Der Mann und sein Filter: Projektleiter Detlef Gürtler.
Foto: Christian Schulz

BerlinDer Herbst steht bevor, Berlin muss sich nach drinnen verlegen. In der Bekämpfung der Corona-Pandemie bedeutet das eine besondere Herausforderung. Denn in geschlossenen Räumen verbreiten sich Aerosole – winzige Partikel, an denen das Coronavirus haften kann – besonders gut. Zurzeit rüsten Schulen, Museen, Theater und Unternehmen aller Sparten deswegen ihre Lüftungsanlagen auf. Zahlreiche Anbieter fluten den Markt. Auch die von Ökonom Günter Faltin gegründete Projektwerkstatt in Dahlem will mitmischen: Sie hat mit einem mittelständischen Unternehmen einen Hochleistungsfilter entwickelt, den sie „Virenfänger“ nennt.

88 Zentimeter hoch ist das Gerät, ein unauffälliger Holzkasten, in dem ein Hochleistungsfilter der Stufe H14 steckt. Seit diesem Mittwoch steht der „Virenfänger“ in den Räumen der Projektwerkstatt zur Begutachtung aus und rauscht vor sich hin. Er saugt verbrauchte Luft aus dem Raum, filtert sie in seinem Innenraum und bläst sie wieder aus. Auf diesem Weg, versichern Projektwerkstatt und Hersteller, entferne der Filter staubförmige Gefahrstoffe ebenso wie Bakterien und Aerosole bis zu einer Größe von 0,3 Mikrometern aus der Raumluft. 675 Kubikmeter Luft pro Stunde reinigt der Filter so – in einem 35 Quadratmeter großen Raum tauscht er mit dieser Leistung circa sechs Mal pro Stunde verbrauchte gegen gereinigte Luft. 970 Euro kostet der Filter.

Liegt die Ansteckungsgefahr danach im Raum bei null? Nein, gibt Projektleiter Detlef Gürtler unumwunden zu. „Die Gefahr, sich über Schmier- oder Tröpfcheninfektion anzustecken, kann kein Filter mindern.“ Deswegen gelte weiterhin: Je näher man sich komme, desto sinnvoller sei es, Maske zu tragen. Auch sich mit einem Filter im Raum über Aerosole anzustecken, sei nicht ausgeschlossen. Wenn ein 35-Quadratmeter-Raum zum Beispiel mit zu vielen Personen gefüllt werde, wenn man zu nah aneinander stünde, sei nicht gewährleistet, dass der Filter rasch genug arbeite. „Eine hundertprozentige Sicherheit kann ich nicht geben – wie jeder andere auch“, sagt Gürtler.

In der Entwicklung hieß der Filter noch „Reiner", jetzt „Virenfänger“

Foto: Christian Schulz

Die Aerosol-Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Auch die Senatsgesundheitsverwaltung kann am Mittwoch die Frage nicht beantworten, wie sinnvoll die von der Projektwerkstatt angepeilten Parameter zur Bekämpfung des Coronavirus sind. „Uns liegen leider keine Informationen zu Ihrer Frage vor“, teilt sie mit. Ob sie als für die Virusbekämpfung zuständige Gesundheitsbehörde sagen kann, was Filter im besten Fall leisten sollen? Keine Antwort.

Eine Studie der Bundeswehr-Universität in Neubiberg von Anfang August kommt zu dem Schluss: Raumfilter könnten dauerhaft für eine geringe Virenlast sorgen, ohne dass man sich um das Öffnen von Fenstern kümmern müsse. Sie sorgten – besser als die freie Lüftung mit Fenstern – auch dafür, dass eine wirkliche Reduzierung der Virenlast erfolgt. Mobile Filter böten den Vorteil, dass Viren abgeschieden und nicht über Lüftungsschächte im Gebäude verteilt werden. Aber: Die Forscher der Bundeswehr-Universität nutzten für ihre Tests einen Filter, der Aerosolpartikel mit einem Durchmesser von 0,1 bis 0,3 Mikrometer aus der Luft filtert – also noch kleinere Teilchen als das Gerät der Projektwerkstatt.

Die Verzweiflung bei manchem Unternehmer ist so groß wie die Unsicherheit bei den offiziellen Stellen. „Da hat sich ein ganz neuer Markt geöffnet“, sagt Detlef Gürtler. Die Angaben vieler Hersteller seien unklar, oftmals verberge sich hinter einem günstigen „Hochleistungsfilter“ einfach nur ein günstiger Filter, von Hochleistung keine Spur. Gürtler sagt, die Projektwerkstatt, die vor allem zu fairer Ökonomie arbeitet, wolle in diesen Markt mit einem fairen Angebot vorstoßen.

Eine Unternehmerin und ein Lehrer waren gleich an Tag eins zur Begutachtung des Filters in der Projektwerkstatt. Für Klassenzimmer, in denen konzentriert gearbeitet werden soll, aber ist der Filter bisher ungeeignet, die Lüftung zu laut. Auch für Clubs und Diskotheken könne er nicht die Rettung sein, sagt Gürtler. Denkbar sei sein Einsatz zurzeit vor allem in Kitas, kleineren Cafés und Imbissen, in Arztpraxen und Konferenzräumen.