Gebet für die Ukraine: Gedenkfeier für den Holodomor im Berliner Dom

Heute soll der Bundestag über die Anerkennung des Holodomors als Genozid abstimmen. Am Vorabend fand eine Gedenkfeier im Berliner Dom statt. Ein Ortsbesuch.

Kerzen im Berliner Dom. Dort fand am Dienstagabend eine Gedenkfeier für die Opfer des Holodomors statt.
Kerzen im Berliner Dom. Dort fand am Dienstagabend eine Gedenkfeier für die Opfer des Holodomors statt.Imago

Über dem Verkehrslärm vor dem Berliner Dom läuten die Glocken zur Abendmesse, hinter seiner Kuppel sind der Fernsehturm und das Rote Rathaus zu sehen, teilweise verdeckt vom kalten Winternebel. Obwohl keines dieser Berliner Wahrzeichen aktuell beleuchtet ist, wirkt dieser Blick imposant. Der Grund für diese abendliche Dunkelheit ist bekanntlich: die Energiekrise, die durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst wurde.

Im Dom selbst ist die Stimmung wärmer; überall flackern Kerzen, an der Orgel wird eine nachdenkliche Improvisation gespielt. Vorn, am Fuß des Altars, steht ein Blumengesteck der ganz anderen Art – ein kleiner Brotlaib, umgeben von Kerzen und vor einer Vase mit Weizenzweigen. Im Berliner Dom findet eine Veranstaltung statt, die an einen anderen schmerzhaften Teil der ukrainischen Geschichte erinnert: den Holodomor, die Hungersnot von 1932 bis 1933, der bis zu neun Millionen Menschen in der Ukraine und anderen sowjetischen Ländern zum Opfer fielen. Aus Sicht der Ukraine war dies ein Völkermord, der von Stalins Regime in Moskau mit dem Ziel geplant wurde, die Ukraine als Ganze zu unterwerfen.

Nicht nur der aktuelle Angriffskrieg gegen die Ukraine macht diese Gedenkfeier, die von der ukrainischen Botschaft organisiert wurde, so besonders. Sie findet auch am Vorabend eines politisch wichtigen Tages für die Ukraine statt: Am Mittwochabend debattiert der Bundestag einen gemeinsamen Antrag von den Koalitionsparteien sowie der CDU, den Holodomor offiziell als Genozid anzuerkennen. Das ist ein Ziel, das die verschiedenen ukrainischen Regierungen seit 2006 auf internationaler Ebene verfolgt haben. Ein Erfolg des Antrags gilt als sehr wahrscheinlich.

Makeiev: Parallele zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, scheint von dem historischen Gewicht dieses Tages für sein Land betroffen zu sein; der sonst oft heitere Botschafter wirkt ernst und nachdenklich, als er nach dem Gottesdienst mit der Presse spricht. „Viele Menschen in der Ukraine, aber auch in Deutschland haben Parallelen gezogen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart“, sagt er mit tiefer Stimme. Den russischen Angriffskrieg bezeichnet er als „völkermordähnlich“. Die Erinnerung an die Opfer von damals und heute soll die Welt in eine gemeinsame friedliche Zukunft bringen, so Makeiev. „Dieser Krieg muss beendet werden, damit nie mehr ein Genozid am ukrainischen Volke passiert.“

Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev (Mitte) zündet im Berliner Dom eine Kerze zum Gedenken an die Opfer des Holodomors an.
Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev (Mitte) zündet im Berliner Dom eine Kerze zum Gedenken an die Opfer des Holodomors an.Botschaft der Ukraine in Deutschland

Viele seiner Amtskollegen aus anderen Ländern sind hier an der Gedenkfeier vertreten, etwa Lettland, Polen und Rumänien: Das sind drei der Länder, die den Holodomor auch offiziell als Genozid anerkennen. Nach einem voraussichtlichen deutschen Beschluss in diesem Sinne wird Deutschland zum 22. Land, das den Holodomor als solchen anerkennt.

Botschafter Makeiev sprach selbst als Teil der Gedenkfeier nicht; diese war vor allem religiös geprägt. Geleitet wurde sie von Michael Kösling, Domprediger im Berliner Dom, sowie Vertretern der griechisch-ukrainischen katholischen Kirche, der ukrainischen orthodoxen Kirche und des katholischen Erzbistums Berlin. Gebete für die Verstorbenen werden sowohl auf Ukrainisch als auch auf Deutsch von vier ukrainischen Sängern des bayerischen Collegium Orientale sowie von Kantorin Esther Hirsch von der Stiftung House of One gesungen. Der Mädchenchor der Berliner Singakademie und Eastgate Youth Orchestra sangen ebenfalls.

„Ihr werdet die Wahrheit kennen und die Wahrheit wird euch befreien“

Bischof Bohdan Dzyurakh, Apostolischer Exarch für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, bat die Zuhörer, nicht nur für Ukrainer zu beten, sondern auch für Opfer in Syrien, im Iran und in den vom Klimawandel betroffenen Teilen der Welt. Die Jahre nach dem Holodomor seien von sowjetischer Unterdrückung von Informationen geprägt worden. „Aber heute kehren sie in unsere Gebete zurück“, sagte der Bischof. Dann zitierte er Jesus: „Ihr werdet die Wahrheit kennen und die Wahrheit wird euch befreien.“

Auch die Wahl dieses Gebets ist prägnant – denn für die Ukraine gilt die Anerkennung des Holodomors als Genozid auch als Anerkennung ihrer Perspektive auf ihre eigene Geschichte, die für zu viele Jahre unbekannt geblieben oder von russischen Narrativen überschattet worden sei. Es gibt allerdings Kritik an dem Antrag im Bundestag; andere historische Perspektiven sehen den Holodomor eher als Folge stalinistischer Brutalität und Starrheit, für einige ist die Anerkennung als Genozid zu rasch gefallen.

Botschafter Makeiev hat keine Zweifel, dass der Antrag im Bundestag angenommen wird: „Die Historiker sind in der Bezeichnung einig, die Juristen haben eher Probleme damit, ob etwas als Genozid erkannt werden kann.“ Er hofft, dass damit die Aufmerksamkeit in Deutschland für diesen Teil der ukrainischen Geschichte wächst; vielleicht auch, dass er in der Schule unterrichtet wird. „Ich sehe die große Solidarität der deutschen Bevölkerung und auch der Abgeordneten mit der Ukraine“, sagt der Botschafter. „Ich glaube, dieses Thema ist zu einer Familienangelegenheit geworden.“