Berlin - Sie trägt eine lange weiße Kittelschürze, die gute Seele der Sophienstraße. Ihr schwarzer Pullover hat graue Ränder an den Ärmeln. Vom Mehl, das hängen bleibt, wenn sie durch ihre Backstube streift. Waldtraut Balzer hat freundliche weiche Gesichtszüge. Denn sie lächelt oft.

Dass sie noch immer jeden Tag zwölf Stunden in ihrer Bäckerei in der Sophienstraße 30 arbeitet, ist eigentlich ein kleines Wunder. Nicht nur, weil sie 81 Jahre alt ist. Weil die Gelenke manchmal nicht mehr richtig wollen. Waldtraut Balzer hat vor allem den Spekulanten-Wellen standgehalten, die seit der Wende über die Spandauer Vorstadt in Mitte kamen. Die dort die Mieten explodieren ließen und alteingesessene Bewohner und Gewerbetreibende verdrängten. Heute wird die Sophienstraße in Reiseführern als Kleinod am Rande der Hackeschen Höfe angepriesen. Ihre Geschichte als Handwerkergasse, in der einst Tischler, Goldschmiede und Fassmacher arbeiteten, hat sie abgestreift. Nur Waldtraut Balzer, sie ist noch da, mit dem Geschäft ihrer Eltern von 1926, der ältesten Bäckerei in Mitte.

Während vorn im kleinen Verkaufsraum zwei Mitarbeiterinnen die Kunden bedienen, steckt sich Balzer hinten im Bürozimmer eine Zigarette an. Die resolute Frau mit den ondulierten weiß-grauen Haaren und der schwarzen Brille sitzt an einem Tisch mit Wachstuch. Ihr gegenüber hängt ein vergilbter Massage-Gutschein. „Von Deine Mädels“, steht darunter. „Wir sind hier die Kiezbäckerei“, sagt Waldtraut Balzer. „Wir arbeiten noch mit Händen.“ Backautomaten, wie man sie heute allerorten in Konditoreien findet, lehnt sie ab.

„Diese Bäcker drücken doch nur noch auf den Knopf, und die Hörnchen springen raus.“ In der Backstube neben ihr strahlt der große Ofen noch Wärme ab, stapeln sich die Mehlsäcke, wartet in einer Anschlagmaschine die Nusscreme auf ihren Einsatz. „Das Backen habe ich mir abgewöhnt“, sagt Waldtraut Balzer. Das übernehmen heute ihre sechs Mitarbeiter. Die alte Dame macht die Buchhaltung, bestellt neues Mehl und bereitet Rezepte vor. „Das gehört zu meinem Leben. Mein Kopp ist ja noch klar.“

Ihre typischen Berliner Backwaren, der Schusterjunge, die Kümmelstange, und der Pfannkuchen, sind weit über die Grenzen des Kiezes, ja sogar der Hauptstadt beliebt. Bestellungen kommen aus Lübeck und Paris. Vor der Ladentheke hört man alle möglichen Sprachen. Ein junger Mann, Mitarbeiter eines Startups, tritt mit einem Kastenbrot auf die Straße. „Wir kaufen hier jeden Tag unser Brot“, sagt er. „Schmeckt einfach besser, und die sind so nett hier.“

Ungewöhnliche Laufbahn

Vielleicht liegt es einfach am Geschmack, vielleicht daran, dass Touristen in Berlin das Authentische suchen. Vielleicht ist es aber auch Waldtraut Balzer selbst, die vor allem dann hinter die Ladentheke gerufen wird, wenn Fremdsprachen gefragt sind. Sie spricht fließend Englisch und Französisch, Italienisch versteht sie noch gut, nur Spanisch hat sie zu lang nicht praktiziert, wie sie sagt.

Waldtraut Balzers Berufslaufbahn ist höchst ungewöhnlich, jedenfalls für eine Bäckerin, und für eine DDR-Bürgerin allemal. Ihr Vater, ein Chemiker, war in den 20er Jahren Minister für Nahrungsmittel in Danzig, ihre Mutter Drogistin. Abitur machte sie auf einem französischen Gymnasium. Während ihre Schwester Edith Scholz in den Westen ging und später als Fernsehjournalistin drei Grimme-Preise erhielt, studierte sie Anfang der 50er Jahre in Berlin und an der Pariser Sorbonne Romanistik, Anglistik und Wirtschaftsrecht.

In Frankreich wurde ein Textilmaschinenkonzern auf sie aufmerksam, der Leute mit Verbindungen zur DDR suchte. „Ich wurde Prokuristin und war für den Verkauf in mein eigenes Land zuständig“, sagt Balzer. Mit ihrem internationalen Pass habe sie problemlos reisen können. Das änderte sich nach dem Mauerbau, Ende der 60er Jahre. „Als ich eines Tages zu einer Messe fahren wollte, standen zwei Männer vor meiner Tür und erklärten mir, dass ich nicht mehr für einen ausländischen Konzern arbeiten dürfe“, erzählt sie. Man bot ihr einen neuen Job an. „Aber ich habe geantwortet, da verkaufe ich lieber mein Leben lang Brötchen in der Bäckerei meiner Eltern.“

Sie half bei der Mutter in der Backstube aus und arbeitete nebenbei als Dolmetscherin. Anfang der 80er Jahre ließ die SED-Bezirksleitung die Sophienstraße aufhübschen, Häuser wurden saniert, Handwerker wieder angesiedelt. Die Bäckerei zog auf die andere Straßenseite. 1987, nach dem Tod ihrer Mutter, entschied sich Waldtraut Balzer, die Bäckerei weiterzuführen. Im Herbst 1989 stellte sie Protestplakate in ihr Schaufenster.

Die Volkspolizisten, die sie verhaften sollten, erzählt sie, seien wieder gegangen, weil man sie als Brötchenlieferantin schätzte. Ihre Meinung sagt Balzer auch heute noch. „Toleranz beginnt damit, zu akzeptieren, dass der andere anders ist“, steht vorn über der Gebäckauslage neben der Registrierkasse. Als ein Vermieter sie rauswerfen wollte, rief sie beim Bezirksbürgermeister an und lauerte Klaus Wowereit beim Friseur auf. Der Mietvertrag wurde verlängert. Nächstes Jahr läuft er wieder aus.