Der Kunstbetrieb steht aktuell unter verschärfter Beobachtung. Strukturell ist das zu begrüßen, denn der blinden Flecken sind desto mehr, je aufgeklärter man sich fühlt. Aber bei fast jedem meiner Theater- und Filmprojekte schneidet irgendwer ein Bild, eine Szene oder einen Satz aus dem Werk oder der Berichterstattung, um den Schnipsel dann mit pseudomoralischen Kommentaren als „Skandal“ auszugeben. Diese absichtlichen Missverständnisse, eine strategische Mischung aus Dekontextualisierungen und vorgespieltem Moralismus, funktionieren leider nur zu gut.

So wurden in Frankreich und Brasilien nach Shitstorms von konservativen Parteien Stücke von mir abgesagt. In Putins Russland kann ich wegen einer Aktion gemeinsam mit Pussy Riot seit 10 Jahren nicht mehr einreisen. Als mein Team und ich vor vier Jahren den „Genter Altar“ zur Eröffnung des Genter Stadttheaters inszenierten, kam es zu einer ganzen Serie von digitalen Übergriffen. In unserer Video-Installation stellen 50 flämische Bürgerinnen und Bürger den „Genter Altar“ aus dem 15. Jahrhundert nach. Der Altar ist ein Wimmelbild, auf dem von Gott über einen Engelchor bis zu den biblischen Märtyrern Dutzende allegorische Figuren abgebildet sind. Weltberühmt ist der Genter Altar aber wegen seiner erstmals in der Kunstgeschichte völlig realistisch dargestellten „ersten Menschen“: die nackten Adam und Eva.

Die Begeisterung aller Beteiligten war groß, bis eine superkonservative Plattform ein Bild der Inszenierung ohne jeden Kontext unter dem Titel „Was ist diese perverse Scheiße?“ veröffentlichte. Auf dem Bild war hinter Adam und Eva, die sich umarmten, der Genter Kinderchor – der „Chor der Engel“ – zu sehen. Ein Brief der Eltern stellte die Situation klar: „Jeden Tag werden wir mit Bildern von Gewalt und Missbrauch konfrontiert. Und dann seht ihr ein Bild der Zärtlichkeit – und könnt es nicht ertragen?“ Natürlich verhallte die Richtigstellung ungehört. War es doch nur ein Vorwand gewesen, unserem Theater die Subventionen zu kürzen.

Doch es kam noch absurder: Ein Mini-Ausschnitt aus einem gemeinsam mit der Stadt und allen Beteiligten produzierten Fernsehfilm über das öffentliche Vorsprechen zum „Genter Altar“ wurde 2019 vom Bildschirm abgefilmt und wahllos verschickt. Die aus dem Zusammenhang gerissene Szene des Castings für Adam und Eva erweckte zynisch den Eindruck, es würden in Gent Menschen überraschend aufgefordert, die Hüllen fallen zu lassen. Dabei waren die Darsteller ausschließlich für diesen Grund ans öffentliche Vorsprechen zum „Genter Altar“ gekommen: nämlich um vor Publikum „im Adamskostüm“, wie es im Aufruf hieß, die ersten Menschen darzustellen.

War es der Umstand, dass People of Color Adam und Eva spielten – und ein Jahr lang als neue Altarbilder über dem Portal des Genter Theaters prangten? Oder dass Transmenschen sich um die Rollen bewarben? Wie auch immer, auch hier nützte die Richtigstellung, die wir gemeinsam mit der Darstellerin aus dem abgefilmten Schnipsel verschickten, gar nichts. Dass sie mit ihren Aktionen nicht nur perfide ein Opfer erst schufen, die Richtigstellung ignorierten und alle Beteiligten verhöhnten: geschenkt, denn die Verwirrung aller Maßstäbe ist ja der Grund des Ganzen.

Nicht wiedergutzumachen ist aber der politische Schaden, der dadurch angerichtet wird. Der Kampf, den wir Künstlerinnen und Künstler gemeinsam für faire Verhältnisse, gegen physischen und medialen Missbrauch ausfechten, wie etwa mit dem großartigen Film „The Case You“: Er wird immer weiter beschädigt. Paranoia macht sich breit, die Kunst gerät unter Generalverdacht. Und genau das ist das erklärte Ziel der Rechten.

Milo Rau ist Regisseur, Autor und künstlerischer Leiter des Genter Theaters.