Rückschläge zählen zu Meta Kemmerichs Alltag. Gerade hat ihr Pflegekind Milan (Name geändert) von einer Amtsrichterin 30 Sozialstunden verhängt bekommen. Der 16 Jahre alte Junge ist mit Fäusten auf einen Mitarbeiter der Schule losgegangen. Natürlich wird Meta Kemmerich Milan weiter unterstützen. So wie sie alle Pflegekinder in den vergangenen Jahrzehnten unterstützt hat, es sind inzwischen mehr als 30.

Meist kamen sie aus schwierigen Familien, teilten ihr Leben mit Meta Kemmerich. Milan und sein Pflegebruder sind die letzten Kinder, die die 65-Jährige bei sich aufgenommen hat. Sie geht jetzt in Rente. Das jedoch ist jetzt zu einem Problem geworden. Die, die sich ein Leben bemühte, Kindern eine sichere Zukunft und Existenz zu geben, muss nun um ihre eigene Zukunft fürchten.

„Ich bekomme ab nächsten Sommer eine Rente von 980 Euro im Monat. Davon kann ich kaum leben“, sagt sie. Meta Kemmerich ist von ihrem Mann getrennt, wohnt mit zwei Pflegekindern in einer Vierzimmerwohnung in Spandau.

Schon jetzt muss Meta Kemmerich gut kalkulieren. Sie erhält für ihre beiden Pflegekinder eine steuerfreie Aufwandsentschädigung von 1898 Euro und muss davon ihre private Krankenversicherung und Rentenversicherug bezahlen. Der Staat gibt lediglich 40 Euro pro Kind für die private Rentenversicherung dazu und erstattet auch 6,60 Euro zur eigenen Unfallversicherung.

Unter dem Strich bleiben Meta Kemmerich dann noch etwa 600 Euro von ihrem Honorar für weitere laufende Kosten, wenn man die Miete für die Wohnung (1100 Euro) plus 150 Euro Strom abzieht. Deshalb muss sie auch eine günstigere Wohnung suchen, wenn sie ihre letzten beiden Pflegekinder in wenigen Monaten in ein eigenständiges Leben entlässt.

Ihre Rente wäre übrigens noch geringer als 980 Euro, wenn sie nicht noch einen gesetzlichen Anspruch aus vorangegangenen angestellten Jobs hätte. „Privat hätte ich niemals so einen Betrag ansparen können. Dann hätte ich Sozialhilfe beziehen müssen“, sagt sie. Die momentan steigenden Lebenshaltungskosten machen der ausgebildeten Heilpädagogin sehr zu schaffen. „Auf eine drohende Inflation war ich nicht vorbereitet“, sagt sie.

Viel Spielraum, um Rücklagen zu bilden, haben Pflegeltern nicht. Die Pauschale für die Pflege und Erziehung, die sie vom Land Berlin als Aufwandsentschädigung für ihre Leistungen erhalten, liegt bei 300 Euro pro Kind ohne erweitertem Förderbedarf. Mit erweitertem Förderbedarf, wie es bei Meta Kemmerichs beiden Söhnen der Fall ist, sind es 959 Euro steuerfrei pro Kind. Für das Land ist das immer noch ein Vorteil: Ein Heimplatz für Kinder kostet in Berlin nach Angaben der Senatsverwaltung etwa 160 Euro am Tag.

Pauschalen sind seit elf Jahren nicht angepasst worden

„An Meta Kemmerichs Fall erkennt man die drohende Gefahr der Altersarmut der Pflegeeltern. Die Situation ist hochdramatisch“, sagt Renate Schusch, stellvertretende Vorsitzende des Berliner Aktivverbundes e.V. Pflegeeltern für Pflegekinder. Schusch hat mehrmals an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie geschrieben und sie um eine Angleichung der Pauschalen gebeten. Zuletzt vor einem Jahr.

