Als ich jüngst las, Cappuccino-Mütter seien eine Gefahr für die Gleichberechtigung, wollte ich schon meinen Kaffee zurückgehen lassen. Der Vorwurf stammt aus einem Interview mit Barbara Stiegler, die als Frauenforscherin per definitionem auch eine Expertin für mich ist.

Zählt auch schwarzer Kaffee?

Meine einzige Entschuldigung: Der Kaffee war schwarz. Natürlich weiß ich, dass der Milchschaumgehalt in diesem Fall nicht zentral ist. Es geht um die Rollenkonstellation. Das an sich unschuldige Getränk steht schon seit einer Weile für Frauen, die sich in bestimmten Lebensphasen lieber um ihre Familien kümmern (also angeblich ständig im Café sitzen) als um ihre Berufstätigkeit.

„Das würde ich als Rollback bezeichnen, wenn Frauen dies als Selbstbestimmung definieren, anstatt auf die Strukturen zu gucken, die dazu führen“, sagte Frau Stiegler zu Spiegel Online. Die klassische Arbeitsteilung hätten die Cappuccino-Frauen ihren Müttern abgeschaut, würden aber der Illusion nachhängen, dass die Entscheidung freiwillig sei.

Das klingt, als könne die Forscherin es nicht fassen, dass sich jemand aus freien Stücken um sein Kind kümmert. Der freie Wille ist offenbar nur etwas für jene, die nach der Geburt schnell und viel arbeiten – allesamt aus Überzeugung und frei von strukturellen Zwängen.

Gruselige Familien-Arbeitsteilung

Es ist also nicht einfach, sich als weibliches Wesen im Sinne der Gleichberechtigung korrekt zu verhalten. Wer es zu gut mit seiner Familie meint, untergräbt die Bemühungen mancher Geschlechtsgenossinnen und bekommt das auch zu hören. So hat der jüngste Gleichstellungsbericht herausgefunden, dass Frauen immer noch mehr unbezahlte Hausarbeit verrichten als Männer.

Die Genderforscherin bezeichnet die Arbeitsteilung in vielen Familien als „gruselig“. Allerdings wäre die ganze Gender-Sache viel sympathischer, wenn sie auf ungebetene Bewertungen dieser Art verzichten könnte. Manche Familie, die eigentlich davon ausgeht, selbstbestimmt ihren Alltag zu gestalten, wäre über den ihr verpassten Horror-Stempel sicher überrascht.

Schöner wäre es auch, wenn die Argumentation zumindest teilweise den Gesetzen der Logik folgen würde, auch wenn Genderforschung natürlich keine Mathematik ist. Wer das Interview weiterliest, erfährt nämlich, dass die Cappuccino-Frauen nebenbei unbezahlte „Care-Arbeit“ leisten, die als Grundgerüst der Gesellschaft gilt. Dass Fürsorge für die Betroffenen enorme ökonomische Nachteile hat, ist unbestritten. Wer sich um Kinder, Haushalt oder pflegebedürftige Angehörige kümmert, hält vielleicht das soziale Leben am Laufen, ist aber selbst von Armut bedroht.

Care-Arbeitsplätze schaffen?

Man könnte an dieser Stelle darüber nachdenken, ob es nicht gerecht wäre, dass sich dieses Engagement zumindest bei den Rentenansprüchen spürbarer niederschlägt. Stattdessen fordert Barbara Stiegler im Namen der Genderforschung, die Fürsorge-Arbeit zu institutionalisieren.

Die öffentliche Hand möge Care-Arbeitsplätze schaffen und verwalten, zum Beispiel Bedürftigen gegen Gutscheine anbieten. Diese Tätigkeiten brauchen nämlich dringend eine Aufwertung, hieß es im gleichen Interview. Dem kann man wiederum zustimmen. Vielleicht lässt sich damit beginnen, dass man Frauen, die Familienarbeit leisten, nicht mit Milchschaum-Getränken betitelt.