Eben noch leuchtete das Fenster so richtig eigelb. Wegen der Vorhänge. Gemütlich sah das aus und passte gut zum Schein der Straßenlaternen, zum Novemberlaub, zu Kerzen- und anderem Gelichter aus den Lokalen. Dort ist man noch wach, klingelt mit Gläsern und Worten, während die Barfrauen und Kellner Getränke und Speisen durch den Abend tragen und auch so manchen Gast. Vor allem in den Bars gibt es sie ja, die schon recht früh allein am Tresen sitzen und mit ihren lauten Gedanken schweigend nicht allein sein wollen. Es ist acht Uhr.

Wie anders in den Etagen darüber. Es ist nicht das erste Verlöschen eines Lichts, das ich auf meinem Weg die Straße entlang sehe. Eine sehr normale Innenstadtstraße, unten Läden und Restaurants, oben Wohnungen. Keine Ausgehmeile, aber noch Verkehr. Fußgänger, Autos, Radfahrer, hier und da ein Hund. Vier oder fünf Fenster habe ich bereits dunkel werden sehen oder zumindest dunkler.

Das Flurlicht sagt: Du bist nicht allein 

Im gerade noch gelben bleibt ein schwacher Schein zurück. Eine Nachtlampe, diese Jojo-großen Teile, die man direkt in die Steckdose steckt, um der Schwärze im Kinderzimmer das Totale auszutreiben, kann es nicht sein. Ihr Licht würde es nicht durchs Fenster und bis zur Straße schaffen. Es wird die Flurbeleuchtung sein. Durch die halboffene Zimmertür.

Das Flurlicht ist viel mehr als ein elektrischer Leuchtkörper. Das Flurlicht sagt: Du bist nicht allein. Die anderen sind in der Nähe und noch wach. Irgendwie hört man deren Stimmen und Abendgeräusche aus den entfernteren Räumen auch besser als wenn es dunkel wäre. Das Flurlicht, die Stimmen und das familiäre Geklapper sind Geschütze gegen das Gefühl der Verlassenheit. Wie die gedimmten Lampen, die Kerzen und die Gespräche der anderen in den Kneipen so manchem Erwachsenen.

Der kleine, wichtige Satz: „Ich wünsche Dir eine gute Nacht“

Ich stelle mir vor, wie in Tausenden Zimmern in der Stadt in diesem Moment das Licht ausgeht und der Ruf „Tür auflassen!“ ertönt. Nicht, weil der Wunsch nicht bekannt wäre. Sondern den Ritualen folgend. Ich stelle mir vor, wie viele Geschichten gerade zu Ende gelesen oder mit einem Lesezeichen zwischen den Seiten unterbrochen werden bis zum nächsten Tag.

Wie viele Stofftiere noch mal zurechtgerückt oder etwas fester in die Armbeuge geklemmt werden. Ich stelle mir die aberwitzig vielen Gläser Wasser vor, nach denen verlangt wird. Immer kurz vor dem Schlafen, immer. Wie viele Lieder gesungen werden und Küsse auf Haaren und Wangen und Nasen landen. Wie oft dieser kleine, wichtige Satz gesagt wird: „Ich wünsche Dir eine gute Nacht“.

Mit gefällt der Gedanke, dass zu einer bestimmten Uhrzeit überall in der Stadt, so verschieden ihre Gegenden, ihr Ton, ihre Sprachen und Gewohnheiten sonst sind, das Gleiche oder zumindest Ähnliches geschieht. Hoffe, dass der Wunsch nach Wasser und Flurlicht an möglichst vielen Orten erhört wird. Weiß, dass viele ohne Kuss und Geschichte schlafen müssen. Bin kurz traurig. Da geht das gelbe Licht noch einmal an.