Berlin - Irgendwo habe ich mal gehört: „Bei vierzig beginnt das Altsein der Jungen und bei fünfzig das Jungsein der Alten.“ Der Spruch bereitet auf die lange Phase einer Überschneidung vor – von der Ahnung zur Gewöhnung. Es braucht Zeit, das Alter zu akzeptieren, weil das Gefühl einen anderen Kalender führt. Gestern war ich doch noch jung. „Aber du siehst jung aus“, sagen die Freunde. Pause. „Für dein Alter.“

Ich bin ein Jahrgang mit Udo Lindenberg, Cher, Franz Beckenbauer, Bill Clinton, Dolly Parton, Wim Wenders und Liza Minnelli, mit Bewohnern von Altersheimen und armen Leuten, die in Mülltonnen nach Pfandflaschen tasten.

Mein ganzes Leben wohne ich in Mitte. Als kleines Mädchen kam ich einmal zu spät zur Schule, weil ich auf einem Markstück stand, das ein Mann verloren hatte und lange suchte: Das war Friedrichstraße/Ecke Oranienburger. Ich lebte immer mit Bahnen, Bussen, Ampeln, Hochbahnen, Unterführungen, mit Baustellen, Gerüsten, Rolltreppen. Türen öffnen sich, Züge spucken Leute aus, Züge atmen Leute ein, Türen schließen sich. Mein Lebensgefühl: eine Eilige unter Eiligen.

Strumpfhose im Sägeblatt

Ungefähr vor zwanzig Jahren spürte ich im Monbijoupark eine Irritation: Warum waren da plötzlich so viele erkennbar jünger als ich? Die Jugend verschwand nie mehr, vereinnahmte Berlin. Aus meiner Gegend war nach dem Mauerfall eine Szene geworden – Autostrich, Table Dance, besetzte Häuser, illegale Clubs. Als Reporterin ging ich überall hin, geschützt durch den beruflichen Auftrag. Im Kunsthaus Tacheles bat mich ein Zauberkünstler während einer Vorstellung um eine Assistenz auf das Podium. Weil ich wie alle Gäste statt an einem Tisch an einem großen Sägeblatt saß, zerriss ich beim Aufstehen die Strumpfhose und stand als ältere Schlampe vor jungem Publikum.

Das ist ein deutliches Alterszeichen: Ich fühle mich nicht mehr überall am rechten Fleck. Unsereiner passt nicht ins Berghain und andere Techno-Clubs. Vom Stehen bei Rockkonzerten bekomme ich Rückenschmerzen. Ich kenne die Stars der Berliner Lesebühnen nur vom Namen. Ich bin auch nicht mehr durchtrainiert: Für meine Schwebebalken-Kür gab es eine Eins beim Abitur, jetzt bin ich froh, wenn Treppen ein Geländer haben, weil abwärts das Balancegefühl nachlässt. Ich bevorzuge Niederflur-Straßenbahnen: Das sind die mit tief liegenden Böden, man muss nicht sich und schwere Einkäufe über zwei sehr hohe Stufen wuchten.

Kürzlich erzählte ein Malermeister aus Parlow, dem Kranichdorf in der Schorfheide, dass er in Berlin gerne arbeiten, aber nie leben könnte: der Lärm, der Dreck, Menschenmassen, feindliche Autofahrer. Und über den Dächern könne nie der ganze Himmel stehen. Während der Rückfahrt freue er sich auf Landschaft und Stille. Auf Vertrautes, Überschaubares. Manchmal stelle ich mir eine radikale Ortsveränderung vor, aber es ist nur das Gedankenspiel einer Großstädterin.

Manche ältere Menschen ziehen aufs Land. Aber viel mehr ziehen in die Stadt – wenn sie sich das finanziell leisten können. Versorgung, ärztliche Betreuung funktionieren besser als in schrumpfenden Dörfern. Die Zuzügler wollen ihre Wege zu Fuß erledigen, kein Auto brauchen.

Um 2030 wird jeder Jahrgang, der in Rente geht, doppelt so groß sein wie der Jahrgang, der einen Beruf beginnt. Wir haben zu wenige Kinder bekommen, als wir es noch gekonnt hätten. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen wird bis 2030 um mehr als sechs Prozent steigen. Das ist ziemlich bald. Wie werden die vielen Alten altersgerecht wohnen können?

Schon 1960 gründete ein Unternehmer Sun City in Arizona. Die 60.000 Bewohner, die mindestens 55 Jahre alt sein müssen, bilden eine homogene Gruppe aus der Mittelschicht, 97,3 Prozent sind weiß. Die Senioren erleben mit Sport und Unterhaltung dauerhaften Urlaub, allerdings hinter Mauern und von außen ziemlich abgeschirmt, auch von der Familie.

In Deutschland gehören Rentnersiedlungen eher zu kleineren Orten. Nahezu überall entstanden in den vergangenen Jahren 50-plus-Wohngemeinschaften. Initiativen in größeren Städten fördern das generationenübergreifende Wohnen, viele Ältere, auch aus den alten Bundesländern, ziehen nach Görlitz oder Leipzig – günstigere Mietpreise in kulturreichen Städten verbessern ihr Leben.

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