Vor ein paar Wochen hat ein Taubenpaar im Baum vor dem Fenster zu nisten begonnen. Die Sachlichen sagen jetzt, das sei doch nichts Besonderes, sondern ein Vorgang, der sich jedes Jahr aufs Neue beobachten lässt, weil er nun mal dem Lauf der Natur entspricht. Das ist schon richtig, trotzdem kann auch die Natur ganz putzig sein, wenn so ein kleines Köpfchen mit weichem Flaum aus dem Nest lugt.

In diesen Tagen drängt sich dazu fast ein Sinnbild auf: Wie schön wäre es, würde es sich um Friedenstauben handeln! Wer jetzt aber Bilder vom elegant geschwungenen Körper einer gezeichneten weißen Taube im Kopf hat, muss schleunigst umdenken: Es handelt sich hier immer noch um die gemeine Stadttaube, die so gar keine Grazie hat, sondern sich eher etwas plump durchs Leben bewegt. Wenn sie landet, wirkt es ja oft wie ein Ritt auf der Rasierklinge, eine Frage der Zeit, wie lange ein dünner Ast unter ihr der Schwerkraft zu trotzen vermag.

Die Stadttaube – eine entdomestizierte Nachfolgerin der Haustaube, die früher auch als Brieftaube zum Einsatz kam – ist weltweit verbreitet und lebt, ihr Name verrät es, in Städten. In manchen südlichen Ländern trägt sie ein anmutiges schwarz-weißes Federkleid, bei uns ist sie dagegen schlicht grau mit bläulichen oder grünlichen Einfärbungen, die nicht unbedingt edel aussehen, sondern eher, als hätte sich das Tier gerade bekleckert. Damit passen Tauben ganz gut zu Berlin.

Die kleine Taubenfamilie präsentiert sich jedenfalls als ruhige Nachbarschaft, weder ihr typisches Gurren noch hungriges Fiepen dringen aus dem Nest. Wie viele Junge dort herangezogen werden, lässt sich nicht beziffern, aber auffällig ist, dass die Eltern ihren Nachwuchs ganz schön lange allein lassen. Ein Blick in die Literatur verrät, dass sich Tauben häufig in ein Zweitnest zurückziehen. Was nach romantischer Zweisamkeit klingt, damit man sich als Paar nicht vergisst, ist tatsächlich nichts anderes als Fließbandarbeit: Im Zweitnest tüfteln die Tauben schon an der nächsten Brut.

Ab und zu schaut die ältere Generation im Erstnest vorbei und füttert die Kleintiere mit Kropfmilch, später mit Körnern und Samen. Mittlerweile suchen die Jungen danach allerdings wohl schon selbst. Heute Morgen war das Nest nämlich leer. Guten Flug!