„Ich kann tagelang wachbleiben.“ Tapferes Statement. Fester Blick, selbstsicher verschränkte Arme und überzeugtes Lächeln. So lässt Palina Rojinski keine Zweifel aufkommen: Sie ist das perfekte Gesicht für die aktuelle Kampagne, mit der Saturn dieser Tage ganz Berlin zukleistert.

MTV- und VIVA-erprobt hält Moderatorin Palina locker mit dem Berliner Sauseschritt mit. So locker wie sich das raumgreifend aufgeföhnte, rotgoldene Haar um Palinas aufgewecktes Antlitz schmiegt, sanft im Morgenlichte der Hauptstadt schimmert, während im Hintergrund erste Sonnenstrahlen den Fernsehturm wachküssen.

Sehen so Menschen aus, die bereits tagelang wach sind? Eher nicht. Ergo: Palina kann hier nicht gemeint sein. Da drängelt sie sich – ebenfalls ganz MTV- und VIVA-erprobt – knallig in die Bildmitte, versackt am Ende aber als Stafette. Den Star des Bildes sehen Sie weiter rechts: ein Sony-Smartphone. Genau, das ist gemeint.

Das kann nämlich tagelang wach bleiben – wegen der super Akkulaufzeit. Ganze zwei Tage Dauerbetrieb. Ohne Unterlass. Hui. Da muss Palina Schritt halten. Schlafen verboten. Ach, hätte sie doch nur ein Hirn wie ein Delfin. Dann könnte Palinas eine Hirnhälfte schlafen, während die andere Hälfte den Handyakku bis auf das wirklich allerallerletzte Ionen-Teilchen entleert. So freigebig war die Evolution bei Palina leider nicht.

Traurig, doch Neid auf Flipper ist kein guter Begleiter, Gram über das Komplettversagen der Biologie auch nicht. Aber da wäre ja noch die helfende Hand der Chemie. Und siehe da: Wie durch Zauberhand liegen drei fette Lines Aufputschmittel auf dem Smartphone-Display parat.

Koks, Amphetamine. Irgendein Pülverchen eben. Die sind natürlich nicht echt. Plakat weggekratzt, Palina aufgekratzt. Ratsch, ratsch, ratsch! Verblüffend wenig Arbeit, verblüffend starke Wirkung. Wohldosiert. So einfach geht das.

Alles wieder auf Linie

Das ist Adbusting par excellence: Werbung im öffentlichen Raum umgestaltet, den Sinn verdreht, entlarvt und vorgeführt. Ein Geniestreich aus den unbekannten Reihen der Kommunikationsguerilla. Mit einem Fingerschnipp Saturn, Sony und Palina drei Striche durch die Rechnung gemacht. Ha! Ein visuelles Détournement erster Sahne. Ist die Werbung auch noch so platt: Irgendeine Fußnote, ein Kommentar, eine Ergänzung findet sich doch immer, um tranige Kommerzbotschaften aufzuputschen.

Die Heidelberger Street-Art-Künstlerin Barbara – ursprünglich in Berlin aktiv – macht uns vor, wie das geht. Wegkleben, überkleben. „Das Kleben ist schön“.

Reklame hier, Verbote dort, einfach überall. Wer kann das alles schon unwidersprochen so im Raume stehen lassen?

Der Raum muss zurückerobert, am Schopfe aus dem „Konsumpf“ gezogen werden. Zeichen und Bilder gehören Berlin. Das Stadtbild gehört den Berlinern. Deswegen: Drei Lines auf das Display - und schon ist alles wieder auf Linie.