Berlin richtet in diesem Jahr die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit aus. Zu diesem Anlass präsentiert visitBerlin, die Tourismus-Marketingagentur der Stadt, dem Publikum eine neue App, die an historisch interessante Orte führt. Ihr Motto: Berlin – Stadt der Freiheit. Sönke Schneidewind, Kulturbeauftragter bei visitBerlin, und Hanno Hochmuth, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, gehören zu den Schöpfern der App. Sie erläutern Konzept und Entstehung.

Welche Idee liegt dem neuen Angebot zugrunde?

Sönke Schneidewind: Es geht um die Frage: Was macht Berlin aus – für die Gäste, für die Bewohner? Da sind wir ganz schnell bei Kultur, Geschichte und dem zentralen Ereignis, das uns heute noch bestimmt und das über die Eltern, Großeltern, sogar Urgroßeltern vermittelt auch von den Nachgeborenen als bedeutend erfahren wird. So kommen wir auf Daten wie den 9. November – zunächst den Tag des Mauerfalls 1989. Gerade dieses Datum verbindet sich auch mit anderen historischen Ereignissen. Schließlich kommen wir auf die Freiheit. Und wir wissen, dass sich Besucher wie Bewohner Berlins für Stadtgeschichte interessieren. Das war für uns der Ausgangspunkt.

Wie würden Sie den Markenkern der Stadt beschreiben?

Hanno Hochmuth: Berlin ist eine Stadt der Freiheit – in einem erweiterten Sinne, also Freiheit nicht nur als gegebene oder errungene Freiheit, sondern als das – oftmals vergebliche – Streben nach Freiheit oder die Zerstörung von Freiheit. Darin liegt ein Kennzeichen von Berlin, gerade wenn wir auf das 20. Jahrhundert schauen.

Welche Botschaft wollen Sie vermitteln?

Hochmuth: Erstens, dass Berlin eine hochkomplexe Stadt ist, die im 20. Jahrhundert vom Ringen um Freiheit geprägt gewesen ist. Zweitens, dass Berlin eine Stadt mit ungeheuer vielen Zeitschichten ist, die zu erkunden sich lohnt. Man kann diese Schichten nacheinander aufblättern und an bekannte oder unbekannte historische Orte führen, die interessante Geschichten erzählen und Aha-Effekte erzeugen.

Wie sind Sie an die Auswahl der Orte und Ereignisse herangegangen? Nach welchen Kriterien sind Sie verfahren?

Schneidewind: Zunächst haben wir auf der Zeitleiste nach interessanten Ereignissen geschaut, die mit Emanzipation und Freiheit zu tun haben, denn der Besucher der Stadt braucht einen Ansatzpunkt. Das kann ein politisches oder historisches Ereignis sein, aber es muss auch einen Ort dazu geben. Und weil man 800 Jahre Geschichte nur schwierig erzählen kann, konzentrieren wir uns zum Start zunächst auf das 20. Jahrhundert.

Hochmuth: Wir lassen uns im Wesentlichen von fünf Kriterien leiten. An erster Stelle steht das Streben nach Freiheit und Emanzipation. Zweitens fließen neben den Großereignissen der Geschichte auch kleine Geschichten ein. Alle Einträge drehen sich um eine Geschichte in der Geschichte. Drittens bemühen wir uns um eine Mischung aus Zentralität und Dezentralität – wir führen also auch hinaus in die Hufeisensiedlung nach Britz. Viertens haben wir auf Diversität geachtet. Dazu gehört neben der Migrations- und Kolonialgeschichte auch das Streben nach sexueller Freiheit.

Deshalb ist zum Beispiel das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld dabei oder der Nationalhof als wichtiger Ort für das lesbische Berlin. Schließlich ging es uns um Originalität: Wir haben versucht, Orte zu identifizieren, die nicht jedem ein Begriff sind und somit nicht nur für Touristen, sondern auch für Berliner selbst interessant sind. So wissen im durchgentrifizierten Prenzlauer Berg vermutlich nicht viele, dass mit dem städtischen Obdachlosenasyl „Palme“ einst ein Zentrum des Elends mitten im Quartier lag. Genau hierhin führt unsere App.

Haben Sie Lieblingsorte in der App?

Hochmuth: Das Tempelhofer Feld. Es bietet so viel Erzählstoff aus verschiedenen Zeitschichten, dass es in der App mit fünf Geschichten vorkommt.

Schneidewind: Die Berliner Salons, die Salongeschichte als Teil der Emanzipation – aber da blicke ich in die Zukunft, wenn dies Teil der App wird.

Schauen wir beispielhaft auf das Schloss, das Schlossportal IV und Liebknechts Rede. Diese war, im Gegensatz zur Republikproklamation des Sozialdemokraten Scheidemann am selben Tag von einem Reichstagsfenster aus, gar nicht wirkungsmächtig. Letzterer setzte sich durch. Aber Liebknecht erhält den Platz in der App …

Hochmuth: Wir blicken da zurück auf eine Welt im Umbruch, die Menschen waren zutiefst verunsichert. Heute wissen wir, dass sich Scheidemanns bürgerliche Republik durchgesetzt hat, nicht Liebknechts sozialistische. Das war den Zeitgenossen aber noch nicht klar, sie erlebten eine offene Situation. Deswegen ist auch die Liebknecht’sche Ausrufung relevant. Zudem ist das Schloss wegen seiner vielfältigen Zeitschichten so spannend. Kaiser – Liebknecht – Abriss in der DDR – Staatsratsgebäude – Wiederaufbau. Das Schloss bietet faszinierende historische Wendungen und wird – da muss man kein Prophet sein – schon bald viele Besucher anlocken. Im Falle des Reichstages erzählen wir andere, eher unbekannte Geschichten wie die des Massakers am 13. Januar 1920, bei dem Polizisten auf einer Kundgebung gegen das Betriebsratsgesetz plötzlich die Sicherungen durchbrannten und es am Ende über 40 tote Demonstranten gab.

Schneidewind: Am Reichstag nehmen wir auch den Streit zwischen Kaiser Wilhelm und dem Architekten Paul Wallot auf und vermitteln nebenbei Wissen über Herrschaftsarchitektur.

Problembeladen ist der Bebelplatz, Ort der Bücherverbrennung. Inwiefern steht er für Freiheit?

Schneidewind: Wenn man sich mit der Freiheit beschäftigt, muss man zugleich von der Unfreiheit reden. Insofern ist der Bebelplatz ein Exempel für die Abwesenheit der Freiheit.

HOCHMUTH: … in diesem Fall für die Abwesenheit der Freiheit des Wortes.

Schneidewind: Es geht immer um das Wechselspiel von Freiheit und deren Beschränkung. Freiheit muss eben immer wieder erkämpft werden. Heute leben wir in extremer Freiheit, und zugleich erleben wir eine intensive Debatte um Demokratie, die in der Bundesrepublik massiv infrage gestellt wird. Wir stellen das Ringen um Freiheit dar.

HOCHMUTH: Wir müssen der schwierigen Berliner Geschichte gerecht werden. Was wäre das für eine App, wenn wir uns nicht mit den Schattenorten beschäftigt hätten und wir dem Nationalsozialismus mit seiner Geschichte zerstörter Freiheit ausgewichen wären!