Als das Bieterverfahren endlich eröffnet war, meldete sich schnell ein Anwalt von Arafat Abou-Chaker zu Wort. Mit einer Erklärung zum Zustand der Immobilie, die klang, als wolle er vom Kauf eher, nun ja: eher abraten. Etwas später erhob sich ein Kollege, ebenfalls tätig für die Abou-Chakers, und trat mit einem Gebot im Namen eines Familienangehörigen nach vorn.

So kam es, dass Ahmed Abou-Chaker am Mittwoch im Amtsgericht Potsdam den Zuschlag für ein Anwesen erhielt, das seinem Vater bislang zur Hälfte gehört. Fast 17.000 Quadratmeter in Kleinmachnow, bebaut mit Villen und, wie man erfuhr, sogar untertunnelt. Aber auch Waldstücke sind mit im Paket. Verkehrswert: 14,8 Millionen. Versteigert für: 7,4 Millionen.

Ahmed Abou-Chaker, den man im Gericht kaum sah, offenbar saß er zwischen den Anwälten der Familie, ist erst im Mai 21 Jahre alt geworden. Er kam in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen zur Welt, mehr erfuhr man im Gericht über den erfolgreichen Bieter nicht.

Wie kann ein so junger Mann die Summe von 7,4 Millionen Euro aufbringen? Diese Frage stellte man sich sofort. Und auch, wer sich diese Frage wohl noch alles stellen wird. Interessieren sich Behörden für einen Fall wie diesen?

Notar müsste „Informationen zur Mittelherkunft“ einholen

Im Oktober 2019 erschien die „Erste Nationale Analyse Geldwäsche“, eine 137 Seiten dicke Broschüre des Bundesfinanzministeriums. Aus ihr geht hervor, dass „bei Zwangsversteigerungen ein besonders hohes Geldwäscherisiko“ bestehe, sagt Martin Thelen, Sprecher der Bundesnotarkammer, der Berliner Zeitung.

Thelen kann erklären, wie seine Kollegen und er vorgehen müssten, wenn der Kauf auf anderem Weg zustande gekommen wäre. „In einem Fall, in dem ein 21-Jähriger eine Immobilie für mehr als sieben Millionen Euro kauft, müsste der Notar verstärkte Sorgfaltspflichten anwenden und Informationen zur Mittelherkunft einholen“, sagt er.

Sollten dabei Zweifel daran bestehen, dass die Mittel legal erlangt wurden, müsste der Notar eine Verdachtsmeldung abgeben. Gleiches würde gelten, wenn Anhaltspunkte vorlägen, es könne sich um ein Strohmanngeschäft handeln.

Für Zwangsversteigerungen seien jedoch ausschließlich die Amtsgerichte zuständig. „Sie unterliegen im Vergleich zu Notaren nur eingeschränkten geldwäscherechtlichen Pflichten“, erklärt Thelen. „Die unterschiedliche Behandlung zwischen Notaren bei Immobilienkäufen und Amtsgerichten bei Zwangsversteigerungen halten wir für problematisch.“

Es bestünde aber natürlich die Möglichkeit, dass die staatlichen Stellen, insbesondere die Staatsanwaltschaft, in solchen Fällen von sich aus ermitteln.

Bewaffnete Polizisten, viele männliche Zuschauer

Dass es in diesem Fall überhaupt zu einer Zwangsversteigerung kam, soll auf Anis Ferchichi zurückgehen, bekannt als Rapper Bushido. Ferchichi gehört bisher die andere Hälfte des Anwesens in Kleinmachnow. Doch der Rapper und sein ehemaliger Freund und Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker sind inzwischen tief zerstritten.

Sie saßen im Saal 215, dem größten im Amtsgericht Potsdam, auf gegenüberliegenden Bänken. In sechs Zuschauerreihen war etwa jeder zweite Platz belegt. Viele Männer in Trainingshosen und Turnschuhen waren gekommen, man schien einander zu kennen. Kaum Frauen. Zwei bewaffnete Polizisten behielten die Anwesenden im Blick, vor dem Gerichtsgebäude und im Treppenhaus wachten Kollegen.

Vorne hatte die Rechtspflegerin Silke Tischbein Platz genommen und „Verstärkung mitgebracht“, wie sie sagte, ein Kollege saß neben ihr.

Tischbein zählte die 15 Flurstücke auf, um die es ging, insgesamt 16.674 Quadratmeter, nannte den Verkehrswert, 14.803.000 Euro. Außerdem die „Grundschulden“, 1,2 Millionen Euro, zu zahlen an die Berliner Volksbank, die vorläufigen Gerichtskosten, 132.600 Euro. Sie erklärte, wie viel geboten werden müsse, um gleich zum Zuge zu kommen: Eine Fünf-Zehntel-Grenze sei für den ersten Versteigerungstermin festgelegt. Die besagt, dass ein Gebot für eine Immobilie mindestens die Hälfte des Verkehrswerts erreichen muss. Machte in diesem Fall: 7.401.500 Euro.

