Berlin - Gemütlich, rustikal, urig. So beschreiben viele Menschen die ideale Eckkneipe. Bei mir wird dieses wohlige Gefühl meistens schon vor dem Betreten von einem Fluchtinstinkt überdeckt. Und bei allem, was ich über diese Orte weiß, ist der nicht unbegründet. Weiße Menschen spüren diese Bedrohung selten, weil sie nicht bedroht sind. Egal wie links oder „woke“ sie auch sein mögen. Dialog ist gut, wenn die Kraft dafür da ist. Aber dann doch bitte mit einem Minimum an Bewusstsein.

Ein Bekannter aus Syrien erzählte mir neulich, dass er sich in eine „richtig deutsche“ Eckkneipe gesetzt habe, um die Kultur kennenzulernen. Er hat sich allein und freiwillig in eine solche Situation begeben. Und er war stolz, dass er mit den Menschen ins Gespräch kam. Das wollte ich auch ausprobieren.

Ganz in der Nähe meiner WG befindet sich eine dieser Eckkneipen. Eigentlich perfekt für einen Absacker nach dem Clubabend oder ein Bierchen, wenn man nicht so lange bleiben will. Vor Corona gab es hier einen 24-Stunden-Betrieb, das Bier kostete unter zwei Euro. Doch ich war erst einmal dort gewesen, und das hatte mich viel Überwindung gekostet. Den Namen der Kneipe nenne ich besser nicht, ich wohne zu dicht dran.

Am Eingang stehen häufig bullige Glatzköpfe. Die Zeichen auf den T-Shirts und die Tattoos auf den Armen sind manchmal eindeutig, manchmal zweideutig, aber in Kombination ganz klar rechtsextrem: Bandnamen, bestimmte Zahlenfolgen, dazu die Springerstiefel. Wenn ich vorbeigehe, folgen mir Blicke. Ich spüre sie förmlich auf meiner Haut (ich bin Schwarz) und zwischen meinen Haaren (Dreadlocks). Auch von Seiten der eher älteren Gäste, die im Außenbereich sitzen. Meine Schwester hatte einmal erzählt, sie sei hier angepöbelt worden. Mein ehemaliger Mitbewohner (blond und blauäugig) beschrieb seinen ersten Besuch mit den Worten: „Da hat mich einer über Ausländer und Muslime zugelabert, wie schlimm die doch seien.“ Meine anderen weißen Freunde haben noch nie etwas bemerkt.

Die Nazis sind laut Wirtin eigentlich ganz liebe Kerle

Die Neugier siegte eines Tages, und mein Nachbar und ich setzten uns direkt in den ersten Raum der Kneipe, den offenbar normalerweise Stammgäste in Beschlag nehmen. Ausgestattet mit Holzmöbeln, einem Billardtisch und einer Dartscheibe wirkte der Ort tatsächlich attraktiv. An den Wänden und Decken hingen Fußballfanartikel, in den Fenstern standen Trommeln. Eine seltsame Mischung, aber gemütlich. So saßen wir, zwei People of Colour, nicht biodeutsch, mitten in einer Ost-Berliner Eckkneipe und ließen uns das Fassbier schmecken.

Wir schmiedeten Pläne, einfach weiterhin mit vielen Menschen hier einzukehren und den Ort so zu verändern. Wir malten uns aus, dass wir so rechten Menschen und rechten Gesinnungen den Raum nehmen könnten, einige Menschen vielleicht sogar vor der braunen Brühe bewahren würden. Voraussetzung wäre, dass wir mit unserem Konsum niemanden unterstützen, der selbst eine solche Haltung hat. Nah genug an der Tür, aber auch nah genug am Klischeepublikum beobachteten wir das Geschehen während unseres Gesprächs genau.

