Noch ein letztes Mal den Muezzin hören. Blick auf die Altstadt von Jaffa, im Hintergrund die Skyline von Tel Aviv. 
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Berlin- So habe ich mir meinen Abschied von Israel nicht vorgestellt. Ich sitze auf dem Ben-Gurion-Flughafen, und um mich herum sitzen Menschen mit weißen und blauen Hütchen vor Mund und Nase, wie in einem Science-Fiction-Film. Eine Frau hat ihr Hütchen verkehrt herum auf, ein Mann mit Glatze macht sie darauf aufmerksam. Er grinst. Der Mann trägt keine Maske. Wie ich. Mein Corona-Kit – zwei Masken, eine Desinfektionsflasche – steckt in meiner Tasche, griffbereit. Eine Freundin, die Wissenschaftsredakteurin ist, hat mir gesagt, dass es keinen Sinn hat, wenn ich als Nichtinfizierte eine Maske trage. Ich solle mir lieber die Hände waschen.

Die Freundin informiert mich seit Wochen über die neuesten Entwicklungen in Sachen Corona. Ich habe mich aufgrund ihrer Expertise bereits Anfang Februar gegen Winterurlaub in den Dolomiten entschieden. Es schien mir nicht sicher, jetzt in ein Flugzeug zu steigen, und ehrlich gesagt hatte ich auch keine Lust wegzufliegen. Meine Zeit in Israel geht in wenigen Wochen zu Ende, ich bekam plötzlich Torschlusspanik, wollte lieber hier bleiben, am Meer in Jaffa, noch einmal Jerusalem sehen, noch einmal nach Haifa und Akko fahren, noch mal bei Uri Buri essen, noch mal über den Carmel Markt laufen, noch mal bei Abu Hassan Hummus essen, noch mal mit meiner Tennisgruppe trainieren, noch mal am Strand joggen, noch mal den Muezzin hören, noch mal auf dem Rothschild-Boulevard spazieren gehen.

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Fotos zur Erinnerung

Zwei Jahre habe ich in Israel gelebt und gearbeitet, zwei Jahre lang war das alte osmanische Haus in Jaffa mein Zuhause, und wie immer, wenn etwas vorbeigeht, das ich mochte, versuche ich, daran festzuhalten, noch nicht loszulassen, jeden Moment zu genießen, als sei es der letzte. Bevor ich aus New York wegzog, habe ich alle Menschen, die zu meinem Leben dort gehörten, fotografiert. Meinen Zahnarzt, meinen Friseur, meinen Lieblingskellner in meinem Lieblingsrestaurant „Yamato“, die Lehrer meiner Kinder.

Auch jetzt hatte ich vor, so eine Abschiedsrunde zu drehen. Allerdings musste ich vorher noch mal kurz nach Berlin. Lesungen, Buchmesse, Interviews, Wohnungsrenovierung. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass das Virus auch meine Pläne durchkreuzen könnte. Ich fühlte mich sicher, mit mir hatte das alles nichts zu tun. Aber dann, in den letzten Tagen, wurde ich unruhig. Israel ließ keine Reisenden aus China, Südkorea, Thailand und Italien ins Land. Carianne, meine Nachbarin, berichtete von einem Freund, einem Historiker, der von einer Konferenz aus Rom zurückgekommen war und seit Tagen in seiner Wohnung in Tel Aviv festsaß, obwohl er keinerlei Symptome zeigte. Seine Frau und er benutzten zwei Schlafzimmer, zwei Bäder und hielten sich nur getrennt voneinander in Küche und Wohnzimmer auf. Ich staunte, Carianne nieste und hustete, während sie mir davon erzählte. „Nur eine Erkältung“, sagte sie. In einem Science-Fiction-Film wäre das die Anfangsszene.

Die Autorin, die dem Corona-Virus trotzt

Am Dienstagmorgen schrieb ich eine Mail an meinen Verlag und erkundigte mich, wie die Lage sei. Die Verlagschefin antwortete, sie beobachte die Situation mit Sorge, im Moment sei nichts klar, aber viele Teilnehmer der Buchmesse hätten bereits abgesagt, vor allem die aus dem Ausland. Ein paar Minuten später kam eine neue Nachricht: „Liebe Autorinnen und Autoren, soeben haben wir erfahren, dass sowohl die Messe als auch das Lesefestival ,Leipzig liest’ abgesagt werden.“ Später wurde mir mitgeteilt: „Du kannst dein Hotelzimmer in Leipzig natürlich trotzdem nutzen. Das konnten wir nicht stornieren.“

Es waren noch 24 Stunden bis zu meinem Flug. Ich saß an meinem Schreibtisch in Jaffa und stellte mir vor, wie ich im leeren Hotel einchecke, durch verwaiste Messehallen laufe und den Arbeitern, die mit dem Abbau beschäftigt sind, meine Geschichten aus Tel Aviv vorlese. Die Autorin, die dem Corona-Virus trotzt.

