Berlin - Es war sein erster Auftritt in der Öffentlichkeit. Am Freitag fuhr der neue Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel mit der Straßenbahn auf der neuen Strecke, auf der Sonntag um kurz vor 7 Uhr der Betrieb beginnen soll, zum Hauptbahnhof. Der SPD-Politiker nutzte die Sonderfahrt, um sich zur Tram zu bekennen. „Wir brauchen eine intelligente Kombination aller Verkehrsmittel in Berlin, und da ist die Straßenbahn das Mittel der Wahl. Sie ist zeitgemäß und ökologisch“, sagte Geisel. Nach der Fertigstellung der fast 2,3 Kilometer langen Trasse in der Invalidenstraße soll der Ausbau des Streckennetzes weitergehen – allerdings so gemächlich wie bisher.

Vor dem Hauptbahnhof bekam Geisel einen Eindruck davon, wie schwierig in Berlin selbst kleinere Bauprojekte sein können. BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta zeigte ihm die dortige Haltestelle, deren geschwungene Dächer noch in Bau sind – weshalb alle Straßenbahnen vorerst an einem Provisorium halten. „Die beiden Dächer sind architektonisch sehr anspruchsvoll“, fasste der neue Senator zusammen.
Doch das ist es nicht allein. Dass sie nicht zur Streckeneröffnung fertig geworden sind, liegt dem Vernehmen nach auch an Pannen.

Zu wenig Stahl bestellt

Zwar war klar, dass die 180-Tonnen-Konstruktionen einen speziellen Beton erfordern. Aber erst spät wurde den Planern deutlich, dass sie mehr Stahl einbauen müssen, wenn das Ganze stabil sein soll. Eine weitere Verzögerung entstand, weil das nötige Material zunächst nur für ein Dach bestellt worden war – dabei es gibt noch ein zweites. Inzwischen wurde der Beton gegossen. Da er aber sehr langsam aushärtet, bleibt die Gussform bis Ende Januar.

Trotzdem geht die Strecke jetzt in Betrieb, die Bahnen fahren auf einem eingleisigen Abschnitt über die Baustelle. Die Trasse bleibt aber vorerst ein Torso. Denn zunächst verkehrt dort nur die M 5, die von Hohenschönhausen rund 55 Minuten zur neuen Endstation braucht. Weil andere Fahrtwege meist weniger Zeit kosten, wird es in den Bahnen in der Invalidenstraße nicht sehr voll sein. Das befürchtete auch der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar: In ihrer jetzigen Form sei die Strecke ein „teurer Unsinn“ ohne Verkehrswert, ein Prestigeprojekt des Senats, der dort unbedingt noch 2014 Straßenbahnen fahren lassen wollte.

Erst im August 2015 geht nach einer dreiwöchigen Sperrung der jetzigen Trasse der zweite Abschnitt in Betrieb. Dann führt die Strecke zum Nordbahnhof, dann können auch die M 8 und die M10, die heute dort noch enden, zum Hauptbahnhof durchfahren – was Lichtenberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg neue Direktverbindungen beschert.

Wenn das 27-Millionen-Euro-Bauprojekt beendet ist, wird wieder für lange Zeit Ruhe herrschen beim Straßenbahnausbau. Zwar bekräftigte Geisel, dass die Neubaustrecke verlängert wird: „Die Fortführung zum U-Bahnhof Turmstraße ist geplant. BVG und Senat bereiten das vor.“ Doch ein Baubeginn ist nicht in Sicht – vielleicht 2018 oder 2019. Experten regen an, die Strecke bis Jungfernheide zu führen. Das würde die Fahrgastzahl verdreifachen.

Als Nächstes zum Ostkreuz

Als Nächstes werden die Straßenbahn-Bautrupps nicht in Moabit, sondern in der Sonntagstraße in Friedrichshain anrücken – zum Leidwesen der Anwohner und zur Freude vieler anderer Bürger, die sich auf bessere Verbindungen freuen können. Das Ostkreuz erhält Tramanschluss. Die BVG stellt derzeit die Unterlagen für das Genehmigungsverfahren zusammen. Es könnte 2015 beginnen, normalerweise dauert es zwei bis drei Jahre.
Als nächstes Bauprojekt wird der Lückenschluss zwischen Johannisthal und der Wissenschaftsstadt Adlershof gehandelt. Die Straßenbahn über den Groß-Berliner Damm soll vor allem die dort geplanten Wohngebiete erschließen. Hier stehen die Planungen noch ganz am Anfang.

Das gilt auch für ein kontroverses Vorhaben in Mitte: die Strecke vom Alexander- zum Potsdamer Platz. Sie soll größtenteils auf der Fahrbahn verlaufen, in der Leipziger Straße liegen bereits Gleise. BVG-Planer befürchten, dass die Bahnen im Stau stehen werden. Und der Investor der Mall of Berlin, Harald G. Huth, ist sauer: Er muss es zulassen, dass die Fahrleitung an seinem Einkaufszentrum befestigt wird.
Im Moment lässt der Senat prüfen, ob der Bau der Trasse, die am Sony Center enden soll, wirtschaftlich wäre. Die BVG lässt die Brücke im Verlauf der Gertraudenstraße untersuchen, sie muss die Gleise tragen. Zeit für Forschungen gibt es genug. Staatssekretär Christian Gaebler (SPD): „Bevor wir mit dem Bau beginnen, muss die U-Bahn-Baustelle am Roten Rathaus abgeräumt sein.“ Vor 2020 ist das nicht der Fall.