Adolf Wermuth (1855–1927) auf einer Gartenbank, vermutlich 1912. Er lebte mit Familie in einer Dienstwohnung im Schloss Buch, Sommersitz der Bürgermeister.
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BerlinIn verrückten Zeiten, von 1912 bis 1920, war Adolf Wermuth Oberbürgermeister von Berlin. Er leistete Erstaunliches. Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs milderte er die Lebensmittelkrise in der Stadt, indem er durch Rationierung eine gerechtere Verteilung der knappen Waren zwischen Reichen und Armen sicherte. Er gründete das Stadtarchiv, führte das Goldene Buch ein, organisierte Eingemeindungen, bereitete die Übernahme der Elektrizitätsgesellschaft in städtische Hände vor.

Seine größte Leistung vollbrachte der parteilose und prinzipienfeste Politiker vor 100 Jahren: Mit klarem Blick und Pragmatismus nutzte er die Gunst der Stunde, um endlich Groß Berlin möglich zu machen und damit die Voraussetzungen für die Entwicklung der Metropole zu schaffen.

Woran liegt es, dass die Stadt dem Mann und seiner historischen Tat bis heute die Anerkennung verweigert? Nicht einmal ein Ehrengrab wird ihm zugestanden. Zweimal lehnte die Senatskanzlei entsprechende Anträge ab. Ein dritter Antrag ruht seit einem Jahr in den Schubladen des Roten Rathauses.

Kein Knecht werden

Adolf  Wermuth, 1855 als Sohn eines Polizeidirektors in Hannover geboren, darf als preußischer Beamter der besten Sorte gelten: promovierter Jurist, loyal, fleißig, zuverlässig. Weltläufigkeit erwarb er als Organisator der deutschen Beteiligung an den Weltausstellungen in Melbourne und Chicago. Er baute den Reichswetterdienst mit auf, verwaltete die Insel Helgoland. 1904 stieg er als Unterstaatssekretär ins Reichsschatzamt auf und 1909 als Staatssekretär in die Reichsregierung. In seinen Lebenserinnerungen, die er 1922 unter dem Titel „Ein Beamtenleben“ veröffentlichte, formuliert er als inneren Leitfaden: „Der Beamte darf nicht Knecht seiner Laufbahn werden.“

Zu seinem Amtsantritt als Oberbürgermeister von Berlin im September 1912 hielt er eine programmatische Rede von erstaunlicher Klarheit: den städtischen Grundbesitz weise vermehren, die Elektrizitätsversorgung in kommunale Hände holen und die vielfältigen sozialen Einrichtungen pflegen, alles, „soweit die Mittel der Stadt es erlauben“.  

Kommunale Anarchie

An die erste Stelle seines Arbeitsprogrammes aber setzte er die weitere Zusammenführung Berlins und seiner Umgebung – der selbständigen Städte, Gemeinden, Güter, etc., die längst von der Ausdehnung der Stadt erfasst waren. Obwohl seit  1. April 1912 der Zweckverband existierte, der für ein Territorium mit 4,2 Millionen Einwohnern galt,  kooperierten die Umlandgemeinden nur widerstrebend.

Vielmehr konkurrierten sie weiter miteinander. Jede Gemeinde legte eigene Systeme an. Es gab 40 Gas-, 60 Kanalisations- und 17 Wasserbetriebe im Großraum, dazu 15 Elektrizitätsversorger. Kommunale Anarchie verhinderte Maßnahmen, die die Vernunft geboten hätte. Nach Wermuths Einschätzung  wirkten sich die Zustände am schlimmsten im Verkehrs,  Wohnungs- und Bebauungswesen aus. Ein Rohr durch das Gebiet einer anderen Gemeinde zu leiten oder ein neues Verkehrsmittel, das Menschen durch „fremdes Terrain“ transportieren sollte, bereitete unendliche Probleme.

Übermächtige Vororte

Beharrlich vorangetrieben von Oberbürgermeister Wermuth gelang immerhin im Zweckverband der Kauf von 10 000 Hektar Wald rund um Berlin. Der „Dauerwald“ wurde so der Spekulation und Bebauung entzogen – im Wesentlichen bis heute. Zudem schwärmten Beauftragte des Zweckverbandes aus, um weitere Landgüter zu erwerben – weite Flächen für Rieselfelder zur Aufnahme der städtischen Abwässer.

