen von metronom/enno/erixx ausgeschlossen“, war ab Freitagabend auf der Internetseite zu lesen.

Strecken nach Sylt und Lübeck-Travemünde sind für Radtouristen tabu

Pfingstsonnabend wurde eine weichere Formulierung genutzt. Zitat: „Durch das hohe Fahrgastaufkommen kommt es derzeit nahezu bei allen Verbindungen zu verspäteten Abfahrten. Bei einigen Verbindungen ist auch keine Fahrgastmitnahme mehr möglich!“

Am selben Tag meldete dann DB Regio Schleswig-Holstein ein Fahrradverbot für nicht weniger als 19 Linien des Regionalverkehrs. Dazu zählen die Strecken nach Sylt (RE6) und Lübeck-Travemünde Strand (RE8). Unter anderem auf Twitter hieß es: „Außergewöhnlich hohes Reisendenaufkommen, eine Mitfahrt kann nicht garantiert werden. Die Mitnahme von Fahrrädern ist nicht möglich.“

Offensichtlich wird operativ nach und nach umgesetzt, was Karl-Peter Naumann, der Ehrenvorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn, schon erwartet hat. Naumann forderte bereits Anfang Mai, auf bestimmten Strecken des Regionalverkehrs im Juni, Juli und August 2022 keine Fahrräder mehr zu befördern. „Das ist die einzige Möglichkeit, noch mehr Chaos zu verhindern“, sagte Naumann der Rheinischen Post.

Der Bahnexperte Christian Böttger, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft, hält es für generell problematisch, Fahrradbeförderung in Zügen zuzulassen. „Die Nachfrage hängt massiv vom Wetter ab und ist für die Zugbetreiber nicht steuerbar“, sagte Böttger der Berliner Zeitung. Zudem sei die Zahlungsbereitschaft der Reisenden mit Fahrrad meist gering. Dabei belege ein Rad mehr als die Hälfte des Platzes, den ein Reisender normalerweise in Anspruch nimmt, gab er zu bedenken.

Vorschlag: keine Fahrradbeförderung für Fahrgäste mit 9-Euro-Ticket mehr

„In Deutschland haben sich die Fahrgäste allerdings daran gewöhnt, und es wäre sehr schwierig, diese Erlaubnis wieder rückgängig zu machen und die Radmitnahme zu verbieten“, schränkte Böttger ein. „Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, Fahrgästen mit Neun-Euro-Ticket eine Fahrradbeförderung zu verwehren. Reisende mit Rad hätten in diesem Fall die regulären Preise zahlen müssen, das hätte den Andrang vielleicht begrenzt.“ Nun werde man sehen, wie sich die Situation entwickelt, so der Experte. „Es könnte sein, dass man an einem bestimmten Punkt nicht mehr darum herumkommt, die Fahrradmitnahme im Sommer zu verbieten. Als Notfallmaßnahme.“

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht Einschränkungen und Verbote nicht als den richtigen Weg. Der Vorschlag, in den Sommermonaten die Fahrradmitnahme im Nahverkehr einzuschränken, sei „völlig widersinnig“. „Für den wirtschaftlich bedeutenden Fahrradtourismus wäre das eine Katastrophe“, sagte ADFC-Bundesgeschäftsführerin Ann-Kathrin Schneider.

Verkehrsverbund VBB: „Ein Verbot stand und steht nicht zur Debatte“

„Sage und schreibe 5,3 Millionen Menschen haben 2021 laut ADFC-Radreiseanalyse die Bahn für die Anreise zu Tagesausflügen auf dem Rad und Radreisen genutzt. Und die Sommermonate sind natürlich die Hauptsaison für den Radtourismus. Es wäre auch klimapolitisch eine Katastrophe, wenn man all diese klimafreundlich Reisenden 2022 zwingen würde, mit dem Auto statt mit der Bahn zum Ostseeküstenradweg, ins Allgäu oder an den Bodensee zu fahren“, so die Fahrrad-Lobbyistin.

Wie (un)geschmeidig der Fahrradtransport abläuft, hängt auch von den Verkehrsunternehmen ab. Eines fällt auf: Vor allem Zugbegleiter, die bei der DB-Konkurrenz arbeiten, bemühen sich darum, die Reisenden zu lenken. Wenn Fahrgäste mit Fahrrad auf freie Stellplätze hingewiesen oder dazu angehalten werden, Gepäcktaschen abzunehmen, lässt sich die Situation oft entspannen. Am Sonnabend waren aber auch DB-Mitarbeiter auf Berliner Bahnhöfen zu sehen, die sich engagierten. Was in manchen Fällen auch heißen kann, dass Fahrgäste mit Velo abgewiesen werden.

Piktogramme auf den elektronischen Anzeigen am Bahnsteig, die auf Wagen mit Radstellplätzen einweisen, könne ebenfalls helfen. Radtouristen können sich dann im richtigen Bereich positionieren, bevor der Zug einfährt. Doch inzwischen werden diese Informationen seltener gegeben. Am Gesundbrunnen gab es sie am Sonnabend nicht.

Normalerweise ist es so, dass die Aufgabenträger des Nahverkehrs entscheiden, ob und in welchem Umfang Fahrgäste Fahrräder mitnehmen dürfen. In der Hauptstadt-Region sind das die Länder Berlin und Brandenburg. „Wir empfehlen, das Fahrrad nicht mitzunehmen“, sagte Joachim Radünz, Sprecher des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), am Pfingstsonnabend. „Aber ein Verbot stand und steht nicht zur Debatte.“