Menschen mit einer gewissen Neigung zur Panik mögen sich voriges Jahr nach dem letzten Konzert von Ich + Ich gesorgt haben: Was soll bloß aus dem Jungen werden?! Für Außenstehende sah der Sänger Adel Tawil so aus, als wäre er soeben vom musikalischen Kopf des Projekts, seiner Produzentin Annette Humpe, verlassen worden.

Während die Ich + Ich-Partnerin mit Max Raabe Songs aufnahm, fragte man sich, wie lange Tawil noch ohne neues Humpe-Songmaterial unterwegs sein könnte. Er selbst arbeitete da längst an seinem dritten musikalischen Leben nach den Jahren in der Boyband The Boyz und bei Ich + Ich. Tawil suchte und fand Ideen für Lieder, nahm sie auf und warf sie, wenn sich nicht umgehend mit ihnen ein Wohlgefühl einstellte, wieder weg. Adel Tawil arbeitete, mehr als anderthalb Jahrzehnte nach seinem Start im Musikgeschäft, an seinem Debütalbum als Solokünstler. Zuvor war er immer von anderen Leuten abhängig. Zunächst von den Produzenten von The Boyz, dann bei Ich + Ich von Annette Humpe.

Ohne die Einflüsterer

Die Leute, die wussten, dass er an einem Album arbeitet, waren ihm nicht immer eine Hilfe. Die einen beharrten darauf, dass Adels erstes Album unbedingt wie Ich + Ich klingen muss. Und die anderen waren felsenfest überzeugt, dass es dringend total anders klingen sollte. An so einer Konstellation kann man ganz gepflegt verzweifeln. Oder man macht es wie Tawil und verschwindet für vier Monate, um nach Jahren der Rastlosigkeit endlich mal zur Ruhe zu kommen und ohne die vielen Einflüsterer einige prinzipielle Entscheidungen zu fällen.

Das Ergebnis ist Adel Tawils Debütalbum „Lieder“, das am 8. November herauskommen wird. Der Titelsong, in dem er Zeilen aus Liedern, die für ihn wichtig waren, aneinanderreiht, erschien schon am Freitag und sendet das Signal, dass Tawil mit der Platte sein Leben erzählen will. Fans von Ich + Ich, immer etwas trostbedürftiger als die Fans anderer Bands, bedient er mit Titeln wie „Immer da“ und „Unter Wasser“.

So ganz ohne Annette Humpe ist das Tawil-Album dann übrigens doch nicht entstanden. „Als sie gesehen hat, dass ein Song nach dem anderen entsteht, ist sie mit eingestiegen. Sie hat ihre Kommentare abgegeben. Manche waren einleuchtend. Aber es gab auch Lieder, die ich genau so lassen wollte.“ Wenn er Annette Humpes Rolle bei der Entstehung seiner Platte beschreiben soll, dann benutzt Tawil den Begriff Beraterin: „Sie hat mich machen lassen. Aber ihr war auch wichtig, dass es gut wird.“

Kenner werden auf dem Album sofort einige Stellen entdecken, die nach Humpe klingen. Das Lied „Graffiti Love“ bietet sogar etwas Besonderes: Den Refrain singt Annette Humpe mit ihrer Schwester Inga Humpe, mit der sie schon bei den Neonbabies Popgeschichte schrieb. Adel Tawil ist sich der Ehre bewusst: „Dass sie zu mir ins Studio kommen und für mich den Chor singen, das ist natürlich absoluter Luxus.“

Manche Krise zu überstehen

Er erinnert sich noch genau an den Tag der Aufnahme: „Annette sagte zu mir: Adel, jetzt kriegst du den Schwesternsound!“ Nach zehn Minuten war alles aufgenommen. Tawil: „Ich bin so glücklich, dass die beiden das für mich gemacht haben. Ihre Stimmen verschmelzen zu einem geilen Gefühl.“ Während seiner Arbeit am Album, erzählt Tawil, hatte er manche Krise zu überstehen. „Zwischendurch habe ich in meinen Selbstzweifeln Simon Triebel von der Band Juli sogar mal geschrieben: ,Ich mache keine Musik mehr.' Und das meinte ich damals wirklich genau so.“

Doch dann arbeitete er sich mal wieder aus dem tiefen Tal der Depression nach oben. Tawil kennt das. Es gab eine Zeit, in der konnte er sich keine Wohnung leisten und schlief deshalb in seinem Tonstudio. Dann zog er in die 30-Quadratmeter-Wohnung seiner Freundin Jasmin Weber (die 2005 bis 2008 bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ spielte). Im September 2011 heirateten sie. Was die Fahndung nach dem passenden Partner fürs Leben anbelangt, fühlt Tawil sich bei seiner Jasmin längst angekommen: „Irgendwann war ich nicht mehr auf der Suche. Da ist sie doch!“ Nicht ganz sicher ist er sich, ob sein drittes musikalisches Leben auch das Finale sein wird: „Vielleicht kommt anschließend noch mal was ganz anderes.“ Aber im Frühjahr geht es erst mal auf Tournee durch die ganz großen Hallen von Deutschland. Am 29. März singt er dabei auch in der O2 World. „Wenn es etwas gibt, was ich zuletzt vermisst habe, dann war es das Livespielen.“

Auf der Tour wird er natürlich die Lieder des neuen Albums singen: „Aber ich lasse mir auch nicht Songs wie ,Vom selben Stern', ,Stark' und ,So soll es sein' entgehen, die mir bei Ich + Ich den größten Spaß gebracht haben. Und vielleicht singe ich ja sogar einen Boyz-Song...“