Berlin - Als der schwarze Wagen mit den getönten Scheiben in die Einfahrt zum Ministerium für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe biegt, stürmen die Demonstranten los. Sie sind aufgebracht und wütend. Ein Herr im Anzug wedelt mit wichtigen Dokumenten, er hält die Papiere dem Fahrer an die Scheibe. „Ich habe eine Genehmigung!“, brüllt er. Eine verzweifelte Mutter hebt ihr Kind hoch. Auch sie schreit laut. „Hilfe! Bitte!“ steht auf ihrem Pappschild. Wütende Menschen schlagen ihre Fäuste auf das Auto, ein gelber Farbbeutel knallt auf die Karosse. Schwer bewaffnete Bundeswehrsoldaten drängen die Demonstranten ab, der Wagen rollt langsam durch die verbarrikadierte Einfahrt des Ministeriums. „Danke!“, ruft der Regisseur.

Lachend und etwas außer Puste vom Gedränge ums Auto wischen sich die Demonstranten die Reste des geplatzten Farbbeutels von ihrer Kleidung. Sie könnten die gelben Spritzer auch essen. Es ist Pudding und die ganze Aufregung nur gespielt. So ein Ministerium gibt es nicht, Demonstranten und Bundeswehrsoldaten sind Komparsen, die Einfahrt führt zu einem Hotel am Tiergarten und der „seriöse Anzugmensch“, wie es im Drehbuch steht, ist der Autor dieses Textes in einer kleinen Rolle als Statist.

Flucht aus der Stadt

„Acht Tage“ heißt das Endzeit-Szenario, das die Münchener Filmproduktionsfirma Neuesuper für den Bezahlsender Sky bis Oktober in der Region Berlin-Brandenburg dreht. Es sind die letzten Tage der Menschheit. In Europa wird ein 60 Kilometer großer Meteor einschlagen, die Aufprallzone liegt mitten in Europa, das wird wohl niemand überleben. Und so fliehen die Bewohner aus der Stadt, wollen nach Amerika oder suchen einen sicheren Platz im Bunker. Doch das klappt nicht.

Bisher haben die Menschen in Berlin nicht viel von der spektakulären Produktion mitbekommen. Doch am vergangenen Freitag, am 29. von 78 Drehtagen, sah es rund um den Hausvogteiplatz in Mitte genauso aus, wie man sich einen Weltuntergang vorstellt. Am frühen Morgen hatte die Crew von der Requisite die Taubenstraße mit ihren gepflegten Altbauten und Büroetagen zur Katastrophen-Filmkulisse hergerichtet: Überall liegt Dreck, Mülltonnen qualmen, es herrscht Chaos in der verwüsteten Stadt. Die Menschen hetzen durch die Straßen, zur U-Bahn und plündern Läden. Alle haben Angst.

In einem altem Volvo sitzen zwei bekannte Schauspieler, umgeben von Scheinwerfern, Mikrofonen und Kameras. Henry Hübchen, der Mann am Lenkrad, beichtet seinem Sohn, gespielt von Fabian Hinrichs, eine Lebenslüge. Die Zeit drängt, kurz vor dem Weltuntergang spitzen sich die Konflikte in den Familien zu. Im Hintergrund dieser Szene rennen die Komparsen mit Taschen und Rucksäcken durch das Bild. Bewaffnete Polizisten patrouillieren.

Schnell erscheinen am Freitagmorgen die ersten Handyfotos dieser dystopischen Szenerie im Internet. Solche Szenen sieht man nicht oft. Der Drehort wird abgesperrt, Details der Handlung und Dialoge soll niemand mitbekommen. Zu groß ist die Sorge, jemand könnte Ideen der Serie kopieren und schneller vermarkten. Denn erst ab Herbst 2018 können sich Sky-Abonnenten die Serie „Acht Tage“ im Fernsehen anschauen.

