Potsdam - Solches Lob aus Berlin ist selten, noch dazu vier Tage vor einer Bundestagswahl. Bei Innovationen im Straßenbau, sagte am Mittwoch Rainer Bomba, der Verkehrsstaatssekretär des Bundes, sei Brandenburg „ganz weit vorne“. Dabei soll es auch bleiben: Gemeinsam mit Landesverkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) stellte der Christdemokrat Bomba in Potsdam ein Projekt vor, das Lärmschutz an Autobahnen mit der Förderung erneuerbarer Energien verbinden und für andere Regionen in Deutschland wegweisend sein soll.

Beim achtspurigen Ausbau der Autobahn A 10 bei Michendorf könnten nach den Plänen neuartige Lärmschutzwände den Anwohnern mehr Ruhe bringen. Die Höhe der Wände soll statt sechs bis acht Meter, wie ursprünglich vorgesehen, zehn Meter betragen. Die Mehrkosten dafür hoffen Bund und Land dadurch abzudecken, dass eine Solarstrom-Anlage integriert wird. Die Sonne scheine ohnehin auf die Lärmschutzwände, sagte Bomba: „Warum sollten wir nicht diese Sonneneinstrahlung nutzen?“

Private Investoren gesucht

Neu an dem Konzept ist auch, dass private Investoren die Anlage bezahlen und betreiben sollen: Sie übernehmen die Mehrkosten für die höheren und technisch aufgerüsteten Dämmwände und dürfen im Gegenzug die Einnahmen aus der Solarstrom-Nutzung behalten. Ein solcher Vertrag für das Modellprojekt könnte eine Laufzeit von 30 Jahren haben, stellte Bomba in Aussicht. Gemeinsam suchen Bund und Land nun bis zum Jahresende nach Investoren, die sich auf das Wagnis einlassen.

Ein Risiko ist die Sache deshalb zunächst auch aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft „Lärmschutz Jetzt“, einer Michendorfer Bürgerinitiative, die sich frühzeitig in die Planungen eingeschaltet hat. Erst in ein, zwei Jahren werde feststehen, ob sich ein Investor findet und die schönen Pläne umgesetzt werden können, betonte André Halpap, ein Vertreter der Anwohner. „Wir haben den Schampus schon kaltgestellt, aber wir machen die Flasche noch nicht auf.“

Begeistert vom Ausbau der A 10, die südlich von Berlin die am stärksten befahrene Straße Brandenburgs ist, seien die Bürger in Michendorf nach wie vor nicht, sagt Halpap. Sie wüssten aber, dass er unvermeidlich sei, und hätten deshalb von Beginn an konstruktiv mitgeredet. „Wir haben versucht, nicht dagegen zu sein, sondern den Lärmschutz zu optimieren.“ Mit den geplanten hohen Lärmschutzwänden könnte das Halpaps Ansicht nach gelingen.

Vertrauensvorschuss der Bürger

Vogelsänger lobte die Rolle der Arbeitsgemeinschaft (AG). Es sei schon ungewöhnlich, dass es keine Klagen von Anwohnern gegen den achtspurigen Ausbau der Autobahn gebe. „Brandenburg schreibt heute Geschichte“, so der Verkehrsminister. Halpap indes unterstrich, dass der Verzicht auf Klagen einen großen Vertrauensvorschuss der Bürger darstelle, in der Hoffnung auf optimalen Lärmschutz: „Alle vertrauen darauf, dass es dieses Projekt gibt.“

Der AG-Vertreter rief die Politiker zudem auf, über neue Formen der Bürgerbeteiligung bei Infrastrukturmaßnahmen nachzudenken. Die Berge von Aktenordnern, durch die er und seine Mitstreiter sich durchkämpfen mussten, seien von den meisten Menschen jedenfalls nicht zu bewältigen. Die Bürgerinitiative habe sich insofern auch als Vermittlerin zwischen der Verwaltung und den direkt Betroffenen gesehen.