Das DDR-Museum. 
Foto: DDR Museum, Berlin 2019

BerlinDieser Montag ist ein Tag der Öffnungen. Etliche der fast 180 Museen der Stadt machen zum ersten Mal seit Wochen wieder ihre Türen auf.  Dazu gehören vor allem die privaten wie das DDR-Museum, die Dali-Schau oder das Körperwelten-Museum. Städtische Häuser wie das Naturkundemuseum bereiten ein Online-Ticket- und Zeitfenster-System vor, wollen erst ab 12. Mai wieder eröffnen. Die staatlichen Museen, also auch die auf der Museumsinsel, sollen bis Mitte des Monats mit eingeschränkten Besucherverkehr wieder öffnen. Fragt sich nur, wer all diese Museen besuchen soll. Die Hotels bleiben vorerst geschlossen, einen Öffnungstermin gibt es nicht.

Tatsächlich sind die meisten der mehr als 530 Hotels in der Stadt – dazu kommen rund 240 Pensionen, Hostels, Herbergen oder andere Beherbungsbetriebe –  dicht, nur wenige vermieten Zimmer an Geschäftsleute. Das ist für die Museen ein großes Problem, machen die Touristen doch rund 80 Prozent der Besucher aus, wie Christina Haak, Vize-Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, mitteilt.

Doch auch  Restaurants und Bars leiden, selbst wenn sie demnächst einmal wieder öffnen dürften, unter dem Fehlen der Touristen. Noch mehr gilt das zum Beispiel für das Wachsfigurenkabinett oder die Spielzeugstadt Loxx am Fernsehturm – aber auch für unzählige Souvenirhändler, Stadtführer oder Radtouranbieter. Alles in allem sind etwa 250.000 Beschäftigte betroffen. Nicht alle Betriebe oder Solo-Selbstständige werden die Schließzeit überstehen können. Fachleute rechnen mit Geschäftsaufgaben und Pleiten spätestens im nächsten Jahr, wenn endgültig alle Rücklagen aufgebraucht sind. Doch ist das so schlimm? Erstens werden viele Berliner froh sein, dass der sogenannte Overtourism, das Überranntwerden der Stadt, ein Ende hat. Vielleicht geht auch ein Teil des touristischen Wildwuchses der vergangenen Boom-Jahre zurück.

Burkhard Kieker, Geschäftsführer der halb privaten Tourismusagentur Visit Berlin, fallen auf Anhieb zwei umstrittene Angebote ein, auf die er gut verzichten könne. „Im Moment vermisse ich zum Beispiel keine Bier-Bikes, und auch Kutschen brauchen wir nicht“, sagt Berlins oberster Tourismus-Werber. Es könnte auch einige Souvenirhändler weniger geben. Viele teils lästige touristische Nebengewerke wie die Pelzmützenverkäufer oder  die Hütchenspieler werden wohl wiederkehren. Und auch E-Roller werden die Innenstadt wieder verstärkt zumüllen. Dennoch hofft Kieker: „Im besten Fall wird Berlin einen qualitätvolleren Tourismus kriegen.“

Insgesamt und prinzipiell zeigt sich Kieker optimistisch. „Berlin wird wie schon bei der Finanzkrise 2009 nicht ungeschoren, aber doch eher gestärkt aus der Krise hervorgehen wird.“ In jedem Fall bleibe die Stadt in Europa die Nummer drei bei Städtereisen, nach London und Paris.

Allerdings muss diese Platzierung dieses Jahr (fast) ohne  ausländische Touristen gehalten werden. Es gibt kaum noch Flüge von und in die Stadt. Außerdem sind ausgerechnet Spanien, Italien und Großbritannien besonders stark vom Virus betroffen, jene Länder, aus denen die meisten ausländischen Berlin-Touristen kommen. „Von dort erwarten wir dieses Jahr so gut wie keine Besucher“, sagt Kieker. Ohnehin glaubt er, dass es noch Jahre dauern werde, bis wieder der 2019er-Wert von 31 Millionen Übernachtungen erreicht werde.

Jetzt erwartet die Branche klare Signale von der Politik. „Eine Reiseerlaubnis innerhalb Deutschlands wäre ein Meilenstein“, sagt Kieker. Schon Ende nächster Woche könne man sehen, ob das Öffnen von Geschäften und Schulen die Zahl der Ansteckungen nach oben getrieben hat, so Kieker. Sollte dies nicht so sein, erwartet er „innerdeutsche Öffnungen“.

Berlin wäre dann wieder offen für inländische Reisende, eine Gruppe, die zuletzt 60 Prozent ausgemacht hat. Diese seien oft mehr als Ausländer an hochwertigen Kulturveranstaltungen wie Theaterstücken oder klassischen Konzerten interessiert. Doch auch für inländische Reisende ist Berlin nur dann attraktiv, wenn es etwas zu bieten hat. Visit Berlin arbeite mit dem Senat intensiv an intelligenten Lösungen, so Kieker. „Es ist leicht, etwas von einem auf den anderen Tag zu schließen. Es danach wieder Schritt für Schritt zu öffnen, ist viel schwieriger“, sagt Kieker.

Auch Robert Rückel setzt jetzt auf deutsche Besucher. Der Chef des Interessenverbandes der touristischen Attraktionen Intoura weiß, dass Museen nicht „mit Berlinern überleben können“. Dabei sieht er die Anbieter im Vorteil, die ein „authentisches Berliner Thema“ beackern, am besten eines mit zeitgeschichtlichem Touch: Nazizeit, Krieg, Kalter Krieg, Mauerbau, Mauerfall. Dazu zählt Rückel auch sein eigenes Spionagemuseums am Leipziger Platz.

So ein Angebot macht auch Wieland Giebel, Hobby-Historiker, Verleger, Buchautor und Co-Betreiber der des Weltkriegsbunkers am Anhalter Bahnhof. Voriges Jahr sahen 350.000 Besucher die Ausstellung „Hitler – wie konnte es geschehen“. Diese Jahr rechnet man mit nicht einmal 20 Prozent. Eine Stabilisierung erwartet Giebel nicht vor 2023.

Ob Markus Heckhausen so lange mit voller Kraft durchhalten kann, weiß er noch nicht. Der Gründer des Ampelmann-Imperiums verkauft in seinen sieben Geschäften T-Shirts, Taschen, Trinkflaschen und viele Dinge mehr – alle mit dem Ampelmann-Logo. Er lebe extrem von ausländischen Kunden, berichtet er. Dennoch hofft er jetzt notgedrungen auf die Deutschen. „Das Schlimmste wäre, wenn die Hotels über den Sommer geschlossen blieben“, sagt er.