Hier in Köln herrschen klare Verhältnisse: Wer in der Lage ist, 1.785 EUR Kaltmiete vom monatlichen Netto abzuzweigen, wohnt innenstadtnah und mit genügend Raum um sich herum. Alle anderen finden sich früher oder später, gerade wenn sie sich mit dem Gedanken tragen oder getragen haben, das Team zu erweitern, in beengten Verhältnissen oder außerhalb der Stadtgrenzen wieder. Und das nur, um dann einem erstaunlichen Paradox zu begegnen, dem „Weniger-aber-mehr-Effekt“.

Es beginnt alles ganz logisch. Das Julchen (meine Frau) und ich haben also hochschwanger und auf den letzten Drücker unsere geliebte, sonnendurchflutete Zweizimmerwohnung mit der roten Küche in Köln-Ehrenfeld geräumt, um nach „draußen“ zu ziehen. „Wir brauchen ja jetzt mehr Platz“ hörte ich zu jener Zeit. Immer und immer und immer und immer wieder. Dachterrasse und ein Kinderzimmer waren die logische Konsequenz.

Das „Herrenzimmer“: Das echte Refugium für Männer

Was dann passiert, ist Folgendes: Außer zum Wickeln braucht man das Kinderzimmer erst einmal gar nicht. Inzwischen stehen da Wäscheständer, Packutensilien und gröberes Spielzeug rum. Im Umkehrschluss hat sich Herr von Bödefeld (so nennen wir unseren Sohn Theo), inzwischen robbend, des Wohnzimmers bemächtigt. Jenem Refugium, das wir (Männer, Typen, Kerle, gutgläubige, naive Idioten) in unseren stillen Träumen als Herrenzimmer konzipiert wissen wollten: Flatscreen in obszöner Größe, 5.1. Surround-Anlage, mächtige schwarze Klötze, die Musik abspielen oder verstärken, X-Box, Playstation, Wii, ein oberarmdickes Kabel, das den Zugang zum Internet sicherstellt und ganz viele Verteilerkästen und noch mehr Fernbedienungen, denen wir mit lässiger technischer Überlegenheit das Funktionieren anerzogen haben.

Abends dann, wenn die tiefstehende Sonne durch die Jalousien bricht, öffnen wir einen der zahlreichen Humidore, suchen nach dem geeigneten Werkzeug und bereiten eine Havanna mit einem Bunsenbrenner von Feuerzeug für die Happy-Hour des Tages vor. Dazu einen klitzekleinen Cuba-Libre und Wohlsein! So stellten wir uns das Leben im Herrenzimmer vor.

Ein Tänzchen um die Legosteine

Doch es kam anders. Dort, wo wir das Leben leben wollten, das uns seit Studientagen als erstrebenswert vorschwebte, liegen nun zahllose Plüschtiere, Türmchen, Ringe und Klötze herum. „Alles, was ich vom Tanzen weiß“, hat mal jemand getwittert, „habe ich von herumliegenden Legosteinen gelernt.“ Damals habe ich herzhaft gelacht, inzwischen ahne ich, was dahinter steckt: Der „Weniger-aber-mehr-Effekt“.

Machen wir uns nichts vor. Wir haben sehr viel Geld für einen Umzug und eine neue, größere Wohnung rausgehauen, um uns jetzt alle über den Raum herzumachen, der doch für Größeres bestimmt war. Mein Gefühl sagt, dass zwei Drittel der neuen Wohnung ungenutzt bleiben, seit sich Herr von Bödefeld auf seinem „La-Le-Lu-Drachen-Feldzug“ befindet. Wir haben jetzt alle weniger Platz für uns, aber mehr Wohnung drumherum! Es ist herrlich. Die Existenz von Hobby-Kellern und -Garagen führe ich übrigens auf genau diesen Effekt zurück, dann heißt er nur andersrum.

Der Text erschien ursprünglich auf ichbindeinvater.de.