„Bleib hier“, sagte mein Mann.

„Aber was ist mit den Handwerkern?“, sagte ich.

So leer habe ich den Flughafen noch nie gesehen. Keine Schlangen bei der Sicherheitskontrolle und bei der Gepäckabgabe, Sonderrabatte bei Duty-Free, freie Sitzplätze in der Wartehalle. Offensichtlich hatten es sich viele Reisende in letzter Minute anders überlegt. Eine Kollegin in Tel Aviv, die am Wochenende einen Kurztrip nach Stuttgart machen wollte, bietet auf Facebook ihr Hotelzimmer für die Hälfte des Preises an. Ein Schnäppchen. Meine Möglichkeiten werden immer vielfältiger: Berlin, Leipzig und jetzt auch noch Stuttgart.

Neben mir telefoniert ein Israeli mit Schutzmaske. Er trägt drahtlose Kopfhörer, sein Telefon ist nicht zu sehen, seine Stimme durch den Stoff gedämpft, es sieht so aus, als rede er mit sich selbst oder mit seiner Maske. Auch mein Handy summt.

„Bin krank“, textet eine Freundin aus Berlin.

„Was hast du?“, frage ich.

„Husten, Fieber, Gliederschmerzen.“

„Oh. Gehst du nachher ins Corona-Zentrum zum Test?“

„Ich gehe zu meiner Hausärztin.“

„Hausärztin? Soll man nicht zu Hause bleiben wegen der Ansteckungsgefahr?“

„Ja, aber es heißt, die Krankschreibung kann ich mir unkompliziert abholen.“

Eine Krankschreibung! Jedes Land hat seine kulturellen Besonderheiten. Das ist in Krisenzeiten offensichtlich nicht anders. Ich weiß nicht, ob und wie sich die Betroffenen in Italien an die Quarantäne-Bestimmungen halten, ob sie heimlich Pasta-Parties feiern und Rotwein trinken, aber als hier in Israel vor wenigen Tagen der erste Corona-Fall auftauchte und davon die Rede war, dass Menschen zu Hause isoliert werden müssen, zog Hanin, die Assistentin meines Mannes, nur die Augenbrauen hoch und sagte: „Good luck with that.“

Kurze Zeit später las ich einen Bericht über einen Mann, der mit Verdacht auf Corona aus Thailand zurückgekommen war und zu Hause in Quarantäne bleiben musste. Als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes in Schutzanzügen ihm einen Kontrollbesuch abstatteten, waren sie überrascht, ihn nicht alleine zu Hause anzutreffen, sondern in eine Party reinzuplatzen, eine Corona-Party, wenn man so will. 20 Freunde des Mannes waren zu Besuch gekommen, um Geschichten aus dem Thailand-Urlaub zu hören und ihm Gesellschaft zu leisten.

Die israelischen Behörden haben jetzt einen Strafkatalog aufgesetzt. Wer die Corona-Vorschriften verletzt, dem drohen bis zu sieben Jahre Gefängnis. Ich glaube nicht, dass das hilft. Israelis, habe ich in den letzten zwei Jahren gelernt, machen, was sie wollen. Vorschriften sind ihnen egal.

Eine freundliche Begegnung

In dem Buch „Beruflich in Israel“, einem Ratgeber für Manager, die ins Ausland ziehen, steht, das habe mit der jahrtausendelangen jüdischen Diaspora der Juden zu tun, wo es zahllose Regeln und Vorschriften gegeben habe, die die Juden aus dem normalen gesellschaftlichen Leben ausschlossen. Es ist ein tolles Buch. Am besten gefällt mir „Themenbereich 7“, Unterpunkt „Der Wutausbruch“. Es geht darum, wie man seinem Chef mitteilt, dass man mit etwas nicht zufrieden ist. Man soll nicht bitten, sondern schreien und mit Kündigung drohen. Im Ratgeber steht: „Selbstsichere und bisweilen barsche Direktheit ohne jede höfliche Zurückhaltung sind markante Merkmale des israelischen Kommunikationsstils.“ Taktvolles und verbindliches Verhalten sei wenig erfolgversprechend.

Ich habe das Buch im Büro meines Mannes entdeckt, leider erst kurz vor meinem Rückzug. Ich hätte vieles besser verstanden, hätte ich es eher gelesen. Warum der Nachbar rumschreit, obwohl er im Unrecht ist, warum der Vermieter nie die Fenster repariert, wenn ich ihn höflich darum bitte, warum beim Abendessen immer alle durcheinander reden, warum man mit den Leuten viel schneller ins Gespräch kommt, warum sie einem persönliche Dinge erzählen, obwohl man sie gar nicht richtig kennt.