Auch die Pauschalen für den reinen Lebensunterhalt der Kinder, das Geld ist für die Kinder, davon dürfen die Pflegeeltern nichts für sich ausgeben, sind in den vergangenen elf Jahren nicht angepasst worden, obwohl die Preise gestiegen sind. Bislang erhalten Pflegeeltern in Berlin bei Kindern bis zum siebten Lebensjahr 399 Euro, ab dem achten bis 14. Lebensjahr 474 Euro und in der letzten Altersstufe 564 Euro pro Kind. Vom Deutschen Verein zur Fortsetzung der Pauschalbeträge in der Vollzeitpflege wird allerdings für das Jahr 2022 empfohlen, in der Altersgruppe null bis sechs 585 Euro zu zahlen. Das sind 186 Euro mehr, als derzeit in Berlin gezahlt wird. Zum Vergleich: In anderen Bundesländern, wie beispielsweise Baden Württemberg, werden derzeit in der ersten Altersgruppe 496 Euro für den Lebensunterhalt gezahlt.

Auf die Anfrage, ob eine finanzielle Anpassung demnächst geplant ist, sagte der Sprecher der Senatsjugendverwaltung, Martin Klesmann: „Im Jahr 2021 wurde eine Studie zur Untersuchung der Pflegekinderhilfe in Berlin durchgeführt. Die Empfehlungen der Berliner Pflegekinderstudie zielen insgesamt darauf ab, die Attraktivität von Pflegeverhältnissen für interessierte Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen.“ Die Studie empfehle deshalb unter anderem, neue Lösungen und angepasste finanzielle Unterstützungsleistungen zu entwickeln, um so auch die finanziellen Rahmenbedingungen von Pflegeltern zu stärken.

„Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Empfehlungen ist auch vorgesehen, die im Land Berlin geltenden entsprechenden Ausführungsvorschriften zu überprüfen und anzupassen“, so Klesmann weiter. Hier sei insgesamt zu entscheiden, welche finanziellen Rahmenbedingungen für Pflegefamilien (Hilfe zum Lebensunterhalt, Erziehungsgeld, Beihilfen, Beiträge zur Altersvorsorge und Unfallversicherung) in welcher Höhe angepasst werden müssten.

Sie befürchtet, dass bald niemand mehr ihre Arbeit machen will

Meta Kemmerich befürchtet, dass bald niemand mehr ihre Aufgabe übernehmen will, wenn sich die Bedingungen für Pflegeeltern nicht verbessern und dann noch mehr Kinder in Heime müssen. „Auch dort machen viele Erzieher einen tollen Job, aber im Familienverband wachsen Kinder ganz anders auf“, findet sie.

Sie hat ursprünglich einmal Einzelhandelskauffrau gelernt, aber nachdem ihre beiden eigenen Kinder zur Welt gekommen waren, bemerkte sie, dass Beruf und Kindererziehung in ihrem Job nicht mehr vereinbar waren. „Meine Kinder haben immer geweint, wenn sie zur Tagesmutter sollten“, sagt sie. Dann kam sie darauf, sich als Pflegemutter zu bewerben und machte noch nebenher eine heilpädagogische Ausbildung. „Der Vorteil daran war, dass ich dann auch Kinder mit erhöhtem Förderbedarf aufnehmen konnte“, so Kemmerich.

Das ist nun mehr als 30 Jahre her, als plötzlich fremde Kinder ihre Familie vergrößerten. „Das war eine Umstellung für uns alle“, erinnert sie sich. Damals lebte sie noch mit ihrem Mann zusammen, der sie bei der Arbeit unterstützte. Rund um die Uhr, auch am Wochenende und an Feiertagen, mussten sie für ihre Pflegekinder, wie für die eigenen Kinder da sein.

Mehrmals in der Woche fuhr sie mit den Kindern zu verschiedenen Therapien oder brachte sie zum Sport oder zu Freunden. Sie kamen auch mit, wenn sie ihre Urlaube im Wohnwagen in Mecklenburg-Vorpommern  verbrachten. Zu einigen erwachsenen Kindern hat Meta Kemmerich bis heute Kontakt und trifft sich mit ihnen Weihnachten und Ostern und zu Geburtstagen. Eines ihrer Pflegekinder hat sie sogar adoptiert. Es war der Wunsch ihres Pflegesohnes. „Er hat mich als Vorbild gesehen und die Adoption hat ihm ein Gefühl der Sicherheit gegeben“, erklärt sie.

