Abwassersystem: Gestank im Untergrund

Berlin - Die Duftprobe befindet sich in einer durchsichtigen Tüte, die mit einem Stöpsel verschlossen ist. Dicht verschlossen, zum Glück – denn der Inhalt sieht zwar harmlos aus, stinkt aber bestialisch. Die derbe Mischung, die an faule Eier in hoher Konzentration erinnert, stammt aus einem Abwasserrohr einer kleinen Forschungsanlage in Neukölln. Dort, in einer alten Pumpenhalle der Berliner Wasserbetriebe (BWB) an der Sonnenallee, erforschen Mitarbeiter des Kompetenzzentrums Wasser Berlin derzeit, was an manchen Tagen so bestialisch aus den Berliner Gullys stinkt.

Gase werden abgezapft

Dass sich die Wissenschaftler für dieses Thema interessieren, liegt weniger am Gestank selber. Sie wollen wissen, woraus der üble Geruch besteht. Einige der Geruchskomponenten sind so aggressiv, dass sie Betonrohre angreifen und zerstören können. Die Berliner Wasserbetriebe, deren Leitungsnetz etwa 9000 Kilometer lang ist, versprechen sich von der Erforschung einen finanziellen Nutzen. „Pro Jahr geben wir sechs Millionen Euro aus, um entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten“, sagt Unternehmens-Sprecher Stephan Natz.

Um zu klären, was da so stinkt, wird in der alten Pumpenhalle angefaultes Wasser erzeugt. „Im Luftraum über der Wasseroberfläche bilden sich Gase, die wir dann abzapfen“, sagt Andreas Hartmann, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums. An vier verschiedenen Punkten messen elektronische Nasen die Konzentration bestimmter Gase – zum Beispiel den nach faulen Eiern riechenden Schwefelwasserstoff, aber auch Mercaptane und Dimethylsulfide. „Die stinken auch“, sagt Jan Waschnewski, Leiter der Forschungsabteilung der Wasserbetriebe. Später werde der Duft noch einmal von menschlichen Testpersonen erschnüffelt, um beurteilen zu können, welcher Duftmix als besonders störend empfunden wird.

Warum das Wasser stinkt, muss nicht erforscht werden, denn das ist bekannt. „Der Wasserverbrauch ist deutlich gesunken, die Trockenwetterzeiten haben zugenommen“, sagt Waschnewski. Deshalb fließe das Abwasser auch langsamer und bleibe länger in den Rohren, wo es dann Gase bildet. Bislang, so BWB-Sprecher Natz, würde das Unternehmen erst aktiv, wenn es Beschwerden gibt. „Pro Jahr ist das etwa 120 Mal der Fall“, sagt Natz.

Vor allem an Orten mit viel Gastronomie, wie etwa dem Gendarmenmarkt oder dem Winterfeldtplatz, gebe es häufiger Beschwerden. „Es stinkt aber nicht immer, und es stinkt nicht immer gleich“, sagt Kompetenzzentrum-Chef Hartmann.

50 Forschungsprojekte

Abhilfe schaffen derzeit der Einsatz von speziellen Deos oder Filter, das Zugeben von Eisen, besonderen Salzen oder die Zufuhr von Sauerstoff. Ziel der Forschung sei es zu ermitteln, welches Mittel am besten bei welchem Duftmix eingesetzt werden kann – damit die Gegenmaßnahmen später automatisch eingeleitet werden können.

Bis Mitte 2012 noch wird in der alten Neuköllner Pumpenhalle an stinkendem Wasser geforscht, 400 000 Euro stehen dafür zur Verfügung. Das Forschungsprojekt ist eines von bislang 50 des Kompetenzzentrums Wasser. Das Zentrum war vor zehn Jahren von verschiedenen Wasserunternehmen Berlins gegründet worden.