Neben mir in der Flughafenhalle sitzt ein Mann mit Locken. Er lächelt mich an, ich frage ihn, ob er Israeli sei und auch nach Berlin fliege. Ja, sagt er.

Hat er keine Angst, dass die Behörden ihn wegen Corona nicht mehr ins Land lassen oder unter Quarantäne stellen?

Nein, sagt er, immer noch lächelnd. Er habe gestern gerade seinen Job verloren und sich spontan entschieden, nach Polen in ein Kurhotel zu fahren. Massagen und so, sagt er und streckt seine Hand aus: Er heiße Ben.

Ich zögere, schlage dann aber doch ein. Ben strahlt so eine wunderbare Ruhe und Zuversicht aus. Und ich vermisse die coolen Israelis, obwohl ich noch gar nicht weg bin.

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Man schätzt etwas erst, wenn es weg ist 

Ich weiß nicht, wie oft ich es verflucht habe, hier zu leben, wie oft ich gedacht habe, was mache ich hier, warum tue ich mir das an? Die Raketen aus Gaza, der Iran, die Hisbollah, die Checkpoints, die fanatischen Siedler, der verrückte Premierminister und seine noch verrücktere Frau, die hohen Preise, das Gedränge auf den Straßen, die aggressiven Autofahrer, und immer wieder Neuwahlen, die dann doch nichts bringen.

Aber jetzt, da es zu Ende geht, werde ich wehmütig, denke nur noch daran, was mir alles fehlen wird. Selbst Netanjahu wird mir fehlen, dieser Mann, der auch noch aus dem Grab zurückkommen wird. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht, als ich am Montag sah, wie er und seine Frau durchs Land schossen, von einem Wahllokal ins nächste, auf die Menschen zustürzten, sie umarmten, ihre Hände schüttelten. Es war die dritte Wahl in einem Jahr, das Corona-Virus ging um, und ein 70-Jähriger, der länger im Amt ist als jeder andere Staatsführer im Land und in ein paar Tagen als Angeklagter vor Gericht stehen wird, dachte nicht einen Moment daran aufzugeben.

Ich kenne keinen einzigen in meinem Umfeld, der Netanjahu gewählt hat. Meine Freunde und Nachbarn wählen Blau-Weiß, die linke Arbeitspartei oder die Arabische Liste. Manchmal denke ich, sie lügen mich an, sagen, dass sie Netanjahu satt haben und machen dann doch heimlich das Kreuz beim Likud. Wie die Leute, die in Deutschland AfD wählen und es nicht zugeben wollen. Ein Bekannter machte neulich eine Umfrage auf Facebook, er wollte wissen, wer jemanden kenne, der diese Partei wähle, er sei noch nie einem dieser AfD-Wähler begegnet.

Auch das werde ich vermissen, den Abstand, die Distanz zu den Problemen zu Hause. Das Gute am Leben im Ausland ist, dass man die Dinge aus der Ferne betrachten kann und doch nichts verpasst. Es gibt 3Sat, es gibt drei Direktflüge am Tag nach Berlin, und ständig kommt ein deutscher Politiker zu Besuch, der gerade einen großen Karriereschritt plant. Ich bin alleine im letzten Jahr drei Kanzler-Anwärtern in Israel begegnet. Erst kam Annegret Kramp-Karrenbauer, dann Robert Habeck und zum Schluss, am vergangenen Montag, auch noch Armin Laschet. AKK hatte Angst, Fehler zu machen. Habeck war so neugierig wie ein kleiner Junge, und Laschet lächelte viel und sprach über die gute Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel beim Thema Arbeitssicherheit, von der ich noch nie gehört hatte.

Als wäre es für immer

Es war der Abend vor den dritten Wahlen im Land, wir standen auf einer Dachterrasse mitten in Tel Aviv, die Sterne leuchteten, die Stimmung war gut, alles war offen, alles möglich. Corona war weit weg. Die zwei Desinfektionsflaschen am Eingang beachtete kaum jemand. Ich fuhr nach Hause, schrieb noch einmal über die Wahlen, ging noch einmal zum Strand und mit Freunden essen. Dann, am nächsten Morgen, packte ich meinen Koffer, mein Mann fuhr mich zum Flughafen. Wir verabschiedeten uns, als wäre es für immer.

Es war der wärmste Tag des Jahres genau wie vor zwei Jahren, als ich hier angekommen war. Als ich ins Flugzeug stieg und ein letztes Mal zurücksah, kamen mir die Tränen. Aber das lag wahrscheinlich nur an der Sonne. Sie schien mir direkt ins Gesicht.

Vier Stunden später landete ich in Berlin-Schönefeld. Die erste Nachricht, die ich auf meinem Handy las, war ein Erlass der israelischen Regierung: Wegen Corona-Gefahr ist Reisenden aus Deutschland die Einreise verboten.