Berlin - Die Polizisten kommen zu spät. Viel zu spät. Erst 22.28 Uhr rollt ein Polizeiwagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern über die Admiralbrücke. Im Schneckentempo. Gleich werden die Beamten ausschwärmen. Gleich ist es mit der Romantik vorbei. So wie jeden Abend. Die Brücke soll Punkt 22 Uhr geräumt werden, damit die Anwohner ruhig schlafen können.

Hunderte Menschen pilgern an lauen Sommerabenden zur alten Brücke über den Landwehrkanal. Sie stören sich nicht daran, dass es dort eine Sperrstunde gibt wie sonst nirgendwo in Berlin. Im Gegenteil. Die Polizisten gehören inzwischen zu einer Sommernacht auf der Admiralbrücke dazu wie das Abendrot über dem Kanal, die Tüte Chips und das Bier.

Einer der romantischsten Plätze der Stadt

An die 200 Menschen haben sich an diesem Abend pünktlich bei Anbruch der Dämmerung auf der Brücke versammelt. In der Regel komme etwa die Hälfte von ihnen aus der Gegend, die andere Hälfte seien Touristen, schätzt ein Polizist. Die Menschen sitzen auf Pollern, Bord- und Pflastersteinen, sie plaudern, spielen Backgammon, ein Mann liest Marc Aurel, fünf Franzosen spielen Karten. Zwei von ihnen arbeiten seit zwei Jahren bei einem Internet-Unternehmen in Berlin, die anderen sind Freunde aus Paris. Früher sei es schöner gewesen, als noch all die Musiker, Künstler und Jongleure kamen, sagt einer.

Über Jahre hatten sich Anwohner über Lärm und Müll beklagt, weil auf der Brücke oft bis in die Nacht gefeiert wurde. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg schickte zunächst Mediatoren zum Beschwichtigen. Weil das nichts half, kommt seit letztem Jahr die Polizei. Seitdem ist es in der Tat ruhiger geworden, Musiker kommen nicht mehr, bestätigen die Polizisten. Auch größere Touristengruppen bleiben weg.

Voll ist es trotzdem bei schönem Wetter. „Die Admiralbrücke ist nun mal einer der romantischsten Plätze der Stadt“, sagt ein Mittzwanziger, der in der Nähe wohnt. Das Ehepaar Lauckner aus Schleswig ist zu Besuch bei seinem Sohn in Neukölln und von der Stimmung fasziniert. Von diesem „friedlichen Beisammensein“, den „lächelnden Gesichtern“, dem „sehr angenehmen Getümmel“, wie beide sagen.

Das „Getümmel“ ist für manchen ein gutes Geschäft. Für den 49-jährigen Kreuzberger etwa, der mit seiner Frau auf der Brücke und an den Ufern des Kanals unterwegs ist, um leere Bierflaschen zu sammeln und in einen Trolley zu stecken. Wenn es super laufe, kämen an einem Abend schon mal 400 Flaschen zusammen, sagt er. Er ist arbeitslos, er sagt, das Sammeln lohne sich auch dann für ihn, wenn es nur fünf Euro bringe. „Hier herrscht so eine Flower-Power-Stimmung, die Leute sitzen da mit ihrem Bier in der Hand, quatschen und sind zufrieden, wenn ich ihre leeren Flaschen mitnehme.“

Andrang im Zeitungsladen

Die vollen Flaschen gibt’s im kleinen Zeitungsladen an der Ecke, wo immer eine lange Warteschlange an der Kasse steht. Der Inhaber hat vor geraumer Zeit seinen Lagerraum wegen des Andrangs in einen Verkaufsraum umgewandelt. Sechs Meter lang ist dort die Kühlschrankfront, es gibt mindestens 20 Sorten Bier. Die Regale vorn sind gefüllt mit Tüten voller Chips.

Wenn der Polizeiwagen über die Brücke rollt, ist das für einige bereits das Zeichen zum Aufbruch. Andere warten darauf, dass die Polizei sie anspricht, auch wenn sie längst wissen, worum es geht. Es ihre Art von Protest gegen die tägliche Aktion. Die Beamten sind zu allen ausgesprochen höflich. Man bitte darum, die Brücke zu verlassen, heißt es. Oder „Seid Ihr bitte so nett und geht?“ Fragt doch mal jemand nach dem Grund, erklären die Polizisten, dass die Anwohner ihre Ruhe bräuchten, dann wünschen sie „einen schönen Abend noch“. Exakt zwölf Minuten hat es an diesem Tag gedauert, bis die Brücke leer ist. Das Volk zieht in die Kiez-Kneipen oder auf die Wiesen am Kanal, einige gehen einfach nach Hause. Gespenstisch liegt die Admiralbrücke dann da im Schein der Gaslaternen.