Die Kontrolleure kamen vor drei Wochen, es war ein Nachmittag so kurz nach vier. Polizei und Ordnungsamt, drei Leute. Van Dan Le wusste gleich, was sie wollen. Es war ein Sonntag, und der 53-Jährige hatte seinen Laden geöffnet. Das ist verboten für ein Geschäft, wie Herr Le es betreibt.

Seit 19 Jahren im Geschäft

„Lekr – Der Kaufmann nebenan“ steht über dem Laden im Bötzowviertel in Prenzlauer Berg. Es ist ein Wortspiel aus Herrn Les Namen und dem seines Freundes, Herrn Kranz, der hat ihm einst beim Einrichten des Ladens geholfen. Herr Le hat alles, was seine Kunden brauchen: Obst, Gemüse, Brot, Kuchen, Saft und Süßigkeiten, Bier und Wein. Batterien und Grußkarten. Fragen Kunden nach Waren, die er nicht im Sortiment hat, besorgt er sie am nächsten Tag. „Die Nachfrage wird immer größer“ sagt Herr Le. Vor allem der Bereich mit Biowaren. Es ist eng, Kisten stapeln sich, die Kunden müssen sich vorsichtig durch die Reihen schlängeln.

Seit 19 Jahren führen Van Dan Le und seine Frau Thi Hong Thuy Nguyen das 180 Quadratmeter große Geschäft im Bötzowviertel. Etliche Prominente leben dort in teuren Altbauwohnungen, Schauspieler, Schriftsteller, Musiker. Die Mieten sind hoch, auch für Gewerbeflächen. Doch wenn man sparsam lebt, kommt man zurecht, sagt Herr Le. Jeden Morgen um 5 Uhr fährt er zum Großmarkt, abends arbeitet er lange. Harte Arbeit ist er gewöhnt. Seine Eltern hatten eine Obstplantage in der südvietnamesischen Provinz Tien Giang.

Das Kiezzentrum der Bötzowstraße

Nach der Schule bekam er zum Studium in die DDR. An der Technischen Universität Ilmenau in Thüringen studierte er Kybernetik, wurde Ingenieur und zog nach Berlin. Er arbeitete im Elektroapparatewerk Treptow. Die Wende machte den jungen Ingenieur arbeitslos, er jobbte in Imbissen und auf dem Großmarkt. Dann fand er den Eckladen in der Bötzowstraße – jahrelang eine sichere Adresse zum Einkaufen, auch sonntags offen. Und Herr Le ist immer da. Ohne Mittagspause, ohne Urlaub.

Der Sonntag sei sein umsatzstärkster Tag, sagt Herr Le. Dann treffen sich bei ihm die Nachbarn. Zum Einkaufen, weil sie etwa vergessen haben und zum Quatschen, weil sie sonntags mal Zeit dafür haben. Der Laden von Herrn Le ist das Kiezzentrum, sagen die, die dort wohnen.

Doch jetzt ist alles anders. Seitdem die Polizei da war, lässt Herr Le seinen Laden sonntags geschlossen. Er will keinen Ärger. Die Polizei hat ihm nach der Kontrolle einen Brief geschrieben. Ein Ermittlungsverfahren läuft gegen ihn. Er habe seinen Laden „innerhalb der gesetzlichen Ladenschlusszeiten“ geöffnet. Außerdem sei eine Waage nicht gültig geeicht gewesen. Um Herrn Le kümmern sich jetzt Kriminalbeamte der Abteilung 331, zuständig für Finanzermittlungen, Geldwäsche und Wirtschaftskriminalität. Es klingt, als gehöre Herr Le zu einem asiatischen Clan.

„Man könnte das Gesetz lockern“

Sonntags müssen Geschäfte geschlossen bleiben. An diesem Tag gilt die Sonntagsruhe, legt es das Gesetz fest. Die Kirche will das so – und auch die Gewerkschaft, im Sinne der Arbeitnehmer. Es gibt allerdings Ausnahmen und um diese wird seit Jahren heftig gestritten. Vor allem, seitdem das Ordnungsamt in Neukölln an Sonntagen mit großem Eifer Spätverkaufsstellen kontrolliert und sie mit hohen Geldsummen bestraft hat. Späti-Besitzer warfen den Behörden Willkür vor, Kunden forderten eine liberale Lösung. Soll man den Berlinern doch ihre Spätis lassen.

