Berlin - Zu viele Schulabbrecher, zu geringe Lernerfolge und immer noch zu viele Problemschulen, an denen wie jüngst in Gesundbrunnen Lehrer und Schüler sogar körperlich aneinandergeraten. Nach den ernüchternden Ergebnissen der Berlin-Studie über die Wirkung der Schulreform 2010 debattierte das Abgeordnetenhaus am Donnerstag über die Frage, wie tief (und ob überhaupt) Berlin tatsächlich in einer Bildungsmisere steckt – und wie die Lage verbessert werden kann.

Opposition und Regierungsfraktionen waren dabei völlig gespalten. Es kam zu einer bildungspolitischen Blockbildung. CDU, FDP und AfD warnten vor weiteren Schulexperimenten, hielten den Leistungsgedanken hoch und tendierten dazu, Schüler je nach Lernniveau wieder stärker voneinander trennen zu wollen. Sie sind weiter dem gegliederten Schulsystem verhaftet. „Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche bedeutet nicht Ergebnisgleichheit“, sagte etwa Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. „Gleichmacherei allein nützt nichts.“ Das Elternhaus des Kindes spiele nun mal eine Rolle.

CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele fragte rhetorisch: „Was gibt es Unsozialeres als einen Schulabschluss, der keine Ausbildungs- oder Studierfähigkeit mit sich bringt?“ Damit bezog sie sich insbesondere auf wiederkehrende Kritik aus der Berliner Wirtschaft an kaum ausbildungsreifen Schulabgängern. Eindrücklich warnte Bentele davor, jetzt auch noch an Gymnasien die Schüler nach unterschiedlichen Lernniveaus zu unterrichten. Das hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) jüngst angeregt. Die CDU-Frau kritisierte Scheers auch dafür, dass die Senatorin einmalig in Deutschland die Vergleichsarbeiten für Drittklässler nun erst in der 4. Klasse schreiben lassen will und offenbar einen ähnlichen Aufschub für die zentralen Vergleichstests für Achtklässler plant „Das sind die Extra-Prüfungen von Frau Scheeres.“

Quereinsteiger ballen sich

Der AfD-Politiker Stefan Kerker forderte ebenfalls mehr Leistungsbereitschaft an Schulen und machte nebenbei eine zotige Bemerkung über Transgender-Menschen, die ihm eine Ermahnung einbrachte.

Die rot-rot-grünen Koalitionäre taten die Beiträge der Opposition ein wenig selbstgerecht als antiquiert, gestrig und perspektivlos ab. „Ich bin froh, dass wir nicht mehr zusammen in einer Koalition sind“, rief Bildungssenatorin Scheres der CDU-Frau Bentele zu. „Tun Sie nicht so, als würden unseren Kindern die Noten hinterhergeworfen!“

Besonders klar benannte die SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasic die wahren Probleme des Berliner Schulsystems. Es müsse natürlich darum gehen, mehr Schulplätze durch Neubau und Sanierung bereitzustellen. Zudem allerdings sei es Aufgabe der Berliner Bildungspolitik, genug Fachkräfte sichern und mehr Qualität entwickeln. In der Tat setzt Berlin in Kitas und Schulen zunehmend auf Quereinsteiger, zuletzt waren mehr als 30 Prozent der neu eingestellten Lehrer keine voll ausgebildeten Pädagogen. Eine Bestenauslese findet für viele Fachlehrer-Stellen und auch an Grundschulen nicht mehr statt.

Lasic sagte denn auch, sie wolle die Ergebnisse der Berlin-Studie nicht schön reden. Es gebe auch bald sieben Jahre nach der jüngsten Schulreform immer noch zu viele Risikoschüler, die oft besonders problematische Schulen besuchen. Dabei habe man wegen dieses Phänomens damals die Hauptschulen aufgelöst. „Es kann nicht sein, dass sich an diesen Risikoschulen auch noch die Quereinsteiger ballen“, sagte Lasic, die ihren Wahlkreis in Gesundbrunnen hat und selbst als Lehrerin gearbeitet hat. Obwohl es für Sekundarschulen in schwieriger Lage zusätzliche Fachcoaches und ein Bonusprogramm gebe, müsse man noch mehr für diese Schüler tun. Auf jeden Fall seien weitere gymnasiale Oberstufen an Sekundarschulen einzurichten.

Für Bildungspolitikerin Regina Kittler (Linke) ist die Antwort auf Berlins Schulprobleme ganz klar die Gemeinschaftsschule, an denen Schüler bestenfalls unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und Leistungsbereitschaft von der ersten Klasse an gemeinsam lernen. Dieses seit Jahren gepflegte Lieblingsprojekt der Linke verbessere den Lernerfolg und verringere die Abbrecherquote. Freilich zeigt ein Blick in bereits bestehende Gemeinschaftsschulen, dass auch dort mitunter bestimmte Schülermilieus vorherrschen. Auch hier spielt der Elternwille nämlich eine Rolle.

Zugewandte Pädagogik

Marianne Burkert-Eulitz, neue bildungspolitische Sprecherin der Grünen, brachte schließlich noch einen Aspekt in die Debatte ein: die Pädagogik. Lehrer müssten methodisch flexibel versuchen, ihre Schüler zu erreichen. „Wenn es auf die eine Weise nicht klappt, muss es auf eine andere Art und Weise versucht werden – bis es klappt.“ Womöglich ist das ein Punkt, der Berlin wirklich voranbringen kann. Denn allein die Schulstrukturen zu ändern, reicht nicht aus. Eine zugewandte Pädagogik, aber bestenfalls auch unterstützende Eltern sind für den Bildungserfolg sicherlich noch wichtiger.

Nun hat Berlin ein neues Lehrerbildungsgesetz verabschiedet, das die Sprachförderung betont. Angehende Grundschullehrer, die künftig so viel Geld erhalten wie Studienräte, müssen zwingend Deutsch und Mathe studieren. In den nächsten sieben Jahren wird Berlin 16.000 neue Lehrkräfte einstellen. Entscheidend wird sein, wie qualifiziert und motiviert diese neuen Lehrer sind, um ihrer schwierigen Aufgabe gerecht zu werden.