Derzeit findet an den Berliner Schulen ein Generationswechsel statt. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden 45 Prozent der gesamten Lehrerschaft ausgetauscht, weil viele Pädagogen pensioniert werden. Zu ihnen gehört auch Wolfgang Gründer, der Direktor des Spandauer Kant-Gymnasiums. Er nutzte seine Abschiedsrede am Montag in der Schulaula zu einer bittersüßen Abrechnung mit der Berliner Schulpolitik. Seine Kernthese: Seit dem schlechten Abschneiden Deutschlands bei der Pisa-Studie seien gerade in Berlin die Leistungs- und Prüfungsanforderungen ständig reduziert worden.

Insbesondere die Einführung der fünften Prüfungskomponente beim Abitur, für die Prüflinge ein Referat oder eine Präsentation darbieten, habe dafür gesorgt. „Eine ruhige See hat aber noch keinen guten Seemann hervorgebracht“, sagte Gründer und plädierte dafür, Schüler stärker zu fordern. „Ansonsten werden nicht die Lebenschancen der Schüler verbessert, sondern die veröffentlichten Werte in den Bildungsstudien.“ Dass die Abiturschnitte sogar aus Sicht der Schulverwaltung in den vergangenen Jahren zu gut geraten seien, hätte ihm seinerzeit auch ein Oberschulrat bestätigt.

Eine Reform nach der anderen

Wolfgang Gründer ist seit 39 Jahren am Spandauer Kant-Gymnasium. Sein ganzes Berufsleben. Er hat als Referendar dort angefangen, war Physik- und Mathe-Lehrer. Vor zwölf Jahren ist er schließlich Schulleiter geworden. Er wolle gar nicht den Eindruck vermitteln, früher sei alles besser gewesen, sagt Hobby-Segler Gründer. „Obwohl ich in der letzten Zeit schon kundgetan habe, ich sei ein Dinosaurier und gehöre ausgestorben.“ Aber das passiere ja jetzt gerade.

Ihm sei nur klar geworden, dass Lehrer früher mehr Zeit gehabt hätten, um Dinge zu entwickeln. Heutzutage komme eine Reform nach der anderen, die Verwaltung würde die Schulen mit immer neuen Rundschreiben traktieren. „Dann komme ich mir vor, als würde ich auf einer Schildkröte reiten“, sagt Gründer. Langsam, behäbig und für einen Schulleiter kaum mehr steuerbar sei das System heute. Seit 2009 etwa sei an seiner Schule der Fachbereichs-Posten für Mathe unbesetzt, weitere Leitungsposten auch. „Dabei brauchen wir doch Führungskräfte.“ Die Unterrichtsverpflichtung sei im Vergleich zu früher viel höher. Dafür bekommen die jüngeren angestellten Kollegen aber deutlich weniger Geld als die verbeamteten Kollegen heraus.

Dass auch die Vertreter der Berliner Bildungspolitik ihn und seine Schule kritisch sehen, hat die letzte Schulinspektion gezeigt. Die fiel nämlich für Gründer und sein Kollegium nicht gut aus. Zu wenig individuelle Förderung der Schüler, zu wenig schriftlich entwickelte Konzepte. Darüber machen sich die Lehrer an der Schule an diesem Montag zur Verabschiedung in einer Art Sketch lustig – vor den Schülern. Und Schulleiter Gründer nennt die Schulinspektionen „märchenhaft.“ Denn die vier Inspektoren schauten sich nur jeweils zwanzig Minuten lang ganze 30 Unterrichtsstunden an. Das sei aber nur eineinhalb Prozent des Gesamtgeschehens. Das Ganze muss sich auch der Spandauer Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) anhören, der an dieser Schule sein Abitur gemacht hat. „Damals gab es hier Sitzstreiks und wilde politische Diskussionen“, weiß er noch. Ein frisch pensionierter Lehrer erinnert in seiner Ansprache fast wehmütig an die 1980er-Jahre, wo der Physikunterricht fachlich sehr anspruchsvoll gewesen sei. Nach dem Mauerfall habe man ja auch den West-Berliner Lehrern vorgeworfen, nur geschludert und Geld verplempert zu haben. Hier wurde die Zeitenwende in den Lehrerzimmern besonders greifbar.

Zeugnis für Schulsenatorin

Kritik auch von anderer Seite: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie die Junglehrer-Initiative „Bildet Berlin!“ stellte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zum Schuljahresende ein „Zwischenzeugnis“ aus. Das enthielt viele Fünfen, etwa für den Zustand der Schulgebäude, die aufgeschobene Inklusion, Unterrichtsausfall, Arbeitsbedingungen und die Leistungsfähigkeit.

Wichtige Initiativen wie das Brennpunkt-Schulprogramm habe sie dem Klassensprecher überlassen – gemeint war SPD-Fraktionschef Raed Saleh.