Berlin - Fünf Jahre lang war Stefan Komoß von der SPD Bürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, doch bei der Wahl wurde seine Partei nur noch drittstärkste Kraft im Bezirk. Trotzdem wirkt Komoß nicht politikmüde, sondern eher wie jemand, der noch viel vorhat, im rot-rot-grünen Senat zum Beispiel. In den Koalitionsverhandlungen vertritt er die SPD in der Arbeitsgruppe Bildung.

Viele Hartz-IV-Empfänger, Horrorschulen, AfD-Hochburg – sind Sie froh, dass Sie künftig nicht mehr Bürgermeister von Berlins schlimmstem Bezirk sind?

Ich bin traurig darüber, dass ich nicht mehr Bürgermeister bin. Ich hätte noch einige Ideen gehabt, wie man den Bezirk voranbringen kann. Marzahn-Hellersdorf mag einen schlechten Ruf haben, gerechtfertigt ist das nicht. Bei uns gibt es vergleichsweise weniger Arbeitslose als in anderen Bezirken.

Die Jugendarbeitslosigkeit wurde dank der Anstrengung des Bezirksamtes in den vergangenen drei Jahren um zwei Drittel reduziert. Das ist ein sehr guter Erfolg. Auch unsere Schulen können sich sehen lassen. Es gibt weniger Sanierungsbedarf als in anderen Bezirken.

Trotzdem hat die SPD massiv verloren, in einigen Gegenden von Marzahn-Hellersdorf wurde die AfD stärkste Partei. Wie weit sind Sie mit der Fehleranalyse?

Die AfD hat in zwei sozial schwierigen Wahlkreisen Direktmandate gewonnen. Eines davon hat eine junge Mutter erobert, sie hat noch nie eine politische Aussage gemacht, kein Plakat von sich aufgehängt – und erhielt auf Anhieb 30 Prozent.

Ich selbst wohne im eher bürgerlichen Kaulsdorf, in meinem Wahllokal haben immerhin 20 Prozent AfD gewählt. Ganz so einfach, dass die AfD die Partei der sozial Abgehängten ist, kann es also nicht sein.

Sondern?

Meiner Überzeugung nach sind ein Viertel der Wähler durch klassische Politikinstrumente nicht mehr erreichbar, in den Einfamilienhäusern wie in den Großsiedlungen. Eine Kombination aus Angst, Wut, Vorurteilen hat eine Stimmung erzeugt, nach dem Motto: Denen da oben geben wir’s.

Die Warnung der Altparteien vor der AfD hat diese Haltung noch verstärkt. Sie wollten zeigen, dass sie mit Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik nicht einverstanden sind.

Warum sind die meisten Flüchtlingsunterkünfte in Marzahn-Hellersdorf geplant, wo die soziale Lage schon angespannt ist?

Es gibt sieben Standorte, sechs davon sind im Bau oder Planung, damit liegen wir weit an der Spitze der Bezirke. Wir empfinden das auch nicht als angemessen.

Als der Senat forderte, jeder Bezirk muss zwischen fünf bis neun Standorte benennen, waren wir der einzige, der den Verpflichtung nachkam. Als Grund wurde oft gesagt, in Marzahn-Hellersdorf gebe es mehr Freiflächen, aber das ist eine Frage des politischen Willens.

Viele Bewohner beklagen sich darüber, dass sie nicht über Flüchtlingsunterkünfte informiert wurden.

Das stimmt nicht. Ich war bei der großen Versammlung im Sommer 2013 in Hellersdorf mit über 1000 Menschen, darunter 250 organisierte Rechtsextreme aus ganz Deutschland. Wir alle waren damals überfordert, auch die Polizei. Noch im Jahr zuvor gab es fast keinen rechtsextremistischen Vorfall im Bezirk, und dann aus Anlass des neuen Flüchtlingsheimes entstand plötzlich diese massive Bewegung.

Eine ungesteuerte Veranstaltung, die von Rechtsextremen gekapert werden kann, wollte ich nie wieder haben. Wir haben danach versucht, die Anwohner gezielt einzuladen, etwa 70 bis 200 Personen, damit eine Kommunikation noch möglich ist.

In Marzahn-Hellersdorf hat die AfD Anspruch auf einen Stadtratsposten. Wie sollte man damit umgehen?

Man kann sich nicht einer Partei verschließen, für die 23 Prozent der Wähler gestimmt haben. Wir werden uns den Kandidaten genau anschauen und dann entscheiden, ob wir uns als Fraktion enthalten können. Möglicherweise wird nicht der erste Bewerber gewählt, ich gehe aber von einer Wahl aus. Es reicht ja, wenn der Kandidat mit den eigenen Stimmen der Fraktion gewählt wird.

Wird der AfD-Stadtrat dann das Friedhofsamt bekommen?

Wir werden die Ämter nicht neu zuschneiden, aber es ist schon klar, dass man ihm keine Verantwortung für unbegleitete minderjährige Flüchtlingen oder Integrationskurse übertragen sollte.

Wäre eine Neuorganisation des Bezirksamtes nach Mehrheiten eine Möglichkeit, um die Macht der AfD einzuschränken?

Ich war bereits vor dem AfD-Erfolg für das politische Bezirksamt, weil es Mehrheiten liefert und klare Entscheidungen ermöglicht. In Pankow sitzen jetzt fünf Parteien im Parlament, fünf Stadträte aus verschiedenen Parteien, das ist der permanente Wahlkampf. Und wie vertraulich kann man arbeiten, wenn man eine schwer einzuschätzende Opposition wie die AfD hat, die jede Information sofort ins Netz stellt?

Der SPD-Fraktionschef Raed Saleh hat kürzlich eine Art Abrechnung veröffentlicht, die Partei sei von der Volkspartei zur Staatspartei geworden, müsse sich mehr um Abgehängte kümmern.

Das ist eine Aufforderung, an den Rändern der Stadt präsenter zu sein. Ich bin mir in vielen Fragen mit ihm einig. Es gab vor der Wahl bei uns die Rückmeldung, dass die Menschen sich unsicher fühlen, weil sie Angst haben, dass ihr Haus ausgeraubt wird, weil sie sich nach 17 Uhr nicht aus ihrer Plattenbauwohnung wagen.

Diese Ängste sollten stärker aufgenommen werden. Hätte man als Kommunalpolitiker etwas anders machen können? Das frage ich mich. Aber letztlich wäre die AfD wohl trotzdem bei 23 Prozent gelandet.

Die große Frage ist doch: Wie verhält man sich gegenüber einer emotional gestimmten Wählerschaft, die nicht darauf reagiert, wenn man die Politik ändert. Das sehe ich etwas anders als Saleh, Sachpolitik allein reicht nicht. Man muss den negativen Emotionen der AfD etwas Positives entgegensetzen.

Was müsste in den nächsten fünf Jahren als erstes angepackt werden?

Wir müssen das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Wir brauchen eine akzeptable, überzeugende Sicherheitspolitik, neben der besseren Ausstattung der Polizei muss es eine starke Prävention geben, vom Kontaktbereichsbeamten bis zu guter Beleuchtung im Umfeld von Flüchtlingseinrichtungen. Das zweite große Thema ist die soziale Gerechtigkeit, um den Menschen die Angst vor Abstieg zu nehmen.

Höre ich daraus eine Bewerbung für den Posten als Innensenator?

Nein, der Ressortzuschnitt steht am Ende von Koalitionsverhandlungen, über Personalien entscheidet der Regierende Bürgermeister.

Interview: Sabine Rennefanz