Präzise analysierte Wermuth, was im Zweckverband nicht oder zum Nachteil Berlins funktionierte: „Der Versuch, Städte, Landgemeinden und Gutsbezirke lose aneinanderzukitten anstatt ein einheitliches Ganzes aus der Gesamtheit der Bevölkerung wachsen zu lassen, führte notwendig auch dazu, Alt-Berlin im Stimmrechte zurückzusetzen, damit es doch nicht allein den Ausschlag zu geben imstande war. Nun befand es sich in einer fast hilflosen Minderheit, sobald die Vororte und Kreise sich zusammentaten.“

Grab von Adolf Wermuthund seiner Frau Marie im Schlosspark Buch. Der Wahlspruch: Sei fröhlich in Hoffnung!
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Als Ausweg sah Wermuth zunächst, „der alten Stadt eine Anzahl von willigen Gemeinden einverleiben – sodass Macht und Stimmzahl Berlins stiege“. Das scheiterte an den Kosten und am Widerstand unwilliger, reicher Gemeinden wie Schöneberg und Charlottenburg, die ihre Eigeninteressen zu wahren trachteten. Den Rest verhinderte die preußische Regierung, getrieben von der ewigen Angst vor dem „roten Berlin“ mit seiner sozialdemokratischen Mehrheit. Man stelle sich vor, das färbe auf das Umland ab!

Mit Kriegsende stürzten massive Probleme auf die deutsche Hauptstadt ein. „Jetzt gehts ums Ganze“, schrieb Wermuth über das Jahr 1918. Er hatte zwischen Abdankung des Kaisers, drohender bolschewistischer Revolution, Auftritten glühender Arbeiter- und Soldatenräte und kaisertreuen Militäreinheiten Ordnung und Sicherheit zu wahren.

Vertrauen der Volksbeauftragten

Sichtlich am Gemeinwohl orientiert besaß Wermuth hinreichend großen Respekt, um nun den Räten als Partner zu erscheinen. Man vertraute ihm das Schicksal der Stadt weiterhin an. Wie er selber berichtet, blieben seine „Beschlüsse unbeanstandet, weil es mir durch vertrauensvolle Fühlung gelang, den Volksbeauftragten die Sicherheit zu verschaffen, dass ihren Wünschen und Anregungen die gebührende Beratung im Magistrat zuteil wurde.“

Nach den Wahlen von 1919 verfügten die Sozialdemokraten beider Richtungen – SPD und USPD – in der Stadtverordnetenversammlung über eine Zweidrittelmehrheit, und so entstand die historische Chance, endlich das Projekt Groß-Berlin Realität werden zu lassen. Unter Wermuths Führung und dem Druck der Verhältnisse wurde das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ ausgehandelt und durchgesetzt (siehe Infobox).

Zweckverband und Groß Berlin

Zweckverband: Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Lichtenberg, Neukölln und Spandau sowie die Kreise Niederbarnim und Teltow schlossen sich 1912 zum Zweckverband zusammen. Seine Zuständigkeiten beschränkten sich auf Verkehr, Bebauung und Erholungsflächen.
Vorläufer: 1862 legte Regierungsbaumeister James Hobrecht den „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ vor, der privaten Landbesitzern Minimalvorgaben für den Aufbau metropolitaner Strukturen machte. Die große Reform: Die Gebietserweiterung gelang mit der Annahme des Groß-Berlin-Gesetzes am 27. April 1920 – nach Krieg, Revolution und Schaffung der ersten deutschen Republik.
Abstimmung: In der Verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung votierten SPD, USPD und Teile der DDP (Deutsche Demokratische Partei) dafür, DNV (nationalkonservativ), DVP (nationalliberal) und Zentrum dagegen. Das Gesetz wurde mit 164 zu 148 Stimmen bei drei Enthaltungen angenommen.

Um die Sorgen der Städte und Gemeinden zu besänftigen, ersannen die Väter Groß-Berlins eine duale Struktur: Neben die zentralen Instanzen Magistrat und Stadtverordnetenversammlung traten 20 Verwaltungsbezirke: „Dann mochte innerhalb der doch auch geschichtlich gewachsenen kleineren Bezirke ein fröhliches Eigenleben weiterblühen“, kommentierte Adolf Wermuth. Die Kompetenzen zwischen den beiden Ebenen verteilte das Gesetz vage.

So ist das bis heute. Fragt zum Beispiel der britische Guardian „Warum ist Berlin so dysfunktional?“, kommt er auf die Doppelstruktur, die zum Verschieben von Zuständigkeiten und Verantwortung zwischen Senat und Bezirken verlockt. Generation um Generation drückt sich vor Reformen. Vor Jahren stellte die sogenannte Alt-Kommission wieder einen Katalog der Notwendigkeiten auf. Die Senatskanzlei ist zuständig, die Reform steht aus.

Keine Lobby für den Wackeren

Groß-Berlin befreite die Stadt ohne Zweifel von alten Fesseln: Vor allem die Zusammenfassung von Gas-, Wasser-, Elektrizitätsversorgung sowie die Schaffung eines gemeinsamen Verkehrsbetriebes in städtischer Hand schuf Verhältnisse, die man bis heute als nachhaltig, weitsichtig und vernünftig preisen darf. Daran hat Adolf Wermuth einen grandiosen Anteil. Woran liegt es nur, dass er bis heute im Vergessen gehalten wird? Er war uneitel, freute sich an Erfolgen, nicht an Ruhm. Und: Weil er keiner Partei angehörte, fand er keine Lobby, die seine Verdienste für sich nutzten konnte. Zeit, das zu ändern.