Schwedt - Zum Schluss hatte die Klinikleitung nicht einmal mehr die Wahl, ob sie ihre Kinderstation vielleicht weiter betreiben will oder doch schließt. „Wir hatten einfach keinen Arzt mehr. Wir mussten diese Station dicht machen“, sagt Michael Jürgensen, Geschäftsführer des Asklepios Klinikums in Schwedt (Uckermark). Die Klinik gibt es seit 1975, so lange gab es im größten Krankenhaus der heutigen Uckermark auch immer eine Kinderstation. Seit Dienstag gibt es sie nicht mehr. Damit ist die letzte Kinderklinik des sehr dünn besiedelten Kreises dicht. In Prenzlau, der Hauptstadt der Uckermark, war die Kinderstation bereits vor Jahren geschlossen worden. Der aktuelle Fall ist der Höhepunkt der Auswirkungen des dramatischen Ärztemangels in den ländlichen Gebieten Brandenburgs.

Jahrelange Suche

Nun müssen die Eltern mit ihren schwer kranken Kinder ins nördliche Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern nach Pasewalk fahren oder in den südlichen Landkreis Barnim nach Eberswalde – Fahrzeit von Schwedt: jeweils mindestens 45 Minuten. In der Schwedter Station lagen immer 10 bis maximal 20 Kinder. Zuletzt waren es 17 kleine Patienten, die Lungenentzündungen hatten oder gebrochene Beine oder bei deren Asthma und Pseudokrupp behandelt wurde. „Sie wurden vor der Schließung zu Ende behandelt“, sagt Jürgensen. Vier Kinder wurden in die Klinik Eberswalde verlegt.

Zweieinhalb Jahre lang kämpfte die Schwedter Klinik um den Erhalt ihrer Kinderstation. Ursprünglich gab es drei Fachärzte und zwei Assistenzärzte in Ausbildung. Erst ging ein Oberarzt aus persönlichen Gründen, dann wechselte der zweite Oberarzt in eine Praxis. Die Klinik schaltete Stellenanzeigen, ließ sogenannte Headhunter nach Ärzten suchen und startete sogar persönliche Abwerbeversuche. Doch es ist schwer, Fachärzte zu finden, die in die entlegenen Grenzregion ziehen wollen. „Außerdem sind Kinderärzte wie Goldstaub“, sagt Jürgensen. „Sie werden bundesweit gesucht.“ Ende vergangenen Jahres fand sich dann ein ausländischer Arzt, der in die Uckermark wollte. „Aber er entsprach nicht unserem Qualitätsanspruch und die Zusammenarbeit endete noch in der Probezeit“, sagt Jürgensen.

So gab es nur noch den Chefarzt und Honorarkräfte, die sonst immer als Urlaubsvertretung einspringen. „Dann erkrankte am vergangenen Wochenende der letzte Facharzt der Abteilung und fällt für längere Zeit aus“, sagt Jürgensen. „Es gab nur noch zwei Ärzte in Ausbildung. Damit war das Ende besiegelt.“

Monatelange Wartezeiten

Der Ärztemangel ist inzwischen bundesweit chronisch, aber in Brandenburg ist er besonders dramatisch. Nach Angaben der Landeskrankenhausgesellschaft fehlen allein in den Kliniken 160 Ärzte. Außerdem sind viele Landarztpraxen unbesetzt. „Wir haben bundesweit die geringste Dichte von ambulanten Ärzten pro Einwohner“, sagt Ralf Herre, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung. Derzeit sind 120 Hausarztsitze nicht besetzt. Im Land fehlen zudem acht Fachärzte. „Das klingt wenig, aber wenn in einem Kreis nur drei HNO-Ärzte praktizieren, dann reißt es ein Riesenloch, wenn ein weiterer aufhört.“ Beispielsweise gibt es im gesamten Kreis Prignitz nur einen einzigen Hautarzt, und die Wartezeit auf einen Termin beim Augenarzt beträgt landesweit drei bis vier Monate.

Die Schwedter Klinik hat sich nun ans Potsdamer Gesundheitsministerium gewandt. „Unser Ministerium hat angeboten, bei der Lösung des Problems zu helfen“, sagt Sprecherin Alrun Nüßlein. Am Freitag soll es ein Arbeitstreffen geben, bei dem ausgelotet werden soll, ob verschiedene Kliniken der Region kooperieren können.

Die Schwedter Klinik braucht zwei Fachärzte, um die Kinder-Station wieder zu öffnen. „Jeder qualifizierte Arzt ist willkommen“, sagt Geschäftsführer Jürgensen. Doch die Suche wird schwer. „Schon jetzt haben wir 30 Prozent ausländische Ärzte. Ohne sie hätten wir die Klinik gar nicht weiter betreiben können.“