Wie darf man sich das Leben im Hause Dathe vorstellen? War Ihr Vater streng?

Mein Vater lebte für seine Arbeit. Ich bewundere ihn noch heute für seine vielen Publikationen und wissenschaftlichen Arbeiten, die er neben dem operativen Geschäft veröffentlicht hat. Unsere Mutter hielt ihm den Rücken frei und fungierte als seine Privatsekretärin, ohne je dafür bezahlt worden zu sein.

Oma und Tante kümmerten sich um den Gemüsegarten, den sie angelegt hatten, und um uns, wenn die Eltern auf Reisen waren. Mein Vater war eine dominierende Persönlichkeit, aber uns Kindern konnte er nie lange böse sein. Daher waren wir wahrscheinlich lebenslang seine schärfsten Kritiker.

Ihr Vater war international gut vernetzt. Haben Sie daran noch Erinnerungen aus Ihrer Kindheit?

Wir hatten viele Gäste im Tierpark und fast alle kamen zum Essen zu uns nach Hause. Heinz Sielmann, der Tierfilmer, der später die Sielmann-Stiftung gegründet hat, zum Beispiel. Aber auch Bernhard Grzimek, der langjährige Direktor des Frankfurter Zoos, der mit seiner Sendung im Hessischen Rundfunk ebenso populär war wie mein Vater im DDR-Fernsehen. Es gab keine gescheite Gaststätte in der Nähe des Tierparks, Mutter konnte gut kochen und zu Hause war die Atmosphäre auch viel intimer. Es wurde ein freies Wort geführt.

Keine Angst vor der Stasi?

Wir waren nie verwanzt. Das hätte ich gemerkt (lacht). Ich habe mich immer sehr für Elektronik interessiert und alle technischen Geräte auseinandergenommen. Auch für solche Basteleien bald wieder Zeit zu haben, freut mich.

Ist es nicht schwierig, den eigenen Vater als Chef zu haben?

Es war nicht so schwierig wie befürchtet. Ich hatte im Dresdner Zoo, wo ich nach dem Studium sechs Jahre tätig war, beim Nachfolger von Wolfgang Ullrich, Gotthart Berger, schon eine Menge gelernt und wuchs hier in meine Aufgaben rein.

Was macht ein Kurator?

Er ist für die Tiere in seinem Bereich zuständig, bei mir waren es die Kriechtiere und Lurche. Er stellt für die Zucht geeignete Paare zusammen, organisiert die Tiertausche und Transporte, führt penibel Buch über die Zu- und Abgänge in den einzelnen Arten. Er ist aber auch der Ansprechpartner für die Tierpfleger in seinem Bereich und koordiniert Bauarbeiten. Wir haben im Tierpark fünf Kuratoren, von der Ausbildung her sind drei Biologen und zwei Tierärzte.

Wo wohnen Sie eigentlich in Berlin, wenn ich fragen darf?

Gleich nebenan in der Tierpark-Siedlung hier in Friedrichsfelde. Meine Eltern hatten dort zu DDR-Zeiten ein kleines Häuschen gekauft, für den Fall, dass sie einmal aus dem Tierpark ausziehen müssten. Das haben meine Frau und ich ausgebaut. Ich kenne jeden Nagel und jede Sauerkrautplatte im Haus persönlich (lacht).

Ihr Vater hat aber bis an sein Lebensende in der Villa im Tierpark gelebt…

Ja, bis es diesen berühmten Kündigungsbrief aus dem Hause der Kulturstadträtin im Ostberliner Magistrat gab. Am 7. November 1990 hatten wir noch seinen 80. Geburtstag gefeiert – mit ziemlich großem Bahnhof. Vier Wochen später, mit Datum vom 7. Dezember, war er gefeuert. Am 6. Januar 1991 ist er dann gestorben, ohne den Tierpark noch einmal betreten zu haben. Er war gesundheitlich schon schwer angeschlagen, aber der psychische Druck und die Sorge um sein Lebenswerk haben sicher ihren Teil dazu beigetragen, dass der Tod dann am Ende so schnell kam.

War Ihnen beim Mauerfall 1989 sofort klar, dass es nun mit dem Zoo starke Konkurrenz für den Tierpark geben würde?

Im Prinzip ja, aber es hat ein paar Tage gedauert, da ich zunächst den Mauerfall nicht kapiert hatte. Ich sah Schabowski am Abend des 9. November im Fernsehen und verstand nicht, was er sagte. Wir hatten damals eine Familienfeier in Mühlhausen und meine Frau war schon dorthin vorgefahren. Ich sollte die Kinder am 10. November von der Schule abholen und nachkommen. Was ich auch tat.

Am Morgen des 10. November hörte ich im Radio, dass die Grenzen offen waren, und unterwegs beim Tanken sowie bei einer Autopanne spürten wir überall die freudige, gelöste Atmosphäre. Weil wir uns ziemlich verspätet hatten, dachte meine Schwiegermutter schon, ich wäre in West-Berlin geblieben (lacht wieder). Am 11. November haben wir dann einen Familienausflug ins Eichsfeld gemacht – zum Normannstein. Das ist ein Berg, der im Grenzgebiet stand und von dem man in den Westen schauen konnte.

Der Berg war früher nicht zugänglich, aber meine Schwiegereltern hatten ein Gemälde von ihm im Wohnzimmer an der Wand. Nun dort zu stehen, mit den vielen glücklichen Menschen zusammen, das war sehr emotional. In den Jahren danach haben meine Frau und ich die gewonnene Reisefreiheit auch weidlich genutzt.

Was steht jetzt noch auf Ihrem Plan?

Die chinesische Mauer würde ich gern noch sehen und Namibia vielleicht. Ansonsten müssen die Ziele nicht mehr so fern liegen.

Was war das schönste Erlebnis als Biologe in Ihrer Laufbahn?

2006 hatten wir endlich Nachwuchs bei den Stumpfkrokodilen erreicht, einer kleinen Art, die wie alle Krokodile vom Aussterben bedroht ist. Diesen Zuchterfolg hätte ich mir auch noch für die Seychellen-Riesenschildkröten gewünscht. Die zeigen jetzt manchmal schon ein Brunftverhalten, aber Kinder gab es bislang noch nicht.

Das Gespräch führte Karin Stemmler.