Abwurf der Atombombe: Berliner Schüler sprechen mit einem Opfer von Hiroshima

Gerade noch haben die Zehntklässler der Johanna-Eck-Sekundarschule in Tempelhof miteinander gescherzt. Als aber die elegant gekleidete Dame im Rollstuhl in das Klassenzimmer geschoben wird, sind die Schüler schlagartig ruhig. Setsuko Thurlow ist eine Hibakusha. Das ist Japanisch und bedeutet Explosionsopfer. Setsuko Thurlow hat als 13-Jährige den Abwurf der ersten Atombombe überlebt. Sie ist gekommen, um den Schülern davon zu erzählen.

„Es war ein sonniger Tag damals, so wie heute“, beginnt die 83-Jährige und blickt durch das Fenster hinaus auf die Bäume. Sie war mit 30 Mitschülerinnen ausgewählt worden, um im zweiten Stock eines Armeequartiers Nachrichten zu dechiffrieren. Nicht einmal zwei Kilometer lagen zwischen dem Epizentrum der Explosion, von dem die 4 000 Grad heiße Druckwelle ausging, und dem Ort, an dem sie sich aufhielt. „Little Boy“ hatten die US-Amerikaner ihre Bombe genannt. Setsuko Thurlow kann sich nur an einen weißen Blitz erinnern, dann wurde sie hoch geschleudert. „Als ich wieder zu mir kam, herrschte absolute Dunkelheit und Stille“, sagt sie. Sie kann aus den Trümmern des Holzbaus herauskriechen, bevor dort die Flammen hochschlagen. „Meine Mitschülerinnen sind dort alle lebendig verbrannt.“

Insgesamt sterben mindestens 70 000 Menschen an diesem Tag vor bald 70 Jahren in Hiroshima. Noch einmal so viele sterben bis zum Jahresende. Und mehr als 100 000 Menschen gehen an den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung zugrunde.

Draußen auf den Straßen begegnet sie am Tag des Bombenabwurfs „Objekten“, wie Setsuko Thurlow sagt. Sie zögert zunächst, sie für Menschen zu halten. Vielen standen die Haare unnatürlich hoch, Haut schälte sich ab. „Manche hielten ihre Augäpfel in der Hand.“ Auch ihre Schwester und der vierjährige Neffe sterben Tage später.

Weinen konnte Setsuko Thurlow damals nicht. Deshalb hatte sie jahrelang schreckliche Schuldgefühle. Erst als sie im Studium das Fach Psychologie belegte, erfuhr sie, dass sie sich damals in einem Ausnahmezustand befand, gewissermaßen in einer emotionalen Taubheit.

Die Schüler, die gebannt zugehört haben, sind betroffen. Einer fragt Setsuko Thurlow, ob sie selbst Schäden davon getragen habe. „Glücklicherweise nicht“, sagt die Japanerin. Nur Schilddrüsenprobleme habe sie, das sei wohl eine Spätfolge.

„Für uns tragen solch beeindruckende Zeitzeugen dazu bei, unseren Schülern Geschichte aktiv und authentisch zu vermitteln“, sagt Silke Donath, die stellvertretende Schulleiterin. Auf diese Weise würden die Schüler Abläufe und Zusammenhänge besser verstehen. Genau darüber wurde ja zuletzt gestritten, als es um die neuen Lehrpläne für das Fach Geschichte ging. Der Geschichtslehrerverband forderte, die Schüler müssten sich die Historie weiter auch chronologisch erschließen, vor allem Sekundarschullehrer meinten hingegen, man müsse die Schüler in ihrer Lebensrealität abholen.

Mit der 83-jährigen Zeitzeugin gelingt es jedenfalls gut. In diesem Zusammenhang werden die Schüler schließlich auch gefragt, wie viele Staaten heute Atomwaffen besitzen. Zunächst weiß es kein Schüler, dann erfahren sie, dass weltweit neun Staaten bereits über Atomwaffen verfügen. Setsuko Thurlow hat sich 1954 in einen Amerikaner verliebt und ist nach Kanada ausgewandert, wo sie seither lebt. Ob sie eines Tages zurückkehren werde, fragt ein Schüler. Sie verneint.

Viele Fragen vorbereitet

Später kommen noch Neuntklässler einer Seiteneinsteiger-Klasse für Flüchtlinge hinzu. Sie stammen aus Syrien, dem Kosovo, aus Afrika und Lateinamerika. „Nur Australien und die Antarktis sind nicht vertreten“, sagt die Lehrerin scherzhaft. Die Schüler haben sich viele Fragen notiert. Schüler aus dem Bürgerkriegsland Syrien wollen von Setsuko Thurlow unbedingt wissen, wie man einen dritten Weltkrieg vermeiden kann. Sie empfiehlt abrüsten.

Hinterher fragt ein Lehrer einige Schüler, wie sie die Stunde fanden. „Krass, ey“, sagt einer und meint das völlig ernst.