Berlin - Vorhin habe ich den Thronfolger zum x-ten Mal ersucht, endlich das Schutzblech in Ordnung zu bringen. Der junge Herr ist 19, da wählt man als Vater die konziliante Ansprache. Als das Teil im vergangenen Sommer abriss, war er gerade auf der Flucht vor der Polizei. Seitdem ragt da diese Aluminiumstrebe nach außen. Aus Sorge, er könnte sich aufspießen, bin ich kurz davor, selbst eine meiner linken Hände anzulegen.

Gelassener sehe ich, ansonsten der kreuzbravste Bürger, dass mein Sohn damals von der Staatsmacht gejagt wurde. Er hatte mit Vertretern seiner Alterskohorte nachts im Park gefeiert. Sie stammten, fürchte ich, aus mehr als zwei Haushalten. Aber die Seuche stand nahe Null, auf der Wiese war das Risiko gering. Dann ging in der Nähe ein Blaulicht an: Vorschrift ist Vorschrift ist Freiluftrazzia. Das Partyvolk stob auseinander. Beim Versuch, sich der Personenfeststellungsmaßnahme zu entziehen, blieb der Junge mit dem Fahrrad im Unterholz hängen. Wenigstens kriegten des Innensenators Häscher ihn nicht beim Schlafittchen. Allerdings sei nicht unterschlagen, dass er bei einer anderen Infektionsschutzverordnungswidrigkeit gechillteren Beamten begegnete: „Keine Panik, wir waren ja auch mal jung. Aber seid vorsichtig, und macht nicht so laut.“

Letzteres finden manche gewiss zu nachsichtig. Zum Teil kann ich diese Sicht nachvollziehen. Doch ach, stärkere Strenge ist da auch mir nicht gegeben. Tierschützer kämpfen gegen die Kastenstandhaltung von Muttersauen, und ich habe eben ein Faible für die artgerechte Aufzucht junger Leute. Meiner Meinung nach lassen die sich vielleicht für ein paar Wochen daran hindern, sich ihrem Alter und der Natur entsprechend zu verhalten. Aber für mehr als ein Jahr? Hört mir auf. Pure Vernunft wird hier niemals siegen. Soll die Regierung verordnen, was sie will. Auf Dauer kommt nichts an gegen den herrlich hormongesteuerten Habitus Heranwachsender. Jeder Plan zu seiner Einhegung ist noch ambitionierter als der Versuch, die Erdatmosphärentemperatur gradgenau zu regulieren.

Wenn das Potpourri aus Wellenbrecher-, Brücken-, Light- und Notbrems-Lockdowns einen gesundheitswahrenden Effekt hat, dann ist er für Kinder und Jugendliche am geringsten. Laut dem Register der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie sind in Deutschland zwischen März 2020 und April 2021 von etwa 14 Millionen Unter-20-Jährigen vier ausschließlich am Virus verstorben. Unter 0,00003 Prozent. Kinderärzte sagen, gesunde junge Menschen seien wegen Corona keineswegs mehr gefährdet als durch Badeunfälle oder rechtsabbiegende Kipplaster. Ethikrat-Chefin Alena Buyx behauptet dagegen: „Das stärkste Argument, Zwölf- bis 15-Jährige zu impfen, ist einfach, dass sie auch selbst natürlich einen Schutz haben möchten.“ Hm. Die meisten ersehnen wohl etwas anderes, nämlich schnellstmöglich ihre Jugend zurück.

Nachher trifft mein Sohn nach längerer Zeit mal wieder seine Bezugsgruppe. Unter einer Spreebrücke, von Streifenwagen aus kaum einsehbar. Ich werde einen Teufel tun und ihn davon abzuhalten versuchen. Erstens, siehe oben, würde es, abgesehen der häuslichen Stimmung, nichts ändern. Zweitens lässt er sich testen. Drittens studiert er tagsüber diszipliniert, und das schon seit vielen Monaten allein in seinem Zimmer. Ich beabsichtige nicht, einen Psychopathen zu produzieren.