Abriss und Neubau der Elsenbrücke und Mühlendammbrücke: Berliner Brückenchaos

Berlin - Berlins Autofahrer müssen sich auf schwere Zeiten gefasst machen. Experten erwarten, dass der bevorstehende Abriss und Neubau der Elsenbrücke und der nicht minder stark befahrenen Mühlendammbrücke erst der Auftakt für die Erneuerung vieler weiterer Brücken in Berlin ist.

Die Brücken in Berlin würden zwar regelmäßig kontrolliert und gewartet, sagte der Präsident der Baukammer, Ralf Ruhnau, am Mittwoch der Berliner Zeitung. „Aber die Brückenbauwerke Berlins sind zum großen Teil Nachkriegsbrücken, die ihr Lebensalter erreicht haben.“ Das stark gestiegene Verkehrsaufkommen habe den natürlichen Alterungsprozess der Bauwerke sogar „eher beschleunigt“. Weitere Abrisse seien deshalb nicht auszuschließen.

Kein Unglück wie in Genua

Das Problem: „Zurzeit gibt es in Berlin nicht genügend Bauingenieure“, sagt der Baukammer-Präsident. Gut ausgebildete Fachleute würden fehlen. Der langjährige Stellenabbau der öffentlichen Hand hatte zur Folge, „dass der Ingenieursachverstand dort erodiert“ sei. Auch auf dem privaten Markt gebe es zu wenig Ingenieure. Grund für den Mangel sei, „dass nicht rechtzeitig seitens der Universitäten und Hochschulen der Bauingenieurnachwuchs herangezogen wurde“, kritisiert Ruhnau. „Falls die Baukonjunktur weiterhin so expandiert, wird sich der Ingenieurmangel verstetigen.“ Dieser Mangel sei nicht von heute auf morgen zu beheben. Hier sei auch ein gesellschaftlicher Wandel notwendig: Der Stellenwert der Ingenieure und damit ihr Ansehen müssten in Deutschland stärker betont werden – „insbesondere auch, um mehr junge Menschen für den Berufsstand zu interessieren“.

Nach Ansicht der Fachgemeinschaft Bau, die rund 900 Betriebe aus der Bauwirtschaft vertritt, gibt es zwar noch „ausreichend Ingenieure und personelle Kapazitäten, um die anstehenden Aufgaben zu lösen“. Doch gesteht Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner ein, dass es noch „Luft nach oben“ gebe. „Aufgrund der konjunkturellen Lage ab Mitte der 90er-Jahre war die Baubranche für junge Menschen nicht mehr attraktiv. Viele Mitarbeiter der Branche gehen nun innerhalb der nächsten zehn Jahre in den Ruhestand“, warnt sie. Nötig sei eine berufsorientierte Schulpolitik, die darauf ausgerichtet sei, Jugendliche in eine betriebliche Ausbildung zu führen.

Dass in Berlin wie im italienischen Genua eine Straßenbrücke kollabiert, erwartet Schreiner nicht. „Die Wahrscheinlichkeit für ein ähnliches Unglück ist in Deutschland gering. Sollten Schäden festgestellt werden, wird in der Regel schnell reagiert – im Extremfall mit Sperrungen, Fahrstreifenreduzierungen oder Gewichtsbegrenzungen.“ Dennoch zeige das Unglück in Italien, „dass eine regelmäßige Kontrolle und Instandhaltung unserer Brückenbauwerke unerlässlich“ sei. Hier bestehe großer Handlungsbedarf, um den entstandenen Instandhaltungsrückstau weiter abzubauen. „Für den Erhalt einer leistungsfähigen und sicheren Infrastruktur sind umfangreiche und stetige Investitionen unerlässlich“, mahnte Schreiner.

ADAC sieht rot

Wie berichtet hatte Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) am Dienstag bekanntgegeben, dass die Elsenbrücke von 2020 an schrittweise abgebrochen und bis 2028 neu gebaut wird. Anlass ist ein 25 Meter langer und bis zu 1,8 Millimeter breiter Riss im Überbau Südost. Für den Neubau der Mühlendammbrücke, in der ebenfalls riss- und korrosionsfähiger Hennigsdorfer Spannstahl verbaut worden ist, laufen die Planungen bereits.

Der ADAC kritisierte am Mittwoch, dass der Abriss und Neubau der Elsenbrücke so lange dauern. Es sei ein „Skandal“, dass die Autofahrer so lange mit einem Verkehrschaos rechnen müssten. Die Freybrücke im Verlauf der Heerstraße habe gezeigt, dass es auch schneller gehen kann: Sie wurde nach nur drei Jahren fertig.