Ach ja, eine Sicherheit von 1,38 Millionen Euro müsse sofort hinterlegt werden.

imago/Mauersberger
Baustelle auf dem Anwesen in Kleinmachnow im Jahr 2014

Ein mysteriöser „unterirdischer Bau“ auf dem Gelände

Ab 10.29 Uhr durfte geboten werden, nun aber sprach John Sayed, ein Anwalt der Familie Abou-Chaker. Auf dem Grundstück gebe es einen Rechtsstreit um einen „unterirdischen Bau“, erklärte er, der zurückgebaut werden müsse. Man muss an den „geheimen Wellnesskeller“ denken, den es laut einem Bericht des Stern auf dem Anwesen geben soll. Oder zumindest einen Rohbau davon?

Man habe einen Kostenvoranschlag für den Rückbau eingeholt, erklärte der Anwalt weiter, der bei zwei Millionen Euro liege. Am mittleren Haus bestehe ein Wasserschaden. Das Grundstück sei zudem „übermäßig gepflastert“, auch da könne ein Rückbau auf einen neuen Eigentümer zukommen. Zudem gebe es „kein Sonderkündigungsrecht“ für denjenigen, der die Immobilie kaufe. Er trete vielmehr „in Verträge ein“.

Das alles würde man also mit ersteigern. Streitigkeiten, Zusatzkosten. Und die Nutzer der Immobilie. Die Familie von Arafat Abou-Chaker soll selbst dort leben.

Im Saal regte sich keine Bieterhand. Gespannte Stille. Bis Arafat Abou-Chaker laut wurde, Journalisten anfuhr, die ihre Handys benutzten. Auch ein Zuschauer fing an, sich über Journalisten aufzuregen, die flüsterten. Der Zuschauer wurde von einem anderen Zuschauer, der aus der ersten Reihe herbeieilte, beruhigt.

„Sie bieten wie viel?“, fragt die Rechtspflegerin nach

Zehn Minuten vor Ablauf der angesetzten halben Stunde trat ein anderer Anwalt der Familie Abou-Chaker an den Tisch der Rechtspflegerin. „Sie bieten wie viel?“, hörte man sie bis hinten, bei den Plätzen der Presse, fragen. Nach einigem Hin und Her, der Anwalt schien noch einmal etwas ändern zu wollen, verkündete sie: Es gebe ein erstes Gebot.

Es blieb das einzige, um 11 Uhr erteilte die Rechtspflegerin den Zuschlag.

Ahmed Abou-Chaker ist offenbar der älteste Sohn von Arafat Abou-Chaker. Vor dem Landgericht Berlin hatte dieser im August 2020 angegeben, er sei geschieden, Vater von fünf Kindern. Sein erlernter Beruf sei Kfz-Mechaniker, jetzt sei er Unternehmer.

Eine Reporterin der Märkischen Allgemeinen fragte ihn am Mittwoch nach der Versteigerung, ob er froh sei, in Kleinmachnow wohnen bleiben zu können. „Na, mal sehen, ob er mich nicht rauswirft“, antwortete Arafat Abou-Chaker dem Bericht zufolge. Mit einem Lachen.

Ahmed Abou-Chaker, über dessen Beruf nichts bekannt ist, muss das Geld für den Kauf der Immobilie in 14 Tagen aufbringen. Bis dahin gibt es eine Widerspruchsfrist.

Ob sich die Brandenburger Behörden dafür interessieren, wie der mögliche künftige Grundstücksbesitzer in seinem jungen Alter einen so großen Kauf stemmen kann, war am Donnerstag nicht zu erfahren. Anfragen der Berliner Zeitung dazu wurden bisher nicht beantwortet.

imago/Uwe Koch
Eine Villa auf dem zwangsversteigerten Anwesen in Kleinmachnow

Bushidos Familie packt Kisten – für die Auswanderung?

Wenn der Kauf tatsächlich zustande kommt, erhalten die bisherigen Eigentümer des Grundstücks jeweils die Hälfte der Summe. Bushido bekäme also knapp 3,7 Millionen.

Geld, dass er vielleicht gut gebrauchen kann, um im Ausland ein neues Leben zu beginnen. Um diesen Traum – vor allem seiner Frau Anna-Maria Ferchichi – war es in der Amazon-Dokumentation über das Paar oft gegangen.

Die Familie des Rappers zog nie nach Kleinmachnow, sondern lebt unter Polizeischutz in Berlin. Nun wollen die Ferchichis offenbar nach Dubai ziehen, mit den sieben gemeinsamen Kindern. Das berichtete unter anderem die Bild-Zeitung. Auf Instagram hatte Anna-Maria Ferchichi zuletzt immer wieder Bilder von Umzugskartons gepostet – und mitgeteilt, sie sei dabei, auszumisten.