Berlin/Treptow - Man spürt die Festtagsstimmung schon im Bus oder der S-Bahn zum Treptower Park. Auch am Sonntag wird es wieder so sein. Die Frauen werden Kleider tragen, die Männer gebügelte Hemden, ihre Töchter große Schleifen im Haar. In diesem Jahr dazu die Masken natürlich. In den Armen die Blumen, noch eingeschlagen in Papier. Jede Familie oder Gruppe trägt sie für sich durch den Park, ein feierlicher Zug unter den Frühlingsbäumen, den niemand organisiert hat.

Am Sonntag ist der 9. Mai. Es gibt keine offizielle Feier auf dem Gelände des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. Trotzdem treten in jedem Jahr Musikgruppen auf, Sänger, es gibt kleine Aufzüge, Tanzaufführungen. Am Vormittag legen Botschafter ihre Kränze ab, das ist der offizielle, politisierte Teil. Dann kommen auch die „Nachtwölfe“, die nationalistischen russischen Rocker, das ist der unangenehme Teil.

Für den Rest des Tages findet ein großes, wie von allein entstandenes, über die Jahre gewachsenes Fest statt. Begangen wird der Tag des Sieges. Das Ende des Großen Vaterländischen Kriegs, die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Die Urkunde war nach Moskauer Zeit erst am frühen Morgen des 9. Mai 1945 unterschrieben. Noch kurz vor diesem Tag sind in und um Berlin 80.000 sowjetische Soldaten gefallen. Die Befreier der Stadt. Mehr als 7000 von ihnen liegen in den Gräbern des Treptower Ehrenmals.

Am 9. Mai kommen die Menschen von früh bis spät, bleiben eine Weile, rufen Verwandte an per Videotelefonat. Schaut, wo ich stehe. Am Nachmittag ist der Hügel, der zur großen Statue hinaufführt, zum Soldaten, der das Hitlerkreuz zerschlagen hat, ganz bunt. Die Blumen liegen in Reihen übereinander, Nelken, wenn sie in Berlin zu bekommen sind, Rosen, Tulpen, Gerbera.

Der Zeithistoriker und Soziologe Mischa Gabowitsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein-Forum Potsdam, hat das Gedenken zum 9. Mai in mehreren Projekten erforscht. In Berlin und europaweit. Seit 2012 kommt er jedes Jahr zum Ehrenmal am Treptower Park. Der Ort habe sich zu einer Art Wallfahrtsort entwickelt, sagt er. Extra für diesen Tag kommen Menschen aus ganz Deutschland, aber auch aus Moskau. Aus Sibirien mit dem Bus, aus Dagestan mit dem Flugzeug. „Es kommen Leute in Autokorsos, die den Weg eines Regiments der Roten Armee nachgezeichnet haben“, sagt Gabowitsch. Am 9. Mai 2015 hat er mit einem Team die Besucher gezählt: Es waren mehr als 40.000.

Das Fest wächst von Jahr zu Jahr. Nur im vergangenen Jahr war es kleiner, die Pandemie erschwerte das Reisen, ausgerechnet zum 75. Jahrestag des Sieges. Auch in diesem Jahr werden wohl weniger Menschen kommen. Abstandsregeln lassen sich auf dem riesigen Gelände aber gut einhalten.

Was für Menschen kommen? Ganz verschiedene, sagt Gabowitsch. Deutsche, vor allem „mit DDR-Biografie“, die sich dem Gedenktag verbunden fühlen. Oder Leute aus der Antifa-Szene. Es gab, vor Corona, jedes Jahr am 9. Mai ein organisiertes Fest dieser Szene in der Nähe des Ehrenmals.

Und natürlich kommen sehr viele, die Russisch sprechen. Gabowitsch ärgert sich, wenn pauschal von „den Russen“ die Rede ist. Es kommen Menschen aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, Russlanddeutsche, russischsprachige Juden, sagt er. Die Familiengeschichte werde immer wichtiger, der persönliche Bezug. „Es sind Menschen, deren Familiengeschichte mit der sowjetischen Kriegserfahrung verbunden ist“, sagt er über die Besucher. Vor allem bei den Enkeln der Kriegsgeneration, den Kindern der postsowjetischen Welt, wachse das Bedürfnis, zu gedenken, nicht zu vergessen. Kein Land der Welt hat in diesem Krieg größere Opfer gebracht als die Sowjetunion. „Jetzt, wo ich in Deutschland lebe, möchte ich das Gedenken an meine Kinder weitergeben“, solche Sätze hat Mischa Gabowitsch in den Interviews, die er am 9. Mai in Treptow geführt hat, oft gehört.

Besucher bringen Fotos von Verwandten mit, die im Großen Vaterländischen Krieg gekämpft haben. Oder tragen sie gar in einem Gedenkmarsch über das Gelände des Ehrenmals: Das Unsterbliche Regiment. Das ist der Name einer Gedenkaktion, 2012 in Russland entstanden, die es inzwischen weltweit gibt, bis nach Australien. Aus ihr ist auch eine riesige Datenbank im Internet mit biografischen Details der Soldaten hervorgegangen, sagt Gabowitsch.

In Berlin legen manche die Fotos ihrer Verwandten in der Krypta ab, im Raum unterhalb der großen Statue. Oder kleine Gegenstände, die an den Opa erinnern. Die Menschen stehen lange dafür an der Treppe an. Die Krypta wird nur an Feiertagen geöffnet. Der 9. Mai ist der wichtigste.