Am Auguste-Viktoria -Klinikum in Schöneberg haben Ärzte und Pflegekräfte gekündigt.
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BerlinAuf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen wechselt fast eine ganze Klinikabteilung eigenmächtig das Krankenhaus. Elf Ärzte und 27 Pflegekräfte haben am Zentrum für Infektiologie und HIV des Berliner Auguste-Viktoria-Klinikums gekündigt. Sie kehren dem Vivantes-Konzern, zu dem das Haus in Schöneberg gehört, aus Protest den Rücken. Ab 1. April wollen sie eine ähnliche Abteilung im kirchlichen St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof aufbauen. Nur einige wenige Ärzte und Pfleger bleiben bei Vivantes.

„Die Belastung für Ärzte und Pflegekräfte ist hoch, die Situation ist angespannt“, sagt ein Vivantes-Mitarbeiter der betroffenen Abteilung. Man hoffe auf bessere Bedingungen im St. Joseph Krankenhaus, das zu einem kirchlichen Träger gehört. Bis Ende März sind die elf Ärzte und 27 Pflegekräfte noch am Auguste-Viktoria-Klinikum angestellt, der Betrieb läuft bis dahin also weiter.

Chefarzt wechselt nicht ins St. Joseph

Entgegen der Berichte anderer Medien wird der bisherige Chefarzt Keikawus Arastéh nicht in das St. Joseph Krankenhaus wechseln, wie dessen Sprecherin Corinna Riemer klarstellt. Arastéh, der als internationale Koryphäe in der Aids-Forschung gilt, geht in Rente. Neuer Chefarzt am Krankenhaus in Tempelhof soll nach Informationen der Berliner Zeitung Dr. Hartmut Stocker werden, bisher noch Oberarzt am Vivantes-Standort in Schöneberg. Nach dem Ausscheiden von Arastéh habe der Vivantes-Konzern eine Umstrukturierung geplant, wie   Wolfgang Albers (Linke) sagt. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Abgeordnetenhaus kennt den Vorgang. „Die Angestellten waren schon lange mit der Arbeitssituation unzufrieden“, sagt er. Als   die Umstrukturierung näherrückte, sei es offenbar zum Streit gekommen. Es ging   dabei auch um die Frage, wer neuer Chefarzt wird.

Die Mitarbeiter wurden nicht abgeworben, sondern haben sich im vergangenen Sommer aktiv in mehreren Berliner Kliniken mit Ideen vorgestellt. Wie Corinna Riemer sagt, sei ein sehr engagiertes Team auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber gewesen. Nach langen Gesprächen sei man sich einig geworden, sagt sie. „Das Team will   die besondere Versorgung der an einer Infektion erkrankten Menschen gewährleisten. Unser Haus bietet für sie die mutmaßlich besseren Bedingungen zum Arbeiten“, sagt Corinna Riemer weiter.

St. Joseph will ähnliche Abteilung aufziehen

In der neuen Abteilung am St. Joseph Krankenhaus sollen Menschen mit HIV und seltenen infektiologischen Erkrankungen wie beispielsweise Malaria oder Tuberkulose behandelt werden. Auch Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert sind, können hier perspektivisch versorgt werden.

In der Klinik plant man ein Abteilung mit 23 Betten für den stationären Aufenthalt, darunter zwei Isolierzimmer für schwerere Fälle. Ebenso soll es eine Tagesklinik für Aids-Patienten geben.   „Wir haben unsere Stationen umorganisiert und Räume geschaffen. Diese werden jetzt saniert“, sagt Corinna Riemer.

Offene Stellen sollen nachbesetzt werden

Vivantes ist hingegen um Schadensbegrenzung bemüht. Das Zentrum für Infektiologie und HIV am Auguste-Viktoria-Klinkum stelle sich neu auf, heißt es. „Dazu gehört auch, dass offene Stellen nachbesetzt werden“, sagt eine Sprecherin. Stellenausschreibungen findet man derzeit im Internet. Auch einen Nachfolger von Keikawus Arastéh sucht Vivantes gerade.

Die eigenmächtige Wechsel der Mitarbeiter war am Dienstag auch Gesprächsthema während der Senatssitzung. Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD), amtierender Aufsichtsratvorsitzender des landeseigenen Krankenhaus-Konzerns, sagte: „So ein Fall ist für jede große Klinik schade. Für Vivantes ist der Weggang der Belegschaft ein Verlust.“   Es werde jetzt Zeit, mit neuen Leuten eine neue Abteilung aufzubauen. Diese soll sich stärker um ambulante Patienten kümmern.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hofft, dass dieses Vorgehen in der Berliner Krankenhaus landschaft nicht Schule macht. Wolfgang Albers kritisiert die Schwächung eines landeseigenen Krankenhauses: „Wir haben nicht einen Pfleger mehr und nicht einen Patienten weniger“, sagt er. „Das ist keine Lösung, das ist eine Flucht.“ Sicher könnte die Arbeitsbelastung jetzt sinken. Denn das gleiche Team habe bei Vivantes elf Betten mehr zu betreuen gehabt. Kirchliche Häuser zahlten geringe Tarife und hätten keinen Betriebsrat, stellt Albers klar.