Etwa 1000 Spätverkaufsstellen gibt es in Berlin. „Sie gehören zu Berlin“, sagt Anja Kofbinger, Grünen-Abgeordnete und Späti-Unterstützerin. Erst im Juni hat ihre Partei einen Beschluss verabschiedet, das Gesetz zu ändern. „Die Sonntagsöffnung der Spätis in Berlin ist jahrzehntelang gelebte Praxis“, heißt es darin. Der Senat solle das Berliner Ladenöffnungsgesetz ändern, damit Verkaufsstellen auch an Sonn- und Feiertagen öffnen dürfen. „Man könnte das Gesetz lockern“, sagt Anja Kofbinger, „aber die Politik bewegt sich nicht.“

Tiefkühlpizza und Dosengerichte verboten

Ihre Parteifreundin, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, verweist darauf, dass Berlin bundesweit das liberalste Ladenöffnungsgesetz habe. Sie plädiert für einen lockeren Umgang. „Spätis gehören zur Kiezkultur“, sagt sie der Berliner Zeitung. „Es wäre bedauerlich, wenn durch restriktives Handeln der Bezirke gewachsene Kiezkultur verschwinden würde.“ Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) sagt dagegen, eine Änderung des Gesetzes sei nicht vorgesehen.

Erst 2016 hat ein Rechtsgutachten des Wissenschaftlichen Parlamentsdienstes im Auftrag der SPD die Bedingungen festgelegt, unter denen Geschäfte sonntags von 13 bis 20 Uhr öffnen dürfen. Sie dürfen nur Bedarfsartikel für Touristen verkaufen, also Stadtpläne, Zeitungen, Andenken, Tabakwaren, und Lebensmittel zum sofortigen Verzehr, also Getränke, Süßwaren, Eis, belegte Brötchen, Obst, und abgepacktes Eis. Nicht erlaubt sind Lebensmittel zur Zubereitung, also Tiefkühlpizza, Dosengerichte, und Waren auf Vorrat, etwa große Wachmittelpackungen.

Doch Herr Le versorgt keine Touristen, sondern seine Nachbarn. Er verkauft auch Pizza und Dosengerichte. Das dürfe er auch, sagt der Pankower Stadtrat, Daniel Krüger (für AfD), zuständig für das Ordnungsamt. „Aber eben nicht am Sonntag!“ Krüger wehrt sich gegen die Behauptung von Anwohnern, den Laden von Herrn Le aus politischen Gründen kontrolliert zu haben. „Wir haben eine Anwohnerbeschwerde erhalten, und darauf müssen wir reagieren“, sagt er. „Die Gesetze werden nicht in Pankow gemacht.“
Stefan Gehrke lebt seit 15 Jahren im Bötzowviertel, er organisiert das Sommerfest im Kiez mit, betreibt eine Facebook-Seite zum Bötzowkiez und arbeitet in einer Kommunikationsagentur in Sichtweite von Herrn Les Laden. Oft geht er dort einkaufen, auch sonntags. „Kieze leben von solchen Läden“, sagt der 53-Jährige und beschließt, Herrn Le und seiner Frau zu helfen.

Protest mit 1000 Unterschriften

Am Montagnachmittag veröffentlichte Gehrke eine Unterschriftenliste im Internet. Darin heißt es, besonders sonntags sei der Laden die letzte Rettung, wenn etwas in der Küche fehle, oder endlich Zeit für einen kleinen Einkauf sei. Im Laufe weniger Stunden unterschrieben mehr als 500 Menschen die Petition, Mittwochnachmittag sind es über 1000. „Wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob dieses Ladenschlussgesetz noch zeitgemäß ist“, sagt Gehrke. Es sei auch nicht bürgerfreundlich. „Wenn es bei dem Verbot bleibt, besteht die Gefahr, dass der Laden dauerhaft schließen muss.“

Herr Le sagt, seitdem der Laden sonntags geschlossen bleiben muss, seien die Umsätze spürbar gesunken. Doch er will kompromissbereit sein und schlägt den Behörden vor, einen anderen Tag in der Woche zu schließen. Am Montag vielleicht. Doch es geht nicht um einen anderen Tag. Es geht um Sonntag. Und der ist immer noch heilig. Auch in Berlin.