Berlin - Es ist so gemein. Die Piraten, vor knapp einem Monat ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt, können derzeit beschließen, beraten oder auch nur befinden, was sie wollen. Jede Kleinigkeit wird als Sensation gefeiert, als Sieg von Transparenz, Aufmüpfigkeit, Basisdemokratie und alternativer Authentizität. Die politische Konkurrenz kann da nur staunen: Zu den öffentlichen Fraktionssitzungen strömen – noch – die Journalisten. Sie notieren brav jeden Erkenntnisfortschritt der parlamentarischen Neulinge, auch wenn es um solche Banalitäten geht wie eine Fraktionsgeschäftsordnung oder Stellenausschreibungen für Mitarbeiter.

Das Interesse an den 14 Männern und der einen Frau im Berliner Landesparlament ist riesig, die Neugier auf die junge Partei sowieso. Die Mitgliederzahlen schießen nach oben, ebenso die Umfragewerte. Aus dem Stand 8,9 Prozent erreichten sie in Berlin. Das Politbarometer sagt der Partei mit dem digital-radikalen Demokratieverständnis auch sechs Prozent im Bund voraus, den Grünen dagegen nur noch 16 Prozent, zwei Punkte weniger als bisher.

Fundi-Klientel auf ihre Seite gezogen

Für die Grünen wird es allmählich ganz bitter. Die Piraten zogen in der Hauptstadt besonders aus ihrer Fundi-Klientel Tausende Wähler auf ihre Seite. Und jetzt das: Am Freitag meldete die Nachrichtenagentur dapd, dass die Berliner Piratenfraktion den „ihr zustehenden Dienstwagen für den Vorsitzenden offenbar gegen mehrere Fahrräder eintauschen“ dürfe. Dies habe die für den Fuhrpark zuständige Senatsverwaltung für Inneres bestätigt.

Die Nachricht von diesem revolutionären Verzicht auf Privilegien sauste sofort durchs Netz: Pirat Christopher Lauer (@Schmidtlepp) twitterte die Meldung, reagiert wurde etwa mit „Deswegen habe ich Piraten gewählt“ (@volkersfreunde) oder „Da bewegt sich was. Hatten Grüne das mal versucht?“ (@SBirre). Piraten-Sprecher Ben de Biel freut sich schon über 15 Dienstfahrräder „ohne Stinken“, die viel praktischer seien und für das „Prinzip der Gleichheit“ stünden.
Dabei ist erstens noch nichts entschieden, denn vor jeder Antwort auf die Fuhrparkfrage muss sich zunächst die Fraktion konstituieren. Das wird erst am 27. Oktober der Fall sein.

Und zweitens: Diensträder statt Dienstauto sind gar nichts Neues. Die Grünen, wer sonst, hatten seit Bestehen ihrer Fraktion im Abgeordnetenhaus, also seit 1981, noch nie einen Dienstwagen für die Fraktionsvorsitzenden. Stattdessen gibt es aktuell zwei Fahrräder für 29 Abgeordnete. Eines davon soll einen Anti-Autobahn-Aufkleber tragen, heißt es im Parlament.