Berlin - Im Januar 1942 wurden die letzten Juden aus Potsdam in das Ghetto von Riga, ins KZ Theresienstadt und nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Fast genau achtzig Jahre später beschloss der Brandenburger Landtag vergangene Woche, eine neue Synagoge in Potsdam bauen zu lassen. Nach dem Vorschlag von Kultusministerin Manja Schüle soll nun nicht, wie es üblich ist, die Gemeinde oder ein Gemeindeverband Bauherrin sein, sondern die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Drei Jahre nach Baufertigstellung sollen dann die derzeit fünf Potsdamer jüdischen Gemeinden gemeinsam die Verwaltung des Gebäudes übernehmen.

Es ist höchste Zeit: 1998 regte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe den Neubau an. 2005 sicherten das Land und die Stadt die „Überlassung“ des Grundstücks an der Schloßstraße und fünf Millionen Euro für den Bau zu – als Kredit. Schon damals wurde moniert, dass das Land nicht gleich die Gesamtbausumme übernimmt, als Entschädigung für die 1938 geschändete, nach der Zerstörung 1945 zu DDR-Zeiten durch einen Wohnbau am Platz der Einheit ersetzte Synagoge.

2009 gewann der Berliner Architekt Jost Haberland den internationalen Wettbewerb. Inzwischen stehen auch 13,7 Millionen Euro staatliche Gelder als Zuschuss für den Neubau zur Verfügung. Die Potsdamer Synagoge hätte also Teil der Renaissance der Synagogenarchitektur werden können, die in Dresden, München, Erfurt oder Mainz zu sensationellen Ergebnissen geführt hat.

Stattdessen wird seit Jahren innerhalb der Gemeinden, mit dem Architekten, mit der Stadt, mit dem Staat gestritten, über wirklich jedes Detail und jetzt auch über den Kompromissvorschlag von Manja Schüle. Längst kann nicht mehr geklärt werden, wer wen wann und wie zuerst wodurch beleidigt oder ausgeschlossen hat, wo persönliche Eitelkeiten, unterschiedliche rituelle Traditionen und blanke Geschmacksfragen enden, wo sie anfangen.

Ein Teil des Problems sind dabei die hohen Erwartungen auch der nicht jüdischen Mehrheitsgesellschaft an das Projekt. Aber es muss die Gemeinden nicht kümmern, dass Potsdam die einzige Landeshauptstadt ohne Synagoge ist. Den wachsenden Antisemitismus kann man kaum mit Synagogenbau bekämpfen, wie es im Landtag behauptet wurde, sondern eher mit Bildung und Überzeugung sowie Strafverfolgung. Für die Gemeinden geht es auch nicht um den Bau einer Erinnerungsstätte oder um die Füllung der ästhetisch so peinlichen Baulücke gegenüber dem Landtagsschloss und der putzigen neuen Altstadt. Ihnen geht es ausschließlich darum, dass hier ein möglichst allen Jüdinnen und Juden Potsdams dienender Versammlungs- und Repräsentationsort entsteht. Dass sich angesichts der sozialen Zusammensetzung der jüdischen Gemeinden dafür höchst unterschiedliche Interessen, Traditionen und Kulturen zusammenringen müssen, ist schlichtweg normal.

Manja Schüles fast einzigartige, Einsprüche, Konflikte und Verwirrung geradezu herausfordernde, hoch komplizierte Konstruktion kann solche inneren Konflikte kaum auflösen. Selbst die große gruppentherapeutische Erfahrung der Zentralwohlfahrtsstelle könnte hier überfordert sein. Genau deswegen ist die scheinbar pragmatische Lösung mit dieser als dem eigentlichen Bauherrn letztlich wohl auch kurzsichtig. Sie soll vor allem die einflussreiche Potsdamer Syngagogengemeinde und ihren so streitbaren wie anstrengenden Vorsitzenden Ud Joffe kalt stellen.

Aber ohne seine Beteiligung wird die künftige Akzeptanz des Projekts leiden. Sicher ignoriert er, dass die Ministerin die Gemeinden nicht nur „entmachten“ will, sondern ihre neue Macht sogleich wieder abgegeben hat, an die Zentralwohlfahrtsstelle nämlich. Ebenso ignoriert Joffe, dass der demokratisch verfasste Staat und seine Institutionen durchaus das Recht haben, sich architektonisch einzumischen. Das tun sie durch den Erlass von Baugesetzen, Denkmalpflege- und Umweltschutzregeln oder Geldzuteilungen ständig, auch beim Bau von Kirchen, Moscheen und eben Synagogen. Es ist auch das Recht des Parlaments, ästhetische Vorlieben zu äußern, wenn es um den öffentlichen Raum geht.

Ob allerdings sein eindeutiges Plädoyer für den Entwurf von Haberland mit der dicht gepackten, überhöhten Ineinanderstaffelung von Baukörpern und den modernistischen Parabel-Spitzbogen in der Fassade der Sache dient? Kaum. So wird nämlich ein vergleichsweise einfacher Ausweg verstellt: der eines neuen Wettbewerbs, an dem alle Gemeinden von vorneherein beteiligt sind. Ein Weg wurde übrigens angeblich noch nicht ausprobiert: ein Konklave. Zwei Wochen auf der Pfaueninsel, im Sommer, idyllisch, aber abgeschlossen von außen, bei gutem Essen, aber unter dem Zwang zum Kompromiss. Und wenn das nicht klappt – dann wird eben nicht gebaut. Besser ist das allemal als ein Haus, das nur gebaut wird, weil eben gebaut werden soll.