Berlin - Ein neues Kunst- und Kulturfestival in Berlin: Wer denkt da nicht sofort an die hippen Galerien in Mitte oder Kreuzkölln? Dass es auch ganz anders(wo) geht, wollen die Initiatoren von „Acht Tage Marzahn“ zeigen. Das Festival, das in dort spielt, wo viele nur Plattenbauten und Vorurteile verorten, findet Anfang Juli zum ersten Mal statt. Die Organisatoren arbeiten seit Monaten an ihrem Projekt – mit viel Herzblut.

Denn Kurator Stefan Kirste und sein Team eint nicht nur das künstlerische Dasein, sondern die Herkunft. Alle kommen aus Marzahn, haben dort die vielleicht prägendsten Jahre ihres Lebens verbracht, als Jugendliche. Dann zogen viele weg, um zu studieren oder im Ausland ihre Erfahrungen als Künstler zu machen. Der Bezug zur Heimat aber blieb – und der Wunsch endlich auch dort mal „was“ zu machen.

Zurück in den alten Kiez

Wer genau die Idee zu dem Festival hatte, können die Organisatoren nicht mehr sagen. „Die Idee lag wohl in der Luft“, so Kirste. Unabhängig voneinander hätten er und seine Freunde, also Künstler, die aus Marzahn stammen, schon länger das Bedürfnis verspürt, sich auch mit dem Bezirk und ihrer Biografie künstlerisch auseinanderzusetzen.

Das trifft auch auf Tobias Donat zu. Der 33-jährige Konzeptkünstler lebte und arbeitete in New York und Wien, jetzt in Frankfurt am Main. Seine Jugend allerdings verbrachte er in Marzahn. Für „Acht Tage“ kehrt Donat zurück in seinen alten Kiez. Sein Beitrag ist eine Installation auf dem Dach des Einkaufszentrums Eastgate am S-Bahnhof Marzahn. Donat wird ein Auto auf das dort gelegene Parkdeck stellen.

Das Versprechen von Individualität

Ja, klar: Das alleine wäre jetzt noch keine Kunst. Aber: „Erstens ist es nicht irgendein Auto, sondern ich möchte einen VW Polo Harlekin“, erklärt Donat. Der Wagen besteht aus lauter verschiedenfarbigen Karosserieteilen, wurde insgesamt nur 3600 Mal produziert. „Es geht um dieses Versprechen von Individualität, selbst in der seriellen Massenprodukton“, so Donat, der in der Marzahner Plattenbauwohnung aufwuchs.

Und zweitens wird in dem Auto ein besonderer Soundtrack laufen, so will der Künstler den Betrachter in einen „Soundscape“ eintauchen und selbst etwas erleben lassen. Beim Probehören hatte dieses Erleben für die Autorin viel mit Erinnerung und Nostalgie zu tun. Welche Musik aus den Autoboxen tönen wird, darf hier noch nicht verraten werden. Nur so viel: Es ist kein ganzes Lied, es sind nur Soundschnipsel, die dennoch genügen werden, um bei jedem Berliner, zumindest jedem ab 25 oder 30 Jahren, Assoziationen auszulösen.

Andere Teilnehmer des Festivals ziehen für ihr Projekt sogar zurück nach Marzahn. So zum Beispiel Franziska Pester, Eric Boden und Bastian Meyer. Sie machen gemeinsam Musik, nennen sich „Band Marzahn“ und leben jetzt in jenem Hochhaus, in dem Pester aufwuchs. Dort arbeiten sie an „11 Stock 11 Songs“. Das Ergebnis – wie der Name schon sagt, ein Album mit elf Liedern – wird im Rahmen von „Acht Tage Marzahn“ bei mehreren Konzerten zu hören sein.

Außerdem wird es eine limitierte Schallplatten-Edition davon geben. Der Werdegang der Bandmitglieder macht neugierig, auf das, was da zu hören sein wird: Pester arbeitete am Wiener Burgtheater unter anderem mit Christoph Schlingensief, hat aber auch Erfahrung als Theaterpädagogin an Schulen.

Es geht um den Dialog

Boden wiederum macht hauptsächlich elektronische Musik, arbeitet viel mit Samples von aufgenommen Geräuschen – zum Beispiel Hochhausklängen. Und Meyer spielte nicht nur solo und mit seiner Band Pirol viele Konzerte, er war auch Performer bei Schlingensief, hat eine Friseurausbildung und studiert Soziale Arbeit.

Aber: Nicht alle Künstler, die das Festival mitgestalten, kommen aus Marzahn. „Es war uns bei der Programmzusammenstellung genauso wichtig, Künstler von anderswo nach Marzahn zu holen oder ihre Werke dort zu zeigen. Bei „Acht Tage Marzahn„ geht es auch um Dialog“, so Kurator Kirste.

„Spannungsverhältnis von Selbst- und Fremdbild“ 

Lars Hübner zum Beispiel wuchs nicht in Marzahn, sondern in Rostock auf. Nach Berlin zog der 1981 geborene Künstler, um an der Kunsthochschule Weißensee Visuelle Kommunikation zu studieren. Jetzt arbeitet der 36-jährige Hübner hauptsächlich fotografisch. Bei „Acht Tage Marzahn“ wird er mit Jugendlichen aus dem Kiez arbeiten.

Das Ergebnis des Workshops soll ein Fotoprojekt sein, in dem sich die Jung-Marzahner mit dem nicht ganz einfachen Themenkomplexen „Spannungsverhältnis von Selbst- und Fremdbild“ sowie der „Dialektik von Inszenierung und Wirklichkeit in der Fotografie“ auseinandersetzen. Auch hier darf man gespannt sein.

Lars Hübner gilt übrigens selbst als großes Nachwuchstalent. 2016 gewann er den Preis „Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie“, einen der wichtigsten Nachwuchspreise für zeitgenössische Fotokunst.