Rathenow - Warteschlangen sind für Großstädter nichts ungewöhnliches: Große Technikmärkte eröffnen mit Sonderangeboten, die Menschen stehen sich Stunden zuvor die Beine in den Bauch. Neue Computerspiele werden um Mitternacht präsentiert, der Andrang ist riesig. Auch in Rathenow (Havelland) haben zu Wochenbeginn viele Menschen Schlange gestanden. Die ersten waren gegen 6 Uhr gekommen, bei Schnee und Kälte. Sie harrten aus – nicht etwa für ein Sonderangebot, sondern für einen Termin beim Augenarzt.

Zeitweise standen in der Paracelsusstraße bis zu 260 Menschen, um bei der neuen Augenärztin vorstellig zu werden. Die promovierte Medizinerin Renate Mellentien hatte die vor sechs Monaten geschlossene Praxis übernommen und am Montag, 8 Uhr, erstmals Sprechstunde. „Wir haben zehn Stunden durchgearbeitet“, sagte die Ärztin. „Den Ansturm bewältigen wir schon. Niemand wird weggeschickt.“

Planung nach Bedarf

Unzählige Termine wurden vergeben und auch einige Patienten behandelt – nicht allzu viele, weil der Erstbesuch bei einem neuen Arzt meist länger dauert.

Mit schlechter Organisation hat die lange Schlange nichts zu tun, sie zeigt vielmehr den Facharztmangel in der Region. Drei Augenärzte gibt es in Rathenow, Mitte vorigen Jahres ging eine Ärztin in den Ruhestand. Ihre Stelle blieb ein halbes Jahr vakant. Das bescherte den übrigen Praxen übervolle Wartezimmer. „Dass es bei der neuen Augenärztin am ersten Tag voll wird, war klar“, sagt Ralf Herre, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg, „aber dass so ein Andrang herrschen wird, damit hatte wohl niemand gerechnet.“

Dabei gilt der Kreis bei der Anzahl der Augenärzte groteskerweise sogar als überversorgt. Neun Augenärzte praktizieren im Havelland. „Nach der alten Bedarfsplanung dürften es nur acht sein“, sagt Herre. Die bundesweite Bedarfsplanung stammt nach seinen Worten aus dem Jahr 1993. Gerade das Flächenland Brandenburg komme dabei besonders schlecht weg. „Wir haben hier viel mehr ältere und chronisch kranke Menschen als in den alten Bundesländern“, sagt der KV-Sprecher. Lange sei man gegen die Planung Sturm gelaufen.

Jetzt bewege sich endlich etwas. „Ab 1. Juli wird es eine neue Bedarfsplanung geben“, sagt Herre. Er hoffe, dass sich die Lage damit entspanne. Damit könnten Ärzte zielgenauer auch in Berlinferne Gegenden vermittelt werden. Dann allerdings könnte es ein neues Problem geben: „Es gibt nicht genug Ärztenachwuchs“, sagt Herre. Doch nicht nur fehlende Augenärzte sind in Brandenburg ein Problem. Auch andere Spezialisten sind selten. Im Kreis Prignitz zum Beispiel, im äußersten Nordwesten , gibt es laut KV nur einen Hautarzt.