Noch stoppen sie - hier ein Regionalexpress der Deutschen Bahn (DB) im Berliner Ostbahnhof. Doch vom 13. Dezember fahren viele Züge dort durch.
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BerlinZu DDR-Zeiten wurde er mit großem Aufwand zum Hauptbahnhof ausgebaut. Doch in den vergangenen Jahren hat der Ostbahnhof in Friedrichshain an Bedeutung verloren. Zum kommenden Fahrplanwechsel wird das Zugangebot nun erneut gekürzt. Bis Ende 2021 werden zahlreiche Regional- und mehrere Fernverkehrszüge nicht mehr dort halten, teilte die Deutsche Bahn der Berliner Zeitung auf Anfrage mit. Fahrgäste und Anwohner kritisieren, dass viele Verbindungen schlechter werden. „Der letzte Fernbahnhof Ost-Berlins wird abgewickelt“, hieß es im Ostkreuzblog bei Twitter.

Mit dem Zug zum Flug: Anfangs wird das vom Ostbahnhof aus noch relativ zügig gehen. Wenn Ende Oktober der neue Hauptstadt-Airport in Schönefeld  öffnet, sorgt zunächst der Regionalverkehr zweimal stündlich für schnelle Direktverbindungen. Mit der Regionalexpresslinie RE7 wird die Fahrt zum Bahnhof unter dem BER 23 Minuten dauern, die Regionalbahnlinie RB14 bewältigt die Distanz sogar in nur 22 Minuten.

Doch den attraktiven Express-Service vom Ostbahnhof zum neuen Flughafen wird es erst einmal nur anderthalb Monate geben. Nach dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember bleibt Fahrgästen, die nicht umsteigen wollen, auf dieser Verbindung nur noch die S-Bahn, die allerdings  39 Minuten unterwegs ist. „Der RE7 und die RB14 halten dann nicht mehr im Ostbahnhof“, sagte ein Bahnsprecher. Die Züge fahren ohne Halt durch. Außerdem wird auf der Regionalexpresslinie RE1, die Frankfurt (Oder) mit Magdeburg verbindet, die Zahl der Stopps im Ostbahnhof fast halbiert. Nur die Züge von und nach Magdeburg werden noch dort halten. Dagegen stoppen die Züge, die in Brandenburg beginnen und enden, lediglich am Tagesrand dort.

Damit nicht genug: Auch die zweistündlichen Intercity-Züge Berlin-Amsterdam verschwinden ab Mitte Dezember im Ostbahnhof aus dem Programm. „Sie beginnen und enden dann im Berliner Hauptbahnhof“, teilte der Sprecher mit. Zudem entfallen auf der ICE-Linie Berlin-Frankfurt (Main) Flughafen zumindest zeitweilig Stopps im Ostbahnhof. Teilweise werde das Angebot aber auch aufgestockt, hieß es. So verkehre die stündliche ICE-Linie Berlin-Düsseldorf/ Köln ab Mitte Dezember zum Ostbahnhof.

Züge nach Cottbus und Wismar fahren bereits seit 2017 durch

Warum kommt es zu den Änderungen? „Hintergrund sind Sanierungsarbeiten“, so die Bahn. Wie berichtet werden die beiden rund 85 Jahre alten Gleishallen bis 2025 modernisiert – bei laufendem Betrieb. Da aber unter schwebenden Lasten keine Züge fahren dürfen, müssen Gleise gesperrt werden. Das schränkt die Kapazität ein. 

Bereits Ende 2017 war das Zugangebot verkleinert worden – damals aber aus einem anderen Grund. Damit der Regionalexpress RE 2 (Cottbus-Wismar) trotz des neu eingelegten Haltes am Ostkreuz seinen Fahrplan halten konnte, wurde der Stopp im Ostbahnhof gestrichen. Die nun geplanten Änderungen könnten der „Todesstoß für die Gewerbetreibenden im Bahnhof“, sein, schrieb ein Bürger dem Friedrichshainer SPD-Abgeordneten Sven Heinemann. Dabei könne die Station mit ihren zahlreichen Buslinien als idealer Zugangspunkt zum neuen Flughafenexpress dienen.

Die Änderungen seien „schade für den Ostbahnhof“, so Heinemann. „Aber das Ostkreuz ist einfach zu erfolgreich.“ Seitdem dort auch Regional- und sogar einzelne Fernzüge halten, sei der weiter östlich gelegene Kreuzungsbahnhof immer wichtiger geworden. Das hat sich auch auf den Bahnhof Lichtenberg ausgewirkt, der in Berlin, Hauptstadt der DDR, einst die Nummer 1 unter den Bahnstationen war. Lichtenberg und der einst bedeutende Ostbahnhof, der seit 178 Jahren besteht, sind die großen Absteiger unter den Berliner Bahnstationen.

Früher war der heutige Ostbahnhof ein Aufsteiger. Bevor er entstand, war dieser Teil von Berlin ein Idyll. Ausflügler pilgerten hierher, um inmitten von Feldern mit Hyazinthen und Tulpen Kaffee zu trinken. Aber dann erfuhren die Moewes, die Bouchés und die anderen Gärtner vor dem Frankfurter Tor von dem Plan, eine  Bahnlinie zu bauen – mit einem Kopfbahnhof an der Koppenstraße, damals noch innerhalb der Stadtmauer. 

