BerlinEs war der erste Digital-Parteitag in der Geschichte der Berliner Grünen, und er endete mit einem klaren Votum. Bettina Jarasch wird Spitzenkandidatin der Partei für die Abgeordnetenhaus im kommenden September. Bei einer Corona-bedingt virtuell abgehaltenen Landesdelegiertenkonferenz, bei der nur die engere Parteispitze und einige Mitarbeiter im Hotel Estrel anwesend war und die Delegierten daheim an ihren Computern saßen und abstimmten, erhielt Jarasch 142 von 147 abgegebenen Stimmen (bei 5 Enthaltungen). Das sind 96,6 Prozent. Die Wahl galt als sicher, eine Gegenkandidatur gab es nicht. Die Pateispitze hatte sich zuvor auf die 52-Jährige aus Kreuzberg geeinigt und sie Anfang Oktober bereits der Öffentlichkeit präsentiert.

In ihrer Bewerbungsrede schilderte Bettina Jarasch Berlin als „Stadt der Möglichkeiten“ und aber auch als „Stadt der Brüche“. Oberstes Ziel und „Aufgabe dieser Zeit“ sei es, die Klimakatastrophe abzuwenden. Rot-Rot-Grün habe dieser Stadt in den vergangenen vier Jahren gut getan, sagte Jarasch, die parteiintern dem Realo-Flügel zugerechnet wird.

„Wer außer uns soll das vollenden, was wir begonnen haben“, fragte Jarasch rhetorisch. Doch es sei noch viel zu tun. Als Schwerpunkte nannte sie die Verkehrswende, faires Wohnen, sozial-ökologisches Wirtschaften und ein „weltoffenes Berlin“. „Und dafür brauchen wir Verantwortung“, „zu regieren, ist richtig“, sagte sie. Habe sie diese Verantwortung erst einmal, wolle sie „anders regieren“ als Amtsinhaber Michael Müller von der SPD. So wolle sie „die Bezirke mehr einbinden“, gleichzeitig aber auch „mehr Steuerung aus dem Roten Rathaus“.

Während die meisten ihrer Themen rot-rot-grüner Konsens sind, könnte es bei dem, was Bettina Jarasch unter den Merkmalen für ein „weltoffenes Berlin“ versteht, Konflikte geben. So gehöre es für sie zum Beispiel dazu, dass es mehr muslimische Lehrer und Lehrerinnen an den Schulen gebe.

Zum Schluss gab es Turnschuhe von Fraktionschefin Antje Kapek, „für den Powerspurt“, der Jarasch jetzt bevorstehe. Und es gab einen Wunsch von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, verbunden mit einer kleinen Grünen-Geschichtsstunde. Pop erinnerte an Joschka Fischer, der sich einst als erster Grüner mit Turnschuhen an den Füßen zum hessischen Umweltminister vereidigen ließ. Die Schuhe landeten im Deutschen Historischen Museum, war Fischer doch der erste Grüne überhaupt, der zu Ministerehren kam. „Ich wünsche mir, dass auch diese Schuhe ins Museum gehören“, sagte Pop mit Blick auf Jaraschs neue weiße Turnschuhe mit einem „B!“ (für Bettina) als Logo, „weil sich dich ins Rote Rathaus gebracht haben“. Tatsächlich wäre Bettina Jarasch die erste Grüne und die erste Frau im höchsten Amt Berlins.

Die Voraussetzungen dafür, dass die 52-Jährige dort am Ende auch landen wird, sind Stand jetzt, zehn Monate vor dem Wahltermin, gegeben. Seit etlichen Monaten liegen die Grünen bei jeder Meinungsumfrage ganz vorne in Berlin. Doch nun muss Jarasch den Vorsprung auch ins Ziel bringen. Dabei mangelt es nicht an warnenden Stimmen. So sagte die Bundesvorsitzende Annalena Baerbock bei ihrem Gastauftritt: „Ein Wahlkampf aus der Pole-Position ist nicht so einfach, weil man wirklich alle im Blick haben muss.“ Und Senatorin war sich sicher: „Man wird uns angreifen.“

Wie wehrhaft sie tatsächlich ist, muss Bettina Jarasch in den kommenden Wochen und Monaten erst noch beweisen. Und vor allem muss sie sich thematisch breiter aufstellen. Bisher ist die gläubige Katholikin aus Bayern bei den Berliner Grünen zuständig für Religion sowie für Integrations- und Flüchtlingspolitik. Das wird nicht ausreichen, um profilierte Konkurrenz wie Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), den Bundestagsabgeordneten Kai Wegner (CDU) oder Bürgermeister und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) auf Abstand zu halten. Zumal Jarasch weitaus weniger bekannt ist.

Von der Spitze der Partei, deren Vorsitzende sie zwischen 2011 und 2016 auch schon einmal war, wird Jarasch auf jeden Fall Rückendeckung zugesagt. „Wir tragen dich, wir schieben dich, und wir fangen dich auch mal auf, wenn’s holprig wird“, sagte Fraktionschefin Kapek.