Viele der Stammgäste klopften auf unseren Tisch zur Begrüßung. Mein Begleiter fand das nett, ich war mir nicht sicher. Irgendwann nahm ich meinen Mut zusammen und wies die Wirtin darauf hin, dass öfter mal Menschen vor ihrer Tür stehen würden, die ihre rechtsextreme Gesinnung offen zeigen. Ob das von ihrer Seite so gewollt sei? „Ach, das sind eigentlich ganz Liebe“, sagte sie. „Die sehen nur so gefährlich aus.“ Sie deutete auf einen Mann mit sehr kurzen Haaren, der in unmittelbarer Nähe von unserem Tisch stand. Das sei ja auch ein ganz Lieber. Ich wich unwillkürlich zurück. Unseren Plan haben wir nicht umgesetzt.

Meine eigene Erfahrung mit deutschen Eckkneipen in Berlin ist aus besagten Gründen begrenzt. Aber am vergangenen Wochenende betrat ich widerwillig eine Kneipe, nachdem ich eine Weile draußen gestanden und gehofft hatte, dass die Gruppe doch noch weiterzieht. Es war keine Eckkneipe, aber sehr deutsch: Die nicht mehr ganz so weißen Gardinen in Netzoptik, die selbstgestickte Hertha-Fahne und die ältere Dame hinter der Theke – ich war froh, dass wir viele waren und nur ein paar wenige Stammgäste anwesend, die ähnlich angespannt wirkten wie ich. Wir machten uns über die Spruchkarten an der Wand lustig und schoben die Tische zusammen.

Dann gab es da diese Situation, in der ich den Kopf in den Nacken legte, um zu sehen, was hinter mir geschah. Die Wirtin fasste mir an die Stirn. Immerhin nicht in die Haare. Aber ich frage mich, ob sie einer fremden weißen Person auch einfach so ins Gesicht fassen würde. Wir hatten bis auf die Bestellung kein Wort miteinander gewechselt.

Vor einigen Jahren betrat ich für die Recherche zu einem Artikel eine Eckkneipe in Schöneweide. Sofort fragte mich die Wirtin, ob ich neu in der Gegend sei. Anscheinend eine eingeschworene Gemeinde, aber die Blicke blieben freundlich und neugierig. Bei Rockmusik und Berliner Bier begann ich, mich schon fast wohlzufühlen. Bis einer der Stammgäste sich bei mir darüber beschwerte, dass die guten alten Eckkneipen langsam alle von Türken übernommen würden. Doch der türkische Inhaber dieser Kneipe, der sei ja noch ganz in Ordnung, meinte der alte Mann.

„Meine Stammkneipe ist ganz anders!“

Einer meiner weißen Freunde versicherte mir vor einigen Monaten, dass seine Stammkneipe ganz anders sei. Schließlich kenne er die Inhaber ein wenig durch die vielen Abende, die er dort verbracht habe. Obwohl ich nur einmal im Außenbereich mit einer großen Gruppe dort war, wagte ich das zu bezweifeln. Und keinen Monat später hatte der gesamte Freundeskreis beschlossen, diese Neuköllner Eckkneipe zu meiden – wegen eines rassistischen Vorfalls.

Freunde hatten beobachtet, wie Menschen weggeschickt wurden, die nicht weiß waren. Der Satz „Leute wie euch wollen wir hier nicht“ war gefallen. Im Nachhinein bringt ein Freund die Tatsache, dass in dieser Eckkneipe auf der Hermannstraße meist nur weiße Menschen waren, mit diesem Vorfall in Verbindung. Er vermutet, dass öfter mal jemand weggeschickt wurde und er das nur nicht mitbekommen habe.

Gerne würde ich mich dem Flair der kitschigen Dekoration und bodenständigen Einrichtung deutscher Eckkneipen hingeben. Aber das wohlige Gefühl wird von durchdringenden Blicken erschlagen, bevor es sich richtig festsetzen kann.

Und wahrscheinlich sind solche Kneipen die letzten Orte in Berlin, in denen man mit rechten Tattoos auftauchen und als „ganz lieb“ und harmlos gelten kann. Vermutlich sollte man dagegen etwas tun. Aber wer geht schon gern an einen Ort, an dem die eigene Daseinsberechtigung infrage gestellt wird?