Ihr Argwohn bestand zu Recht, wie sich zeigte, nachdem der Frankfurter Bahnhof am 23. Oktober 1842 eröffnet worden war. Die Anlage, die später auch als Niederschlesisch-Märkischer Bahnhof bezeichnet wurde, wuchs rasch zu einer wichtigen Verkehrsdrehscheibe heran. 1881 bekam sie eine zweite Halle und einen neuen Namen: Schlesischer Bahnhof. Dabei fuhren dort nicht nur Züge nach Breslau ab, sondern auch nach Königsberg, Sankt Petersburg. Ab 1882 ging es auch nach Westen: Seitdem ist dies ein Durchgangsbahnhof.

Erich Honecker, Staats- und Parteichef der DDR, begrüßt im Juni 1984 auf dem Ostbahnhof den Staatschef von Nordkorea, Kim Il Sung.
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Blumengärten und Feldern machten Platz für übervölkerte Mietshäusern. Hunderttausende aus dem Osten kamen hier an: arme Landarbeiter, Frauen, die eine „Stellung“ in einem Haushalt suchten, Handwerker, denen die Industrialisierung die Arbeit genommen hatte. Viele blieben erst einmal in O 17, wie die Gegend bei der Post  hieß. Für viele wurde sie zur Endstation, für andere zum Durchgangszimmer.

Das Viertel hatte einen miesen Ruf, trotzdem taucht es in Lebensläufen einiger Prominenter auf. Der Maler Heinrich Zille verbrachte Jugendjahre in der Kleinen Andreasstraße 17. Alfred Döblin, der spätere Schriftsteller, lebte als Kind in der Blumenstraße. In der Langen Straße 22 war der Schuster Wilhelm Voigt Untermieter. Am 16. Oktober 1906 marschierte er in einer Uniform nach Köpenick, um die Stadtkasse zu beschlagnahmen – als „Hauptmann von Köpenick“.

In der Langen Straße 88, einem inzwischen abgerissenen Haus, lebte ein Serienmörder. Carl Großmann (1863-1922) aus Neuruppin verkaufte Würste vor dem Bahnhof. Im Wartesaal sprach er seine Opfer an. Julius Berstl beschrieb den Raum 1930 im Roman „Schlesischer Bahnhof“: „Es riecht nach Bier, Knoblauch, Käse und unausgelüfteten Menschen.“ Hans Fallada notierte in „Wolf unter Wölfen“ von 1937: „Viele Straßen rund um den Schlesischen Bahnhof sind schlimm“, sie seien eine „öde, dürre Steinwüste“.

Für den DDR-Binnenverkehr eine Sackgasse

In jenen Jahren hielten aber auch Luxuszüge im Bahnhof, etwa der Nord-Express von Warschau nach Paris und Ostende. Königsberg war acht Stunden entfernt, Breslau vier.
Auch nachdem im Zweiten Weltkrieg Friedrichshain und Teile des Schlesischen Bahnhofs in Schutt und Asche gefallen waren, gab es große Züge. Im Juli 1945 rollte ein Zug mit Josef Stalin, auf dem Weg zur Potsdamer Konferenz, durch die Halle. Der „Blaue Express“ nach Moskau, wegen seiner Wagenfarbe so genannt, begann hier seine Fahrt.

Als die DDR die Oder-Neiße-Grenze anerkannte, stand wieder einmal eine Namensänderung an. Schlesien, nun nicht mehr deutsch, musste getilgt werden. „Bahnhof der Freundschaft“ war in der Debatte, doch man entschied sich für Ostbahnhof – das stand vom 1. Dezember 1950 an auf den Schildern.

Drei Jahrzehnte später wurde das Empfangsgebäude gesprengt, zur 750-Jahr-Feier Berlins ließ die DDR den Bahnhof neu errichten. Doch da hatte die Station schon an Bedeutung verloren, weil der Großteil des Zugverkehrs über Lichtenberg und Schöneweide abgewickelt wurde. Auch in Baumschulenweg hielten Fernzüge.

Nur wenige Schritte von der innerstädtischen DDR-Grenze entfernt lag der Hauptbahnhof, wie die Station seit dem 15. Dezember 1987 hieß, für den Binnenverkehr in einer Sackgasse. Deshalb fuhren dort kaum Züge mit Zielen in der DDR ab. Ohnehin okkupierten die Frachttransporte zum benachbarten Postbahnhof und die Transitzüge, die leer zum Startpunkt Friedrichstraße fuhren und im Hautbahnhof ihre Mitropa-Vorräte aufstockten, viel Kapazität. 

Nach der Wende wurde die Bahnstation aus dem Abseits geholt. Sie bekam ein neues helles Empfangsgebäude und einen neuen Namen: Seit dem 24. Mai 1998 heißt sie wieder Ostbahnhof. Die Zahl der täglichen Zugfahrten, die 1987 knapp über 20 lag, stieg auf rund 400. Doch der Verkehr verlagerte sich zu anderen Bahnstationen.

Zu den Nutzerzahlen gibt es unterschiedliche Angaben der DB. War 2016 noch von 72000 Fahrgästen und Besuchern pro Tag die Rede, wird derzeit die Zahl 100000 genannt. Wer den Ostbahnhof seit Längerem kennt, der hat den Eindruck, dass die Zahl der Nutzer eher zurückgegangen ist. In dem Bahnhof unweit der Spree ist es ruhig geworden.