Berlin - Der feuchte Morgennebel hängt tief über dem nassen Asphalt der Landebahn des Tempelhofer Feldes, das andere Ende des weitläufigen Geländes kann man nur erahnen. Ungemütlich ist es, die Sonne schafft es nicht durch die trübe Wolkendecke.

Viel los ist daher heute nicht: Nur wenige Spaziergänger mit Hunden, vereinzelte Jogger in neonfarbenen Funktionsjacken sind an diesem Morgen unterwegs. Sie quälen sich über die Landebahn, hecheln und haben ihren inneren Schweinehund längst besiegt, während die Stadt langsam erwacht.

Laufen, das bedeutet für Felix Reichert Freiheit. Den Kopf frei bekommen. Abschalten. "Vor allem, weil es so simpel ist", sagt er. Seit acht Jahren betreibt er den Sport, seit anderthalb Jahren regelmäßig. "Wenn ich keinen guten Tag hatte, aber noch laufen war, bin ich wieder zufrieden, dann war es doch wieder ein guter Tag", sagt er.

Schweiß perlt ihm von der Stirn, seine Atemluft bildet kleine Nebelwolken. Gerade hat er seine Lauf-Runde auf dem Feld beendet. "Ich trainiere etwa vier Mal die Woche, meist auf dem Tempelhofer Feld", sagt der 31-Jährige. Ein straffes Programm.

Doch das hat einen Grund: In nur wenigen Wochen will er beim Berliner Halbmarathon antreten. Zum zweiten Mal geht er an den Start. "Am liebsten will ich unter zwei Stunden laufen", sagt Felix Reichert. Die Nähe seiner Wohnung am S-Bahnhof Neukölln zum riesigen Flugfeld passt da gut zu seinen Trainingsplänen.

"Es ist die Weite, die mich immer wieder beeindruckt. Das ist hier wie am Meer, da kann man auch so schön in die Ferne gucken", sagt der angehende Psychotherapeut.

Folgt man den dicken pinken Punkten am äußeren Ring des Feldes, joggt man etwa sechs Kilometer im Kreis. Dieser Kreis ist Ansporn und Qual zu gleich: Qual, wenn man zu laufen beginnt und Ansporn, wenn sich die Distanz zum Startpunkt stetig verringert. Manche dieser Punkte haben die Berliner mit Herzen oder Smileys verschönert. Es können sehr viele Punkte sein, die unter den Laufschuhen verschwinden.

500 Meter, 1000 Meter, 1500 Meter - nach jedem halben Kilometer steht die Distanz mit großen Lettern auf den grauen Beton geschrieben. Der Beginn dieser Punktekette ist am nördlichen Eingang des Feldes, am Columbiadamm gegenüber des Infocontainers.

Doch man muss sich natürlich nicht an diese Runde halten. "Ich laufe auch gerne kreuz und quer", sagt Reichert, "das ist ja das Schöne hier, man braucht nicht immer denselben Weg ablaufen."

Jetzt im Winter, wo das Gras noch nicht so hoch steht, können die Läufer auch einfach querfeldein rennen. Es gibt auch schmale Betonstreifen, die mittendurch verlaufen und kleine ausgelaufene Trampelpfade auf der Wiese.

Wenn sich dort zwei Jogger begegnen, muss einer ausweichen, dann blickt man sich schon vorher lange in die Augen, bis einer nachgibt und mit einem Schritt ins Gras wechselt. Manchmal klappt das nicht und beide springen zur Seite. Dann wird gelacht und man grüßt sich bei der nächsten Runde wieder. Das Tempelhofer Feld ist ein kleines Dorf, der riesige weiße Tempelhof Tower mit seiner Kugel wie die Dorfkirche.

So und nicht anders mag es Felix Reichert. Wohnungen, Wasserbecken, Gewerbe? Er braucht das alles nicht auf dem Tempelhofer Feld. "Ich finde, man sollte alles so lassen, wie es jetzt ist. Das Feld ist einzigartig. Einen Teich? Ich habe bisher von niemanden gehört, dass den jemand braucht", sagt er. Allerdings sollte man das Areal soweit instand halten und pflegen, dass es für die Öffentlichkeit nutzbar bleibt, findet der Berliner.

Das Spannende sei doch, dass das Tempelhofer Feld von den Berlinern so kreativ entwickelt werde, dass Sportarten entstehen, die man sonst nirgends in der Stadt machen könne. "Berlin hat genug Platz für Wohnungen. Die müssen nicht auf den Tempelhofer Feld entstehen."

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