Berlin - Die meisten Abitur-Klausuren sind geschrieben, jetzt kommen die mündlichen Prüfungen. Ultimativer Höhepunkt für die meisten der 17.000 Berliner Abiturienten dürfte jedoch die Abi-Fahrt sein. Ob Schaumparty in der spanischen Diskothek oder am bulgarischen Goldstrand – viele Schulabsolventen nutzen diese Tage, vom Stress der vergangenen Monate wieder herunterzukommen. Da muss es nicht unbedingt bildungsbürgerlich zugehen.

An fast allen Berliner Gymnasien werden Abi-Fahrten gebucht. So reisen gut 80 Abiturienten des Lichtenberger Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums im Juni für sechs Tage nach Spanien, in die Nähe von Lloret del Mar. Man werde an der Strandpromenade sitzen, abends in die Clubs gehen und mal nach Barcelona zum Shoppen fahren, sagt Caroline Winkler vom Abi-Komitee der Schule. "Kulturtourismus wird das eher nicht." Demnächst wird die Hauptrate für die Abi-Fahrt fällig. Etwa 400 Euro kostet die ganze Reise. Flug, Vollpension und Übernachtung im Mehrbettzimmer inklusive. Von 10 bis 24 Uhr gibt es Freigetränke an der Hotelbar, auch alkoholische Getränke.

Werbung direkt vor Schulen

Wer den Berliner Marktführer für Abi-Fahrten sucht, muss in den Biotechnologiepark Charlottenburg fahren. Dort an der Jungfernheide residiert die Firma "abi2urlaub" in einem Zweckbau. "Viele Firmen wollten vom Geschäft mit dem Doppeljahrgang profitieren, das ist ein harter Wettbewerb", erzählt Inhaber Enrico Rudolph, ein hagerer Mann mit schwarzem Knebelbart. Auch die Lichtenberger Schüler haben bei ihm gebucht. "Wasser, Sand, Betonburg und Party", so fasst Rudolph das Prinzip der Abi-Fahrten zusammen. Tatsächlich wird der spanische Küstenort Lloret del Mar weitgehend von Betonburgen aus den 1960er-Jahren beherrscht. Die Hoteliers sind froh, wenn sie ihre Zimmer in der Vorsaison füllen können. "Für gut 60 Gymnasien in Berlin organisieren wir Abi-Fahrten", sagt Rudolph, der schon während seines Informatik-Studiums als Reisebegleiter jobbte. Seit gut zehn Jahren gibt es den Markt, Rainbow Tours waren die ersten.

In diesem Jahr drängten besonders Firmen aus Hamburg, aber auch aus München auf den Berliner Markt. Häufig stellten sich auf Provisionsbasis tätige Mitarbeiter direkt vor die Schulen, um Schüler anzusprechen. Jam-Reisen aus Hamburg bietet vor allem Fahrten an die bulgarische Schwarzmeerküste an. "Am Gold- und Sonnenstrand nutzen wir meist Hotelanlagen entlang der Diskotheken-Straße", sagt die Jam-Mitarbeiterin. Bulgarien sei von der Anreise etwas teurer als Spanien. "Dafür ist es aber vor Ort total billig." Crystal Tours aus München versucht, Novalja auf der kroatischen Insel Pag als Sehnsuchtsort zu verkaufen. Dorthin gibt es sogar Zugfahrten.

Ost-West Konflikt bei der Abi-Fahrt

"Es gibt vor allem einen Ost-West-Konflikt bei der Abi-Fahrt – Spanien gegen Bulgarien", sagt Enrico Rudolph von abi2urlaub. "Wenn wir hören, dass ein Mitbewerber vor den Schulen wirbt, lassen wir uns dort auch mal blicken.“ Die Firmen sind nervös, denn obwohl der diesjährige Abiturienten-Jahrgang besonders groß war, gibt es kaum einen Zuwachs an Kundschaft. "Die Jüngeren im doppelten Abiturjahrgang sind oft noch nicht volljährig, da erlauben das die Eltern mitunter nicht", sagt Enrico Rudolph, der ständig Anrufe besorgter Eltern entgegennehmen muss. Dabei würden junge Leute gar nicht so viel Alkohol trinken. Es gebe kaum Zwischenfälle, betont er, nur einmal innerhalb von zwei Jahren habe es in Spanien einen sexuellen Übergriff auf ein Mädchen gegeben. Rudolph selbst fährt Ende Mai mit seinem Motorrad nach Spanien und überwacht das Ganze. Er setzt auf Zusatzgeschäfte, verkauft vor Ort für 25 Euro ein Diskothekenarmband, in dem Club-Eintritte und Getränkerabatte enthalten sind.

Die Verträge für Abi-Fahrten werden bereits zwischen Mai und Oktober des Vorjahres abgeschlossen. Verbraucherschützer raten, eine Reiserücktrittsversicherung abzuschließen. Nicht alle Abiturienten fahren auf eine solche Fahrt. Vielen ist das doch zu sehr Massenspektakel. Und Schulleiter sind froh, dass sie für die Abi-Fahrten nicht mehr verantwortlich sind.