Heute ist ein Adventskalender nicht selbstverständlich. Es muss plastik- und zuckerfrei sein. Am besten selbstgemacht und schön da es in die sozialen Medien ein besseres Eindruck macht. 
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BerlinEs war ein Freitagabend Mitte November, als ich den Fehler machte, kurz bei Instagram vorbei zu schauen. Ein Bild eines Adventskalenders tauchte auf, und zwar einer dieser handgemachten, selbst gefüllten. „Na, habt ihr euch schon euren Adventskalender gebastelt“, schrieb eine Mutter darunter. In meinem Magen krampfte sich etwas zusammen. Adventskalender! Das hatte ich völlig vergessen.

Jedes Jahr bricht zum 1. Dezember ein Wettbewerb unter Müttern aus: Selbst die emanzipiertesten, modernsten Frauen, Firmenchefinnen, Fraktionsvorsitzende, schieben Nachtschichten nach dem Vollzeitjob, um ein Bild des selbstgebastelten Kalenders in den sozialen Medien hochladen zu können.   An dieser Leistungsschau beteiligen sich natürlich nur Mütter. Oder schon mal einen Vater stöhnen gehört: „Hilfe, ich muss noch 24 nachhaltige, plastik- und zuckerfreie Einzelteile für den Kalender besorgen?“

Als ich klein war, hatte ich einen Schokoladen-Kalender. Schon klar, lange her, andere Zeit. Damals kämpften wir gegen den Mangel, heute müssen wir uns gegen den Überfluss wehren. Im Advent drehen all die konsumkritischen Mütter und Väter durch. Fast alle Spielzeugmarken bieten eigene Produkte, es gibt Kalender von Lego, Playmobil und Peppa Wutz, es gibt Kalender für Männer, Frauen, Kinder und Hunde. Was soll ich meinen Kindern besorgen? Mein Mann, Kind der mageren britischen Siebziger, sagt: „Ich hatte damals einen Kalender mit Bildern, darüber hab ich mich gefreut.“ Das war jetzt auch keine Hilfe.

In meinem Umfeld, unter den akademischen, berufstätigen Müttern, scheinen Mitte November alle besser vorbereitet als ich. Die einen füllen selbst die Jutebeutel, strikt ohne Plastik, wegen Greta. Bei nicht-bastelnden Jungsmüttern steht Lego hoch im Kurs. Eine Freundin lobt einen Kalender, den man mit „Tiptoi“-Stift benutzen kann. Ich googele erstmal „Tiptoi“ und lerne, dass es ein elektronischer Stift ist, der Geräusche, Sprache und Musik wiedergeben kann. Ich erinnere mich an das Plastik-Buch, das meine Eltern meinem Sohn zum ersten Geburtstag geschenkt hatten und das dafür sorgte, dass ich monatelang das Lied „Die Affen rasen durch den Wald“ im Kopf hatte. Aua.

Warum immer dieser Druck? Es sind ja nicht nur die Adventskalender, sondern auch Kindergeburtstage, Familienurlaube, Arbeitszeiten. Jeder Bereich des Lebens hat sich in eine Sportarena verwandelt, das hat der Soziologe Andreas Reckwitz kürzlich in der FAZ bemerkt. Dauernd wird verglichen, nicht nur im direkten Umfeld,  sondern unter hunderten Unbekannten, die ihre Erfolge oder scheinbare Erfolge öffentlich darstellen. Dauernd wird einem gesagt, man müsse gewinnen wollen. Ein Gewinner sein wollen. Wer nicht mitmacht, muss sich rechtfertigen. Und wenn man sich in den sozialen Medien umguckt, scheint es auch nur noch Gewinner zu geben. Keine Verlierer mehr.

Ich wünschte, ich könnte diesem Druck besser standhalten. Aber ich schaffe es auch nicht. Ich habe dieses Jahr nicht nur einen, sondern zwei Schokoladenkalender besorgt, einen für meinen Tochter und einen für meinen Sohn. Mit echtem Zucker. Und ja: Ich bin ein bisschen enttäuscht von mir selbst.

Sabine Rennefanz liest aus neuen Kolumnen am 22. 1. im 20 Uhr im Pfefferberg Theater bei Literatur Live, Moderation: Cornelia Geißler. Tickethotline: 030/93 93 58 555