Die Produzenten haben bekannte Schauspieler mit Rollen besetzt, allein drei Tatort-Kommissare spielen mit: Neben Hübchen und Hinrichs (Tatort Nürnberg) sind auch Mark Waschke (Tatort Berlin) und Christiane Paul als Eltern einer fliehenden Familie aus Berlin dabei, ebenso Devid Striesow (Tatort Saarbrücken), Nora von Waldstätten, Veit Stübner, Anna Lena Klenke und Claude Heinrich. Regie führen Michael Krummenacher („Heimatland“) und Stefan Ruzowitzky („Anatomie“, „Die Fälscher“, „Das radikal Böse“, „Die Hölle“).

In der Mittagspause steht der 55-jährige Oscar-Preisträger Ruzowitzky am Essenwagen gegenüber vom Gendarmenmarkt und rührt entspannt in einem Becher mit schwarzem Tee. Zum vierten Mal drehe er in Berlin, erzählt Ruzowitzky. Die Stadt sei für diese Serie sehr wichtig, es gehe schließlich um das politische Berlin mit seinen Regierungsgebäuden und Ministerien. Er mag die Berliner Kulisse, „diese Mischung aus historischen und neuen Gebäuden“.

Während die Filmcrew zwischen Schaschlik mit Bratkartoffeln und gebratenen Auberginen sowie frischem Salat und Schokocreme wählen kann, bekommen die etwa 50 Komparsen Spaghetti mit Tomatensoße. Ihr Quartier befindet sich in einem Gebäude der Humboldt-Universität am Hausvogteiplatz. Ein Hörsaal im Erdgeschoss dient in diesen Tagen als Warteraum für die Komparsen. Die Kostüme der Statisten hängen dort gut sortiert auf Kleiderständern: Hemden, Jacken, Schuhe, Pullover, Brillen. Die Maskenbildnerinnen schminken jedem Komparsen das passende Aussehen. Müde und lädiert sollen die Menschen aussehen. Bloß nicht erholt und gebräunt, erklärt eine Maskenbildnerin und zeichnet mit dunklen Farben Augenringe, Falten und eingefallene Wangen in die Gesichter.

Als Komparsen oft gebucht

Die Filmcrew ist freundlich. Der Zeitplan ist eng, jede Verzögerung erhöht die Kosten der Produktion. In diesem Gewusel den Überblick zu behalten, erfordert Konzentration und Ruhe. Der „seriöse Anzugmensch“ braucht jetzt dringend sein Kostüm. Eine Mitarbeiterin fährt sofort los und holt mehrere Exemplare aus dem Fundus. Ein Bus bringt die Komparsen zum nächsten Drehort ans Hotel in Tiergarten. Während der Fahrt unterhalten sie sich über ihre Jobs beim Film. Manche zählen Namen bekannter Serien und Schauspieler auf, einer erzählt von seiner Rolle als Leibwächter von Hitler im Film „Er ist wieder da“. Die meisten Komparsen sind erfahren und werden oft gebucht. In Berlin ist es nicht schwer, einen Job als Komparse zu kriegen.

Internationale Produktionen wie „You Are Wanted“, „Babylon Berlin“ „4 Blocks“, „Berlin Station“ und „Homeland“ wurden jüngst in Berlin und Brandenburg gedreht. Weitere Produktionen sind geplant, etwa „Der Ballon“ mit Michael („Bully“) Herbig, „Fack Ju Göhte 3“, „Buback“ von Dominik Graf, „Gundermann“ von Andreas Dresen und neue Folgen von „Hanni & Nanni“.

„Acht Tage“ bekam 500.000 Euro

Das Medienboard Berlin-Brandenburg fördert derzeit 31 neue Filmprojekte mit 4,8 Millionen Euro. Im Jahr 2016 gewährte die Einrichtung 26,5 Millionen Euro für internationale Projekte, „Acht Tage“ bekam 500.000 Euro. Zusammengerechnet arbeiteten die Filmfirmen 5000 Drehtage in der Region. „Berlin ist mit seiner wechselvollen Geschichte ein Ort voller Mythen, aber auch die Stadt der Kunst und der Freiheit, weltweit ein Sehnsuchtsort der Kreativen“, sagt Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin der Filmförderung des Medienboard Berlin-Brandenburg, der Berliner Zeitung. „Von Drama über Action bis Romantic-Comedy. Die Stadt bietet viele fantastische Originalmotive – von historisch zu gegenwärtig bis futuristisch.“ Und sogar bis zum Ende der Welt.