Traumatisierte Kinder brauchen stabile Bindungen

Manche Kinder wurden vom Jugendamt, als sie noch ganz klein waren, in die Familie vermittelt, andere erst, als sie schon älter waren. „Viele hatten in ihren Herkunftsfamilien keine sichere Bindung erlebt und sind vernachlässigt worden oder haben Gewalt erfahren. Einige waren sogar schwer traumatisiert“, erzählt Kemmerich.

Für die Berliner Pflegemutter war es harte Arbeit, Vertrauen zu den Kindern aufzubauen. „Manche konnten die ersten Jahre nicht Mama zu mir sagen. Sie haben schlechte Erfahrung mit ihrer leiblichen Mutter gemacht und hatten wenig Vertrauen“, sagt Meta Kemmerich. Die Begegnung mit den Kindern basiere auf einer tiefen Liebe und vermittele ihnen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und auf diese Weise wachse auch ihre Bindungssicherheit.

Ihr 16-jähriger Pflegesohn Milan kam mit sechs Jahren zu ihr. Gerade hat er vom Gericht eine Sozialstrafe erhalten, weil er seine Gefühle nur schwer regulieren kann und schnell wütend wird, wenn er seine Grenzen verletzt fühlt. Er hat das in seiner Herkunftsfamilie nicht gelernt, erklärt seine Pflegemutter.

Ihr zweiter Pflegesohn, der bereits in der beruflichen Ausbildung ist, kann nicht mit Geld umgehen. Er lebt seit 14 Jahren bei ihr. „Er gibt mit seiner EC-Karte mehr Geld aus, als er auf seinem Konto hat“, sagt sie. Sie hat ihm schon mehrmals anhand ihrer eigenen Ausgaben erklärt, wie man vernünftig kalkuliert. Doch immer wieder wird sie enttäuscht, weil ihr Sohn das nicht versteht. „Vor kurzem kam er wieder nach Hause und hatte kein Geld. Da bin ich auch selbst an meine Grenzen gekommen“, sagt Meta Kemmerich.

Meta Kemmerich erhielt die Berliner Ehrennadel

Die Corona-Krise hat den Pflegeeltern besonders zugesetzt, so Meta Kemmerich. Da habe sie viel Kraft verloren. „Ich war mehr als zwei Jahre nicht im Urlaub und habe kaum Ruhephasen gehabt. Das ist mir in meinem Alter nicht mehr leichtgefallen.“ Für ihr besonderes Engagement hat die Spandauerin vom Senat die Berliner Ehrennadel und vom Bezirk die Spandauer Ehrennadel erhalten. Sie ist erste Vorsitzende im Förderverein der Schule Am Gartenfeld in Spandau und ist stellvertretende Vorsitzende im Aktivverbund Pflegeeltern für Pflegekinder. Außerdem war sie fünf Jahre im Jugendhilfeausschuss Spandau und zehn Jahre im Bezirkselternausschuss für verschiedene Berliner Schulen tätig.

Für die finanziell angespannte Lage der Pflegeeltern will sich auch Berlins Armutsbeauftrager einsetzen. „Meta Kemmerich hat sehr viel geleistet. Pflegemütter sollten in unserer Gesellschaft extrem unterstützt werden. Sie helfen schlechter gestellten Kindern, ins zivile Leben zurückzufinden. Eine 24-Stunden-Betreuung muss anders honoriert werden, als es derzeit passiert“, sagt Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter des Kirchenkreises Neukölln und Diakoniewerk Simeon.

Und trotzdem kann sich Meta Kemmerich keinen schöneren Beruf vorstellen. „Kinder sind es Wert, dass wir all die Kraft und Zeit in sie investieren, damit sie wachsen können.“ Dennoch hat sie Angst vor ihrer Zukunft.