Der Wahlabend am vergangenen Sonntag war noch nicht vorbei, da war schon der Problemfall identifiziert: der ostdeutsche Mann. Keine andere Partei wählten die ostdeutschen Männer so oft wie die AfD, fast jeder Dritte hat bei den Rechtspopulisten sein Kreuz gemacht, bei den Frauen waren es nur 17 Prozent.

Auch in Bayern und Nordrhein-Westfalen haben viele AfD gewählt, aber nur in Sachsen sind die Rechtspopulisten stärkste Partei geworden, und auch in Städten wie Gera oder Cottbus liegen sie vorn. Was ist los mit dem ostdeutschen Mann?

Wer in den vergangenen Jahren in Ostdeutschland unterwegs war, den dürfte das Ergebnis nicht besonders überrascht haben. Die Wut gärte schon seit langem, nicht bei allen, aber bei vielen. Seit der Wiedervereinigung 1990 wurde der ostdeutsche Mann gedemütigt, verlassen, vergessen, belächelt, ignoriert – nun hat er zurückgeschlagen.

Und seit dem Wahlabend ist er nicht mehr der Loser, der Arbeitslose, das Opfer, nein, endlich ist er die Gefahr, endlich interessiert sich mal jemand für ihn, hört ihm zu.

Duell zwischen ostdeutschen Männer und Frauen

Vor einigen Jahren schrieb die amerikanische Journalistin Hanna Rosin ihr vieldiskutiertes Buch „Vom Ende der Männer“. Sie stellt darin die These auf, dass Männer größere Schwierigkeiten mit wirtschaftlichen Umbrüchen haben. Frauen seien flexibler, eignen sich schneller neue Fähigkeiten an, arbeiten sich in neue Rollen hinein, Männer seien zu starr, zu unflexibel.

Das Buch handelt nicht von Ostdeutschland, aber wenn man sich heute an die Thesen Rosins erinnert, klingen sie wie ein Vorgriff auf den deutschen Wahlabend. Sie schrieb von den Frauen, die fleißig die Familie über Wasser halten, sogar Spitzenjobs erklimmen, während die Männer überfordert zu Hause sitzen.

In weiten Strecken fühlte sich der Wahlabend gar wie ein Fernduell zwischen ostdeutschen Männern und Frauen an. Die einen saßen in den wichtigen Talkshows der Republik, Frauen wie die Sozialdemokratin Manuela Schwesig, und lieferten die besten Redebeiträge, die entschlossensten Auftritte, die anderen, die Männer, saßen zu Hause, fernab in Cottbus, in Gera, in der Sächsischen Schweiz.

Nun könnte man es so machen, wie es seit Jahren gemacht wird, wenn der Osten mal wieder falsch gewählt hat, man könnte sagen, sind halt alles Nazis und dann wieder weggucken. Doch wäre das nicht die Gelegenheit, dass Politik und Medien genauer hingucken, was in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung schief gelaufen ist, mit echtem, langfristigem Interesse? Ohne Arroganz? Ohne Abscheu?

Wenige haben es nach der Wende nach oben geschafft

Während die ostdeutsche Frau schon zu Wendezeiten besser ankam, als tüchtig galt, attraktiv, experimentierfreudiger, hat der ostdeutsche Mann seit langem ein Imageproblem. Er taucht in den Medien meist als Klischee auf, arbeitslos, Nazi, nimmt Crystal Meth. Es gibt zwar erfolgreiche ostdeutsche Männer, Schriftsteller wie Uwe Tellkamp oder Clemens Meyer, den Sänger Tim Bendzko, den Schauspieler Florian Lukas. Aber wenn über sie berichtet wird, gelten sie nicht als Ostdeutsche.

In den siebenundzwanzig Jahren nach der Wende haben es nur wenige ostdeutsche Männer nach oben geschafft. Es gibt unter den knapp zweihundert Topmanagern Deutschlands mehr Amerikaner als ostdeutsche Männer.

Es gibt keine einzige überregionale Zeitung, die von einem ostdeutschen Mann geführt wird. Ostdeutsche Männer verdienen meist weniger als ihre Kollegen im Westen, sie haben weniger Besitz, weniger Sicherheit.

Der demografische Bruch nach der Wende war beispiellos und hatte auch gravierende Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis im Osten. Nach dem Zusammenbruch der Industrie in den östlichen Bundesländern haben zwischen 1990 und 2006 rund 1,2 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen und sind in den Westen gegangen – knapp acht Prozent der Bevölkerung.

Sie suchen Trost und Anerkennung

Wenn man vorankommen wollte, dann funktionierte das lange Zeit nicht im Osten. Es gingen vor allem die Ehrgeizigen, die Gebildeten – und die Frauen. 55 Prozent der Abgewanderten seit 1989 waren Frauen.

In den Dörfern und Kleinstädten blieben die Männer, die nicht hinterher kamen mit all dem Wandel, und um ihre Angst zu verbergen, kauften sie sich Waffen und Camouflageanzüge, sie träumten von Ordnung, Führung. Im Neid, im Hass auf die Flüchtlinge, viele von ihnen auch männlich, Single, zeigt sich eine tiefere Identitätskrise, eine Heimatlosigkeit.

Was die ostdeutschen Männer für sich suchen, einen Trost, eine Anerkennung, Heimat, werden sie in der AfD, nicht finden. Das ist das Tragische an dieser Wahl.